Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 41 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Das Mische Klatt. Nr. 41. In dem Gerichtssaal werden 100 Zuhörer vom Publikum zugelasseu. Die Billette wurden aber unter die Kiewer Advokaten, Gerichtsbeamten und sonstige höhere Beamte verteilt. Die Advokaten haben 8 Plätze bekommen, 5 für die vereidigten und 3 für die Gehilfs-Advokaten. Unten im Saal werden die Stenographen fein, auf der Galerie die Journalisten. Biele Korrespondenten auswärtiger Zeitungen sind bereits eingetroffen. Das internationale sozialistische Bureau in Brüssel hat sich an alle europäischen Organisationen gewandt mit dem Anträge, große Massenproteste gegen das Blutmärchen zu veranstalten. Beilis fitzt jetzt schon den dritten Roschhaschono ununterbrochen in feiner Untersuchungshaft und wird jetzt endlich in der Jom Kippurwoche den Beginn seines Prozesses sehen. Bei allem Bösen ist es noch ein Glück, daß der Arme die Qualen dieser unerhört langen und schweren Untersuchungshaft ausgehalten hat. Bukarest. Das Zentralkomitee der rumänischen Juden hat beschlossen, auf den 16. Oktober einen Kongreß zu berufen zur Besprechung der Frage, die die Gleichberechtigung der Juden betreffen. Auf dem Kongreß wird auch die endgültige Redaktion der Bittschrift beschlossen werden, in welcher die Gleichberechtigung der Juden gewünscht wird. Diese Bittschrift ist schon mit 10 000 Unterschriften bedeckt. Sie wird in 100 000 Exemplaren gedruckt und in allen Schichten der Bevölkerung verbreitet werden. Auch soll ein besonderes Preßorgan für diesen Zweck gegründet werden. Es ist begründete Aussicht vorhanden, daß dieser wichtigen jüdischen Versammlung von seiten der Regierung kein Hindernis in den Weg gelegt werden wird. Es sind auch Anzeichen dafür vorhanden, daß in den Regierungskreisen und Hofkreisen eine Veränderung in der Stimmung gegen die Juden eingetreten ist. Wie bekannt, hat König Karol neulich den Chief Rabbi Dr. Gaster von London in der Judenfrage in Audienz empfangen. Und die halboffiziöse Bukarester Zeitung „Adeverul" verteidigt die Juden gegen die antisemitischen Angriffe. Es fei nicht wahr, daß die Juden die Bauern ausbeuten, die Juden seien selber arm. Canada. Das Jiddische Journal in Otronto berichtet über einen interessanten Uebertritt eines jungen Oesterreichers zum Judentum, interessant deshalb, weil dieser nicht veranlaßt wurde von dunklen Augen eines jüdischen Mädchens, sondern hervorgerufen wurde durch den auf prinzipieller Ueberzeugung gegründeten festen Willen. Der junge Mann stammt aus einer Familie von Intellektuellen in Wien, hat an der dortigen Universität studiert, und ist in Otronto Buchhalter geworden. Die wenigen religiösen Vorschriften, die er gelernt hat, hält er streng. Am 22. Dezember wurde in Otronto die Beschneidung vorgenommen, jetzt hat er sich bereits so gut erholt, daß er die Tewila (Tauchbad) hat vornehmen können. Er beginnt jetzt, die Religion systematisch zu erlernen, die 613 Mizwoth lernt er nach der Ordnung und verspricht, ein fähiger Kopf im Lernen zu werden. Obwohl er eine gute Stelle hat, verzichtet er darauf und sucht jetzt eine solche, wo er am Sabbat nicht zu arbeiten braucht. Denn er will Jude sein im vollen Sinne des Worts. Die Leute, die an der Angelegenheit des jungen Mannes sich beteiligt haben, sind von seinem Ernste und von seinen Fähigkeiten überrascht und haben beschlossen, ihm zum Andenken eine goldene Uhr zu kaufen, auf welcher der Tag seines Uebertritts zum Judentum eingegraben werden soll. — Ganz fremd ist der Neophit übrigens nicht, seine Mutter war eine Jüdin (sein Vater ein Christ), und er will jetzt zu dem Eigennamen Abraham den Familiennamen seiner Mutter, Meyers, tragen. gp Korrespondenzen. 11 - Elsaß Kothrlnaerr. -- Slraßburg. Wie wir der „Straßb. Post" entnehmen, wurde Herr Professor Dr. Paul Afch aus Strahburg auf dem in Berlin tagenden Kongreß der deutschen Gesellschaft für Urologie (Blasen- und Harnkrankheiten) zum Vorstandsmitgliede der Gesellschaft gewählt. Professor Asch sprach auf dem Kongreß über den diagnostischen und therapeutischen Wert der Sera und Vaccinen für die gonorrhoischen Erkrankungen. Straßburg. Sicherem Vernehmen nach wird uns demnächst Fran M y r t i l A. B l u m, die Gattin des verstorbenen früheren Konsistorialmitgliedes Herrn Myrtil Blum, verlassen, um nach Versailles überzusiedeln. Wahrlich ein herber Verlust für unsere Gemeinde, besonders für unsere Wohlfahrtsanstalten. Wem wäre die vornehme, feine, wahrhaft fürstliche Gestalt nicht bekannt? Ihre ganze Kraft widmete Frau Blum dem israelitischen Mädchenwaisenhause, dessen Zöglingen sie eine mütterliche Beschützerin war. Seit dem Tode von Frau Oberrabbiner Ury bekleidete sie das Amt der Präsidentin. Frau Blum war auch Mitglied des Komitees für die israelitischen Elementarschulen. Wie verlautet, hat Frau Blum die Absicht, vorerst nur für ein Jahr Strahburg zu verlassen. Wir wollen hoffen, daß sio unserer Gemeinde dann wieder erhalten bleibt. Bliesbrücken. Plötzlich ist am zweiten Tag Roschhaschonoh N. K a h n, 37 Jahre alt, verschieden. Er war im Begriff, in die Synagoge zu gehen, wohin seine Eltern schon gegangen waren, als ihm schlecht wurde. Die schnell herbeigerufenen Eltern fanden ihren Sohn nur mehr als LZche vor. , Rabbiner Dr. Dreifus hielt dem Verblichenen einen rührenden Nachruf, der den vielen der Leiche gefolgten Menschen sehr zu Herzen ging. Er ruhe in Frieden! ,7. II. Epfig. Im Alter von 70 Jahren ist am 2. Rosch-Haschonoh- Tage Frau Wwe. K o s ch e l B l och verstorben. Die Beerdigung, die am Sonntag stattfand, legte Zeugnis ab für die große Beliebtheit, deren sich die verstorbene in ihrem Wirkungskreis erfreute. Von nah und fern waren Verwandte und Freunde der Familie herbeigekommen, um der Toten die letzte Ehre zu erweisen. Ihr Andenken wird ein dauerndes sein. Lingolsheim. Vom Jugendbund. Vergangenen Samstag abend sprach im Vereinslokale Herr Professor Dreyfuß aus Strahburg über die Rassenkrankheiten der Juden. In mehr als einstündiger Rede verstand er es, viel Anregendes den etwa 40 Zuhörern (auch einige Damen) zu bieten, und manch' Fingerzeig wird beherzigt werden. Vor allem legte er der Jugend ans Herz, durch Sport ihren Körper zu stählen, was hier um so leichter möglich ist, da sportliche Vereine vorhanden sind. Nächsten Sukkoth werden auch die Leseabende (Freitags) wieder ihren Anfang nehmen, so daß wir dann in voller Arbeit stehen. Hoffentlich nimmt das Interesse diesen Winter noch zu. Mölsheim. An Stelle des Herrn Weill, der auf den 1. November nach Saarunion versetzt wird, ist Herr S t ü f f e l, zurzeit in Bergheim zum Kantor in Molsheim ernannt worden. Saargemünd. Die politische Gemeindeverwaltung hat vor nicht langer Zeit 4000 Ai bewilligt zu Reparaturzwecken der Synagoge. Von dieser Summe sind jetzt bei einer kürzlich vorgenommenen kleinen Renovierung unseres Tempels einstweilen 1700 Ai abgerufen worden. j z; Affheim (Ob.-Elf.). Der Beginn des neuen Jahres hat unsere Gemeinde in große Allsregung ulld Trauer versetzt, ikldem plötz-