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Das jüdische Blatt · 1913-10-10 · 41 (10.10.1913) · p. Seite 7

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
41 (10.10.1913)
Date
1913-10-10
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 4L Das jüdische Matt. 7 durch die überlegene Ruhe seines Wesens, durch die schlichte Einfachheit seines Auftretens, durch den tief sittlichen Gehalt seiner Persönlichkeit. Jude lind Christ, Inländer und Ausländer kamen mit ihren Schmerzen und Tränen zu ihm; diesem Manne, dieser verschlossenen, diskreten Seele, diesem großen Schweiger konnte jeder das Geheimste seines Herzens enthüllen, konnte man beichten und klagen und an seiner wortkargen Klugheit sich aufrichten und orientieren. Er kannte das Leben in feinen Tiefen und Höhen; selbst Sieger, kannte er die Schwächen und Leiden der Menschennatur, und ohne Salbung, ohne Pathos, sagte er jedem tiefdringenden Miissar, tiefdringende Belehrung. Der Philosoph Paulsen sagt einmal: was früher der Menschheit der Geistliche war, das ist ihr heute der Arzt. Im jüdischen Kreise gilt zwar G. s. D. das Wort nicht. Aber in solch hohem Sinne, mit solchem Verantwortungsgefühl, hat Preuß seinen Beruf erfaßt und erfüllt, hat er sich Dank und Freundschaft bei vielen der Aermsten und Kleinsten erworben. Nebenher ging die große umfassende Forschertätigkeit. Die Nacht wurde ihm zum Tage; der Begriff der Zerstreuung und Erholung wurde aus seinem Wortschätze gestrichen. Wenn man in später Nachtstunde an seiner Studierstube vorbeikam, da saß er noch über dem Talmud und dem Midrasch, um die Hygiene des jüdischen Lebensgesetzes zu erforschen und zu erhellen. Der Gott, der ihm Erfolg im Berns und die Fähigkeit zu gelehrter Arbeit geschenkt hatte, segnete ihn auch mit dem höchsten Erdenglück; ließ ihn ein Weib finden, das ganz in ihm aufging, die in bewunderndem Aufblick zu ihm seine Tätigkeit unterstützte. Sie schuf ihm nicht nur ein trautes Heim, sie verzichtete mit ihm auf Vergnügung und Ablenkung und saß an seiner Seite, die Wörterbücher wälzend, Korrekturen lesend und die aufreibende Kleinarbeit des Schriftstellers ihm erleichternd. So schuf er das Werk seines Lebens: das Werk über „Medizin der Bibel und des Talmud". Ein >Onii<lni',l work. Eine Riesenleistung. Ein Buch von über 700 Seiten, in dem auch nicht ein Wort Phrase, nicht eine überflüssige Silbe sich findet. Ein Buch, das den unermeßlichen Stoff spielend meistert, das dem größten Kenner des jüdischen Schrifttums Neues über Neues zu bieten hat. Ein Buch, das alles in wesenlosen Schatten stellt, was je auf diesem Gebiete veröffentlicht worden ist. Ein Buch endlich, das die gesamte Lehre des Judentums unter neuem Gesichtspunkte zusammenstellt. Wir erinnern uns einer glücklichen Stunde in dem Leben des Dahingegangenen, als er seine Freunde einlud zur Eiuweihung etnernpiP POP, die er sich selbst hatte schreiben lassen. Damals wurde aus berufenem Munde dem Gedanken Ausdruck gegeben: wenn die Thora gebietet: pppi ' PN'Tn miPnrij^Df0 lehrt sie: jeder hat die alte Thora sich neu zu schreiben, jeder kann sie. zu neuer Originalität in sich aufleben lassen. Preuß ist dies gelungen, in seinem Buche hat er die alte Thora neu geschrieben, wie niemand je vor ihm. Und wenn bei dem Erscheinen seines Buches in der gesamten fachmännischen Presse dem Verfasser Lob über Lob gespendet wurde, so foifnte man nicht umhin, auch bewunderud die Größe und Höhe der jüdischen Weisheit und Lehre anzuerkennen. So hat Preuß „die Krone der Thora zu altem Glanze geführt". Das Leichenbegängnis fand am Mittwoch nachmittag auf dem Friedhofe der Adaß-Jisroel-Gemeinde statt. Eiue große Traueroersammlung hatte sich eingefunden, unter ihnen die Dozenten des Rabbinerseminars, Rabbinen der Adaß Jisroel- und der jüdischen Gemeinde und viele ärztliche Kollegen des Dahingegangenen. Dumpfe Trauer über allen. Ein leises Schluchzen ging durch die Reihen, als man den Sarg in die Halle trug. Aus dem Munde des Herrn Rabbiners Tr. Munk erfuhr man die kurze Mitteilung, daß der Tote selbst jeden Nachruf sich verbeten habe. Nur ein Gebet sollte für ihn gesprochen werden. Rußland. Vom Veilisprozeß. Der als Jude geborene Pastor Georg Friedmann veröffentlicht in der deutschen „Petersburger Zeitung" einen scharfen Protest gegen die Ritualmordlüge. Er schreibt, als Sohn eines chassidischen Rabbiners kenne er die Sitten jener Kreise genau, denen die Antisemiten einen Ritualmord Zutrauen. Die Anklage des Ritualmords sei eine infame fanatische Lüge der Kiewer Behörden. Diese schüchterten die fortschrittliche Presse durch tägliche Geldstrafen ein, offensichtlich um während des Prozesses ungestört zu sein. Zur Bestätigung letzterer Angabe wird aus Kiew gemeldet, das dortige Polizeidepartement hat bei der Verwaltung beantragt, die oppositionellen Zeitungen wegen ihrer Veröffentlichungen über den Beilisprozeß zu bestrafen. Die Kiewer Abendzeitung „Posl. Now." wurde denn auch zu einer Geldstrafe von 200 Rubel verurteilt, weil sie Artikel einer Petersburger Zeitung über den Prozeß abgedruckt hat, in denen verschiedene Heldenstückchen der famosen Tschebriakowa, der Mutter des ermordeten Justinsky, mitgeteilt waren. Als Protest dagegen erschien genannte Zeitung mit einer halben Seite, die ohne Druck ganz weiß war und die die Fortsetzung der Artikel über die Tschebriakowa hätte bringen sollen. Auch der „Kiew Misl." wird wegen ähnlicher sogenannter Vergehen verfolgt. Ter Prozeß beginnt am Mittwoch, 8. Oktober. 219 Zeugen und 14 Sachverständige sind geladen. Diejenigen Experten, die noch leine schriftliche Ladung erhalten hatten, wurden telegraphisch geladen. Auch Uebersetzer aus griechischer, französischer und deutscher Sprache wurden berufen. Man schätzt die Dauer des Prozesses auf einen Monat. Die Geschworenen, die wohl nach Ansicht der Behörden von der Außenwelt abgeschlossen werden sollen, wohnen im Gerichtsgebäude. Nur untertags dürfen sie das Gerichtsgebäude verlassen und dann nur in Begleitung von Schutzleuten. Außer den früher bestimmten Advokaten werden als Verteidiger des Beilis noch auftreten der Advokat Maklakow, Bruder des Ministers des Innern, und der bekannte Petersburger Advokat Sarutni. In den letzten Tagen wurde bekannt, daß auch Grigorowitsch-Barski, der mit den Einzelheiten des Prozesses besonders gut vertraut ist, ebenfalls als Verteidiger zugelassen ist. Die Verteidiger haben sich ihre Aufgabe auf folgende Weise verteilt: Sarutin wird beweisen, daß die Ritualmordlüge eine Lüge ist. Grusenberg wird die Rolle der Diebesbande beleuchten, die sich um die Tschebriakowa als Mittelpunkt bewegt hat und deren Beziehungen zum Justinsky-Mord ausdecken. Karabtschewski und Maklakow unternehmen die allgemeine Verteidigung. - Außerdem siud nach Kiew gekommen der Vizedirektor des Justizministeriums, der Chef des Sachverständigen-Komitees und der erste Staatsanwalt des Petersburger obersten Gerichtshofes; diese wurden sämtlich vom Justizministerium nach Kiew abgeordnet. Der Justizminister hat befohlen, daß ihm täglich genau Berichte über den Gang des Prozesses zugestellt werden. Diese werden verfaßt von einem Staatsanwalt des Kiewer Kreisgerichts. Der Prozeß ist, wie man sieht, von großer allgemeiner politischer Bedeutung. Der Rabbiner Masse von Petersburg, der als Sachverständiger in Sachen der jüdischen Religion geladen ist, befindet sich bereits in Kiew und studiert die Akten des Prozesses. Eingetroffen sind von der Gegenseite der katholische Geistliche Pranaitis, und der berüchtigte Antisemit Schmakow.

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