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Das jüdische Blatt · 1913-10-10 · 41 (10.10.1913) · p. Seite 3

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
41 (10.10.1913)
Date
1913-10-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 41. Das jüdische Slatt. 3 Diesen V"ID"1D 'HP »beiden Vermittlern der Sünde", dem Gelüsten des Herzens und der Lüsternheit des Auges, folget Ihr. Dbm rus‘n pyn, was das Auge sieht, danach verlangt das Herz, verlangt danach mit aller heißen Gier. Was äußerlich glänzt, mit seinem Schimmer das Auge besticht, das bildet den Brennpunkt alles Wünschens und Strebens. Das zu besitzen, was das Auge bei anderen sieht, niemandem nachzustehen an äußerem Prunk, das Haus anzufüllen mit kostbaren Hölzern, mit unnützen zerbrechlichen Gerätschaften, den Leib zu behängen mit teueren, bunten Gewändern, mit auserlesenem funkelndem Geschmeide, daran setzt der jetzige Mensch alle seine Kraft, dafür setzt er sein Teuerstes und Heiligstes ein, dafür rinnt ihm der Schweiß heiß von der Stirne, dafür quält er seinen Leib und seinen Geist. Ja selbst seinen Geist spannt er an zum Sklavendienste der alles beherrschenden Eitelkeit. Dieser sind gewidmet und tributpflichtig alle Erfindungen und Entdeckungen der Kunst und Wissenschaft, auf die unsere Zeit so stolz ist. Nach außen hin hat der Mensch den Schwerpunkt seines ganzen Seins verlegt. Innere Beruhigung, innere Befriedigung, innere Beseligung, die kennt der Mensch der Jetztzeit gar nicht. Innere Freuden des Gemütes, innere Genüsse der Seele, innere Schätze des Herzens, innere Vorzüge des Geistes, sie haben keinen Wert mehr, weil sie eben Inneres und innerlich sind, weil sie äußerlich nicht glänzen, weil man mit ihnen nicht prunken kann. Wie sollte aber die Heiligkeit des Geltung haben bei Menschen, denen nichts gilt als die Aeußerlichkeit? Uns, meine Brüder und Schwestern, macht man in der Jetztzeit den Vorwurf, daß wir an Aeußerlichkeit und Eitelkeit, an Aufwand und Prunksucht alles zu überbieten suchen, daß in unserem Kreise jeder durch auffallende Hausführung, durch auserlesenen äußeren Schmuck die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken trachtet. Und diese Anklage ist gegen manchen von uns nicht ganz unbegründet. Die Schwere dieses Vorwurfs trifft uns um so mehr, weil es eben in unserem Kreise ganz anders sein müßte. Bieten uns doch unsere treuesten Freunde, unb pQw, die Innerlichkeit und in ihrem Gefolge die Genügsamkeit, die Entbehrungsfähigkeit, die Entsagungskraft, die Einfachheit, die Seelenfreudigkeit als die höchsten Schätze dar. Ach, so lange wir diesen treuen Freunden die gebührende Achtung und Ehrung zollten, war das Innere unserer Häuslichkeit ausgeschmückt mit frommer Sitte, da bestand der Schmuck der Frauen in gemütlicher Frömmigkeit, da zierte keusche Unschuld unsere Töchter, da glänzten unsere Jünglinge durch Liebe zum Wissen, da überboten wir alles durch Opferwilligkeit für Glaube und Religion. Wohlan denn! Die beiden treuen Freunde sind heute unsere hohen Gäste, beherzigen wir die Lehren, befolgen wir die Ratschläge, die sie heute gemeinsam erteilen. Sie verweilen heute bei uns den ganzen Tag. Bei ihrem Scheiden werden sie ausrufen 1">!-l^^,ihr sollt rein sein, ihr sollt rein bleiben. Der allgütige Herr, der uns beide als die Schutzengel eueres Leibes ausgesandt, Er, der Allbarmherzige, der unsp^^funbpp^ genannt, gewähre euch für die Vergangenheit Verzeihung und Vergebung, für die Zukunft Festigkeit und Unerschütterlichkeit. Ein Innenleben habt ihr heute zu führen begonnen, Verinnerlichung soll auch ferner euere Losung sein. Kommt einer von uns, der nahe wohnende Freund, der Sabbat, bald wieder, er finde euch geheiligt und gesegnet, geheiligt durch die Standhaftigkeit in der Glaubenstreue und in dem tatsächlichen Glaubensbekenntnisse, gesegnet durch liebevolle Hingebung an eueren heiligen Beruf und an euere heilige Bestimmung. Und darauf sagen wir aus der tiefsten Tiefe der Seele: Amen, Amen! Der cherichtsla^. Heute, drei Tage vor Jom Kippur, beginnt der Beilisprozeß in Kiew, drei Tage vor Jom Kippur, nachdem der arme Beilis dreimal hintereinander den Rosch Haschonoh im Gefängnis hat verbringen müssen. In drei Tagen ist der Tag des göttlichen Gerichts. Gott in seiner unbestechlichen Wahrheit hält die Wage der Gerechtigkeit über Einzelmenschen und Völker. Zitternd nahen wir alle seinem Richterthrone. Heute, drei Tage vor dem großen Tage des erhabenen göttlichen Gerichts, sind wir alle, nicht nur Beilis allein, vor ein düsteres, befangenes, russisches Gericht geladen. Wir zittern nicht, denn wir sind sicher, Wahrheit wird siegen, die Unschuld wird triumphieren. Wir zittern nicht, wir trauern. Esist ein Trauertag für uns, wie wenn Vater oder Mutter auf der Erde liegen, es ist ein Trauertag für uns, wie Tifcho be Aw, finster, voll Wehmut und Betrübnis. Die Seele unseres Volkes, unsere Ehre, unsere göttliche Lehre, die unsterbliche und vollkommene, wird vor das Gericht — das russische Gericht! — gezerrt, sie soll sich verteidigen, ob sie nicht in einer verborgenen Falte einen Blutstropfen versteckt! Unsere Mutter, die Mutter der Religionen, die Mutter des Christentums, unsere Religion, die Religion unserer Väter soll vor Gericht beweisen, daß sie keine Mörderin ist! Weh der europäischen Kultur, daß die Schande dieser teuflischen Lüge im 20. Jahrhundert aufkommen konnte! Grau und bleiern hat sich dieser Tag erhoben. Sonne, kannst du den Tag bestrahlen, an dem finsterer Glaubens- und Rassenhaß den Stuhl des Gerichts besteigt? Sonne hülle dich mit uns in Trauer, damit du diesen verzweifelten, verruchten Kampf nicht schauest. Gegen die Religion Israels, die eine Tochter Gottes ist wie du, gegen das Volk Israel, das als Gotteskämpfer durch die Welt schreitet wie du. Daß deine reinen Strahlen das Gericht nicht bescheinen, das dem Angeklagten die Verteidigung verkürzt, das die Geschworenen unter Polizeiwache stellt, das mit den früheren Mächten der Nacht einen Bund geschlossen hat an dem hellen Mittag der europäischen Kultur! Die russische Gasse herrscht im russischen Gerichtssaal, darüber haben wir zu trauern. Wir trauern, aber wir zweifeln nicht. Der große Tag des erhabenen göttlichen Gerichts wird auch über dem Menschengericht in Kiew aufgehen, er wird die Nebel des Unrechts zerreißen, die Bosheit wird er zu Boden schlagen, die Unschuld des Beilis, die Ehre des jüdischen Volkes, die Erhabenheit der Lehre Israels wird er triumphierend bestrahlen wie in den Tagen der Vorzeit. Vielleicht wird dieser erhabene Tag des göttlichen Gerichts auch für Rußland der Verkünder einer neuen Zeit der Freiheit und Gerechtigkeit. Dann werden wir entzückt unsere Trauer abschütteln und Gott danken, daß er uns, das Volk der Märtyrer, berufen hat, durch unser Martyrium ein Scherflein beizutragen zum Siege der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit, der Freiheit. Proteste gegen die Vtnilttge. Das jüdisch-ungarische Blatt „Egyenlöseg" hat an die angesehensten christlichen Persönlichkeiten Ungarns das Ersuchen gestellt, ihre Meinung zum Beilisprozeß zu äußern. Unter den Antwarten, die das Blatt erhalten hat, seien nur die zweier geistlicher Würdenträger hervorgehoben, die des reformierten Bischofs Dr. D. Balthasar und die des Präsidenten der christlich-sozialen Partei, Mitglied des Reichstags, Dr. Alexander G i e ß w e i n s. Freilich, die Schamröte steigt einem ins Gesicht bei dem Gedanken, daß im 20. Jahrhundert derartige Proteste von erleuchteten

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