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Das jüdische Blatt · 1913-10-10 · 41 (10.10.1913) · p. Seite 6

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
41 (10.10.1913)
Date
1913-10-10
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 Das jüdische Matt Nr 41 Auch seien die aufzubringenden Mittel kein Hindernis. Im Gegenteil infolge der zu erwartenden Zuschüsse des Staates und der Genieinden würden Mittel frei, die dann zur Unterstützung leistungsschwacher Gemeinden verwendet werden könnten. Der Redner schloß mit der Aufforderung, mit aller Kraft für die jüdische Volksschule einzutreten, die ein Segen für die jüdische Jugend sei. Es entspann sich eine angeregte Diskussion, an der die Herren Dr. Victor- Wandsbeck, Sanitätsrat Dr. Jakob- Kiel, R. A. Tannenwald- Kiel, Dr. Kalmus- Hamburg, Ed. Levif o h n - Hamburg und Unna- Altona teilnahmen, die sämtlich für die Notwendigkeit der Errichtung jüdischer Volksschulen ganz besonders für Großgemeinden eintraten. Folgende Resolution wurde darauf angenommen und dem D.-J. Gemeindebunde in Berlin übermittelt. 1. Die Versammlung beantragt beim Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, die Frage der jüdischen Volksschule, sowohl aus sachlichen Gründen als auch im dringendsten Interesse des Bundes selbst, auf die Tagesordnung des am 7. Dezember dieses Jahres in Berlin stattfindenden Gemeindetages zu setzen. 2. Die Versammlung tritt im Interesse der religiösen Erziehung der jüdischen Jugend und im Interesse des jüdischen Lehrerstandes für die jüdische Volksschule ein. 3. Die Versammlung hält es unter den gegenwärtigen Verhältnissen im Interesse der Gleichberechtigung für die Pflicht gerade der jüdischen Großgemeinden, jüdische Volksschulen zu errichten. Die Volksschulfrage im Ausschuß des D.-J. Gemeindebundes. Berlin. Die Volksschulfrage kam in der Sitzung des Ausschusses des D.-J. Gemeindebundes am 28. September in Berlin zur Beratung. Das Verlangen des Lehrerverbandes, die Angelegenheit der Volksschule auf die Tagesordnung des nächsten Gemeindetages zu setzen, wurde abgelehnt, mit 11 gegen 6 Stimmen wurde beschlossen, alle Beziehungen zum Lehrerverband zu lösen. Ein Vermittlungsvorschlag des Ausschußmitgliedes Rabbiner Dr. Nobel- Frankfurt a. M. wurde verworfen. Direktor Adler- Frankfurt a. M. und Rektor Feiner- Hamburg verließen vor Schluß der Sitzung den Saal, und es verlautet, daß diese und andere Mitglieder des Ausschusses demissionieren werden. Saniläksral Dr. Julius Preuß. Dem in Berlin vorige Woche verstorbenen Sanitätsrat Dr. I. P r e u h widmet Dr. Jos. C a r l e b a ch in der „Jüd. Presse" einen tiefempfundenen Nachruf als Scheidegruß an den großen Gelehrten, Arzt und Juden; wir geben daraus die wichtigsten Stellen im folgenden wieder: Im Anfänge der sechziger Jahre ist Preuß in einem kleinen Orte der Mark Brandenburg geboren. Sein Elternhaus war das einzige jüdische Haus des Ortes, aber doch ein jüdisches Haus, wo unter großen Opfern der Tisch geweiht und der Sabbat heilig war. In Angermünde erhielt auf der höheren Bürgerschule der Knabe einen ersten Unterricht, zeigte dabei aber solch auffällige Begabung und ernsten Fleiß, daß der Rektor dem Vater erklärte: „und wenn ich mir das Geld borgen müßte, ich würde solch fähigen Sohn studieren lassen." Da wurde er nach Prenzlau auf das Gymnasium geschickt. Hier in einer Pension spottet man darüber, daß er die Speisegesetze hält . . . Das bringt den jungen Preuß zum Nachdenken. Warum spottet man seiner? Er will sich Klarheit schaffen über Sinn und Bedeutung dieser Gesetze. Da hat ihn die Vorsehung dem rechten Mann zugeführt. Preuzlau hatte einen hochbedeutenden, talmudisch tiefgelehrten und wahrhaft frommen Rabbiner: den jetzigen Oberrabbiner Dr. Ritter in Rotterdam. Zu diesem kommt Preuß ins Haus, — er will klar sehen und will von ihm eingeführt sein in die Lehre. Und weil sein Lehrer selbst ehrlich ist, ihn nicht belügt, daß das Judentum eigentlich nur eine ethische Sonntagspredigt darstellt, weil er ihm sagt, daß, wer Jude sein und seine Religion verstehen will, lernen und nochmals lernen müsse, aber lernen müsse, um zu erfüllen und zu üben und zu tun, bereit sein müsse zu Opfern über Opfern und vor keiner Konsequenz feige Halt machen dürfe, so schlägt der junge Mann das Buch des Lebens auf, um es bis zum Tode nicht wieder zu-schließen. Voll Erfolg und Ehre verläuft seine Schulzeit, ebenso wie das anschließende medizinische Studium in Berlin, wo bei der Prüfung selbst der gefürchteste aller Dozenten, der alte Virchow, still zuhört und bekennt: „Sie können medizinisch denken!" Aber nicht das interessiert uns hier an erster Stelle. Der Grund, den der Gymnasiast gelegt, befestigt und vertieft der Student; und auch hier wieder die glückliche Führung der Vorsehung. In Berlin wirkte Esriel Hildesheimer S"f, und schuf dem Judentum eine neue Stätte; schuf ein Milieu voll religiösen Lichts und Lebens. Hier hatte der selige Rabbiner Biberfeld im Beth Hamidrasch sein Zelt aufgeschlagen, daß wenn man kam und wer auch kam, immer die Gemoroh offen und den Lehrer bereit fand. In dieser glücklichen Umgebung ist Preuß zum Manne gereift. Der junge Arzt kehrt zur ersten Praxis in seinen Geburtsort zurück, um seinen Eltern die Freude seines Wirkens zu gönnen, die er ehrte und verehrte in unüberbietbarer Weise. Aber in dieser religiösen Wildnis, in dem Golus des Golus landärztlicher Tätigkeit hat Preuß sich nicht verloren. Mit übermenschlicher Energie hat er hier an sich selbst gearbeitet. Die Gemoroh hatte er bei sich, aber den Lehrer mußten des Lexikons dürre Spalten ersetzen. Und die Thora hatte ihn zu einem vollkommenen Frommen gemacht. Er hat sich selbst gezwungen. Keinen Tag außer am Freitag abend aß er nach 6 Uhr mehr als eine trockene Semmel, trank er etwas anderes als ein Glas Wasser. Er schlief auf einer Matratze und deckte sich mit dünner Decke zu, daß ihm im Winter oft der Frost die Glieder schüttelte. Jede freie Minute aber galt dem Talmud. Brot in Salz aß er, Wasser vom Kruge trank er, auf dem Boden sein Lager und in der Thora sein Mühen und Sinnen. Mit Ezechiel durfte er sprechen: THfnn N'b nWn HKEIE mb DV2- Tie sittliche Höhe der Stammväter hat er sich errungen. Jünglinge meines Volkes DT*? nü was wollen wir dereinst sagen, wenn man uns dieses Beispiel anklagend entgegenhält?? Obwohl räumlich getrennt von den großen Lehrern seiner Lehrjahre, bleibt er geistig mit ihnen in innigem Konnex. Esriel Hildesheimer erhielt aus Groß-Schönebeck die ersten Schaalot über ärztliche Anliegen, hier sorgt sich ein junger Mediziner, wie er es mit der ro&f mit dem Honorar für am Sabbat geleistete ärztliche Hilfe halten soll. Von hier aus gehen die ersten Veröffentlichungen von Preuß über talmudische Medizin in die Welt: der junge Gelehrte, der in der Wiener medizinischen Wochenschrift sich durch mehrere Arbeiten als selbständiger Forscher präsentiert hat, erlaubt sich der christlichen Welt mitzuteilen, daß in der Geschichte der Medizin der Talmud ein Wort, ein gewichtig Wort mitzureden habe. Aber die völlige religiöse Isolierung auf dem platten Laude war auf die Dauer nicht zu ertragen. So siedelte er denn nach mehrjähriger Praxis in seinem Heimatorte nach Berlin über. Mit offenen Armen nahm ihn der Kreis der Frommen auf. Hier war das rechte Feld für seine Wirksamkeit, hier die Atmosphäre, die ihm als Lebenslust unentbehrlich war. Nach kurzen Wanderjahren kamen jetzt die Meisterjahre. Mit schier unglaublichem Fleiß und schrankenloser Pflichttreue maß er den Kreis des Kreis des Wollens und Vollbringens. In einem der ärmsten Viertel Berlins ließ er sich nieder, dem einfachen Manne wurde er der Arzt, der Hausarzt. Hier konnte er rechten Segen stiften,

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