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Das jüdische Blatt · 1913-10-15 · 42/43 (15.10.1913) · p. Seite 2

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
42/43 (15.10.1913)
Date
1913-10-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Das jüdische Klatt. Nr. 42/43. der Armen und Dürftigen, die in deiner Mitte wohnen". (Deuteron. 16.) Unter dem gleichen, schlichten und schwachen Laubdach begeht ja der Reichbegüterte das Fest der Freude wie der Besitzlose, damit der Gottgesegnete sich dem Mitgefühl nicht verschließe und bereit sei, dem Dürftigen von dem eigenen Ueberfluß mitzuteileu, damit auch das Glück des Hilfsbedürftigen durch den Strahl der festlichen Freude erheitert werde. Lehrt ja deb demutsvolle Aufblick zu Gott, wozu das Suckohgebot anleitet, daß Reichtum und Wohlstand nur Seinem Wohlgefallen zu verdanken sind und der Reiche sich nur so lange deren freuen kann, solange es der Wille der göttlichen Waltung ist. Und diese Lebenswahrheit kommt in finniger Weise zum Ausdruck in den Gebeten dieses Festes, wo des Jahres Ernte vollendet ist und wir beruhigt und sorgenfrei in die Zukunft zu blicken uns berechtigt halten. Gar oft sprechen wir gerade in diesen Tagen die Bitte aus: daß der ewige Vater uns nahe sein möge mit seinem Beistand. Wir bekennen damit, daß wir nicht auf die Güter dieser Erde unsere Hoffnung setzen, mögen wir auch in reicher Fülle davon gesammelt haben; sind sie ja nichtig und vergänglich, werden wir sie ja einst nach den sieben Jahrzehnten unseres Erdenwallens verlassen müssen wie wir aus der Laubhütte nach siebentägigem Aufenthalt scheiden. Und dieses unerschütterliche, durch nichts zu beirrende Gottvertrauen, das sich Israel alljährlich in den heiligen Räumen der Laubhütte ins Bewußtsein ruft, wird einst, so verkündet der Mund des Propheten (Secharja 14) zum Gemeingut der Allmenschheit werden. Alle Völker werden, am Ziele aller geschichtlichen Entwicklung angelangt, wenn das Morgenrot der Gotteserkenntnis und des ewigen Friedens am Horizonte der^Nenschheit aufleuchtet, hinaufziehen in die Gottesstadt, um dem Herrn der Welt zu huldigen und das H ü t t e n f e st zu feiern. Rabbiner Schüler. Der Kierver Kituatmordprozeß. Am den Prozeß herum. Die Spannung der Geister ist in den letzten Tagen, die dem Prozeß vorangingen, außerordentlich gewachsen. Es bilden sich auch in den christlichen Kreisen kompakte Mengen heraus, die über die Inszenierung des Ritualmordprozesses entrüstet sind. Arbeiter und Studenten haben Protestversammlungen abgehalten. Die Erregung greift um sich. Eine ernste, feierliche Stimmung schwebt über ganz Kiew, über einem großen Teil Rußlands. Das Bewußtsein wird allgemein, daß der Prozeß für Rußland einen historischen Moment darstellt. Zwei Lager stehen sich einander entgegen, die beide ihre ganze Kraft anstrengen. Sogar konservative, antisemitische Zeitungen, wie „Kiewiliauin" werden von der Wucht der Bewegung mitgerissen. Nach dem ersten Prozeßtage veröffentlichte das Blatt einen sensationellen Artikel, der ihm ungeahnten Absatz brachte. Man riß sich um die Nummer. Man bot für das Exemplar, das sonst 3 Kopeken kostet, bis zu 100 Rubel, also hundertmal so viel. Wahr ist, sagt das Blatt, daß die Juden alles versucht haben, um Beilis Freilassung zu erzwingen. Aber, das muh man sagen, die Anklageschrift gegen Beilis hat weder Hand noch Fuß. „Wie können die russischen Behörden mit einem solch elenden Dokument die öffentliche Meinung der ganzen Welt heraussordern? Die Gerichte sind nicht dazu da, um sich zum Werkzeug der politischen Parteien herabwürdigen zu lassen. Mag es auch im Interesse dieser Parteien liegen, die Möglichkeit des Ritualmords zu beweisen, so steht es dem Staatsanwalt doch keineswegs zu, das Material zu einem derartigen Prozeß zu liefern und sich zu diesem Zwecke des Beilis zu bedienen, wie ein Bivisektor ein Versuchstier gebraucht." Die Zeitung hatte diese Offenheit mit einer Geldstrafe zu bezahlen. Die beiden großen Warschauer polnischen Zeitungen, der Slovo und der Kurier Polski, schreiben Artikel ähnlichen Inhalts und schließen: Ob Beilis der Mörder Justinskys ist, können wir nicht wissen; wir betonen nur, daß wir katholische Polen an das Blutmärchen nicht glauben. (Interessant sind die Aeußerungen amerikanischer Zeitungen. „Evening Post" New- York sagt: Im Tisza—Eslar-Prozeß konnte das judenfeindliche Komplott erst sechs Wochen nach Beginn des Prozesses nachgewiesen werden, so daß der Staatsanwalt die weitere Verfolgung einstellen mußte; in Kiew sei die Ritualmordanklage schon wenige Tage nach Anfang der Verhandlungen zusammengebrochen. Die „Evening Sun" sagt, die Welt müsse erschüttert sein über den Mißbrauch der Amtsgewalten in diesem Prozeß und über den mittelalterlichen Geist, der ihn durchwehe. Im Mittelpunkt des Prozesses wird jedenfalls die Wera Tschebriakowa stehen, um die sich die Verbrecherbande bewegte, die den Mord begangen hat. Man darf im Verlaufe des Prozesses auf Ueberraschungen gefaßt sein, die die Welt in Erstaunen setzen werden. (Diese Ueberraschungen sind bereits eingetreten. R.) Der Journalist Brasul-Bruschkowski hat durch private Untersuchung die geheimen Fäden des Verbrechens ziemlich bloßgelegt und dabei ganz außergewöhnliche Fähigkeiten bewiesen. Die Gerichtsbehörde hat aber das Resultat seiner Untersuchung, das auf die Tschebriakowa hinwies, verworfen. Jetzt ist er sowohl, wie der frühere Chef der Kiewer Geheimpolizei, der sein Gehilfe bei seiner Untersuchung war, als Zeugen geladen. , Sie lassen beide verstehen, daß sie noch nicht alles gesagt haben, was sie wissen. Die Aufgabe der Verteidiger ist eine ungeheure. Ein Labyrinth von Beweisen, Leugnungsversuchen, Widersprüchen, wie bei der Affäre Dreyfuß, gilt es zu entwirren, und dabei von allen Geschehnissen ein so klares Bild zu entwerfen, daß es den Geschworenen verhältnismäßig leicht wird, über die verwickelte und künstlich zusammengeschnürte Anklageschrift hinweg zu kommen. Die Verteidiger haben zum Teil eine Riesenarbeit bewältigt, vor allen Grigorowitsch-Barski. Dieser hat schon zwei Jahre ohne Unterlaß an dieser kolossalen Aufgabe gearbeitet, ohne andere Belohnung als die Befriedigung, im Dienste der Wahrheit zu stehen. Wenn in den Prozeß Licht gebracht wird, wird er einen großen Anteil daran haben. Der Schlüssel des ganzen Wirrsals, in dem der Prozeß sich bewegt, ist die beglaubigte Tatsache, daß Justinsky die Verbrechergeheimniste der Räuberbande kannte, die bei der Tschebriakowa ihr Nest hatte. Er kannte die Macht, die ihm dies Wissen verlieh. Wenn er mit dem verstorbenen Chenia, dem Sohne der Tschebriakowa, in Streit geriet, pflegte er ihm zu drohen: „Ich werde über Deine Mutter sagen, was ich über sie weiß." Er war der Mitwisser der Geheimnisse, darum mußte er verschwinden. Wer hat den Ritualmord aufgebracht? Die Räuber selber oder die Schwarzen Hundert? Die Verteidiger halten das zweite für richtig. Vor dem Beginn. Seit 9 Uhr vormittags ist der Platz vor dem Gerichtsgebäude von Menschen gefüllt. Ein großes Aufgebot von berittenen Gendarmen und Schutzleuten, das Gewehr im Arm, haben den Platz, die Zugänge zum Gerichtsgebäude und zu den Straßen besetzt, die auf den Platz münden. Man darf sich frei bewegen, doch nicht stehen bleiben. Etwa zehn russische junge Leute verkaufen ungehindert an die Vorübergehenden die Gistliteratur der Ritualmordleute. Und solche Dinge werden geduldet, sagen vorübergehende Christen. Freilich, der Gouverneur von Kiew hat gesagt, er duldet keinen Progrom, aber giftige Hetzliteratur ist doch noch

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