Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 41 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Das Mische Klatt. Nr. 41. Christen zur Ehrenrettung des Judentums überhaupt noch nötig sind. Dem Christentum gereicht übrigens dieses verruchte Treiben der Blutlügenhetzer auch nicht zur Ehre. Dr. Desider Balthasar, reformierter Bischof, schreibt: Die Zeit der Schlußverhandlung des Beilis-Prozesses naht heran. Als der unansehnliche Vertreter der Aufklärung und Menschenbrüderlichkeit halte ich es für meine Pflicht, vor der großen Oeffentlichkeit zu erklären, daß ich die Blutbeschuldigung als eine SchandedesChristentums ansehe. Vergebens wird bei der Verhandlung der Ritualmordprozesse das Judentum physisch auf die Anklagebank gezerrt, denn geistig sitzt doch das Christentum auf der Anklagebank. Dasjenige Christentum, das nicht fähig ist, seiner eigenen Wahrheit zu vertrauen, und an Stelle der ehrlichen Waffen, des Kampfes der Geister die Gewalt des Heidentums benützt, um Gegner zu überzeugen, In einem solchen Christentum liegt weder das Licht der Weisheit noch die Wärme der Liebe. Ohne diese beiden aber bleibt das Christentum noch hinter dem Heidentume zurück, welches mit diesen Tugenden sich wenigstens nicht gebrüstet hat. Das Judentum lebt gemäß jenen weisen Gesetzen, von welchen der Heiland selbst sagte, daß er nicht sie zu beseitigen, sondern zu erfüllen gekommen. Zu erfüllen mit Liebe. Christus selbst beschimpft daher jeden Christ, der den Menschenmord als die Folge des jüdischen Geistes hinstellt. Mit der ganzen Empörung meines sittlichen Gefühles weise ich eine Solidarität zwischen mir und dem gehässigen, entstellten Christentum zurück. Indem ich zurückdenke an jene Bestialitäten, welche die Inquisition an meinen Vorfahren verübt hat, wende ich mit dem Klassengefühle des gemeinsamen Schicksales und der Wärme der brüderlichen Liebe dem verfolgten Judentums zu. Und möge die schändliche Kiewer Verhandlung wie immer ausfallen, ich sehe das Judentum als ein moralisches Ganzes in dem intakten Vollbesitze aller ihrer Werte und Verdienste aus dem politischen System der widerwärtigen Hinterhalte hervorgehen. Empfangen Sie usw. Dr. Desider Balthasar. Dr. Alexander Gießwein, Kanonikus, Reichstagsabgeordneter, Präsident der christlich-sozialen Partei, schreibt: Ich gestehe, daß ich die Einzelheiten, ja selbst das Meritum des Beilisprozesses nicht kenne, und weiß daher nicht, ob hier von einer neuen Erscheinung der Ritualmordlegende oder von einem Strafprozesse die Rede ist. Ich kann mich bei solcher Unorientiertheit daher nur allgemein äußern. Ich muß aber für alle Fälle es verurteilen, daß selbst, wenn es sich um ein wirkliches Verbrechen handelt, dieses mit der Blutbeschuldigung in Zusammenhang gebracht wird und daß man wegen eines eventuellen Verbrechers eine ganze Nation und Konfession anschwärzen und unter das Volk die Keime des religiösen und Rassenhasses säen möchte. Gegen ein solches Vorgehen müssen wir im Namen des Humanismus auf das Entschiedenste Verwahrung einlegen. Mit aufrichtiger Hochachtung Dr. Alexander Gießwein. * * * Auf Ersuchen des Chief Rabbi von England, Dr. Her tz, hat der Kardinal-Erzbischof B o u r n e von London folgende Antwort gegeben: Mit Bedauern höre ich, daß Anklagen auf Ritualmord in Rußland erneuert werden. Die katholische Kirche hat, wie Sie sagen, und soviel ich weih, stets anerkannt, daß derartige Anklagen weder in dem religiösen Glauben noch in der religiösen Uebung des jüdischen Volkes eine Begründung haben. Ich vertraue daraus, daß dieser Tatbestand allgemein anerkannt wird und daß, wenn ein Verbrechen begangen worden sein sollte, dieses nicht Beweggründen zugeschrieben werden wird, die in Wirklichkeit nicht bestehen. Ihr ergebener Francis, Kardinal Bourne. * * * Treffend, mit scharf zugespitzter Pointe, ist die Zuschrift des Rabbiners S a l o m o n von Manchester, die er an den „Manchester Guardian" gerichtet und die in dieser Zeitung am 29. September erschienen ist: Die höchsten Würdenträger der Kirche, die bedeutendsten Vertreter der Wissenschaft und Literatur, die Führer eines jeden Zweiges der sozialen und wirtschaftlichen Betätigung haben ihren Protest zu Protokoll gegeben. Das verrückte und grundlose Wesen der Ritualmordlüge ist wieder einmal vorgelegt worden, doch die russische Regierung ist taub gegen die Stimme der Menschlichkeit und das jüdische Volk ist wieder einmal das Opfer dieser brutalen Parodie auf die Gerechtigkeit, das man „russisches Gericht" nennt. „Was können wir in einer so finstern Nacht tun?", war das Motto eines während der französischen Revolution veröffentlichten Pamphlets. „Harret auf den Morgen", war die Antwort. Doch wir sind des Wartens überdrüssig und Verzweiflung krampst uns das Herz zusammen, wenn wir von dieser schmutzigen Verschwörung lesen, von der ein harmloser und unglücklicher Mann umklammert wird, wenn wir lesen, wie seine Zeugen eingeschüchtert oder ferngehalten werden. Und nun müssen wir sehen, wie mit raffinierter Grausamkeit der für die Gerichtsverhandlung festgesetzte Termin der 8. Oktober ist, einer der zehn Tage der Buße zwischen dem Neujahr und dem Versöhnungsfest, wo fromme Juden in gedrückter Stimmung und unfähig sind, sich gleichwertig mit dem nervenerschütternden Foltergericht eines Staatsanwalts zu messen. Aber wer sind denn eigentlich unsere Feinde? Was für eine Schicht der russischen Gesellschaft hegt einen so bodenlosen Haß gegen das jüdische Volk? Man sagt uns, es sei das Bauernvolk! Aber wir lesen ja von Petitionen, die die Dörfer machen, die Städtchen werden möchten, damit die Juden unter ihnen wohnen bleiben dürfen. Die Handelskreise vielleicht? Was sollen wir aber von den Hunderten von Protesten halten, die sich gegen den Ausschluß der Juden von den großen Märkten erheben?.Was die Intellektuellen denken, das wissen wir bereits durch ihren edlen Protest. Unsere Feinde sind die Autokraten, die Häupter der Bureaukratie, für welche der Intellektualismus ein Teufelsgegenstand ist, und die ihre einzige Rettung in einer restlosen Unterdrückung erblickt. Der Jude stellt die intellektuelle Kraft dar, das durchdringende Auge der Kritik, die mehr als einmal die verrohten Fundamente freigelegt hat, auf denen das russische Reich ruht. Er kommt ihnen wie gewünscht, den herrschenden Klassen zur Deckung ihrer Uebergriffe und ihrer Korruption. Ihm kann alles zur Last gelegt werden, da er keine Genugtuung verlangen kann, und wenn das Bauernvolk und der Mittelstand müde sind, zu Füßen der habgierigen Bureaukratie geplündert zu werden, so wird ihnen der Jude als Sündenbock hingeworfen. Der frühere Oberrabbiner von Dänemark erzählte mir eines Tages von einer Audienz, die er einmal beim früheren König von Dänemark, Christian, hatte. Der Rabbiner flehte ihn an, seinen Einfluß für eine bessere Behandlung der Juden in Rußland einzusetzen. „Es tut mir leid", antwortete er, „daß meine Tochter eine derartige Antisemitin ist. Man darf sich die wirkliche Wahrheit nicht verhehlen, daß die Lösung des Problems hier liegt. Aber was können wir machen? Wir können von England nicht verlangen, daß es sich in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates mische, aber wir können verlangen, daß englische