Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 40 (2.10.1913)
- Date
- 1913-10-02
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Das jüdische Klatt Nr. 40- Gesellschaft einen schweren Verlust zu beklagen. Gestern starb der weit über die Grenzen unserer Stadt hinaus bekannte Herr Emanuel Ettinghausen im Alter von 68 Jahren. Der Verstorbene war langjähriges Mitglied des Vorstandes der Religionsgesellschaft. Viele jüdische Institutionen, wie Freie Vereinigung, Hilfsverein, Bikkur Cholim ufw., verlieren in ihm eilten tüchtigen Mitarbeiter und Kassierer. Dadcn. Zreiburg. Am 25. September, abends, ist hier ein schreckliches Unglück passiert. Ein Mann von ca. 39 Jahren, Herr Adolf Weil, Weinhändler, wurde von einem Auto überfahren und lebte nur noch kurze Zeit. Er hinterläßt eine Frau mit einem Töchterchen von zirka 8 Jahren. Die Teilnahme ist allgemein. Möge 171 der Familie seinen Trost verleihen. Gailingen. Zu den Wünschen des israelitischen Geschäftsreisenden, der religiös lebt und keine Entschuldigung für Maachol tarfus oder Mechallell Schabbos kennt, sondern sich strenge an die Vorschriften der Religion hält, gehört auch, daß er, nach überstandener sechstägiger Plage sucht, deu Schabbos da zu verbringen, wo auch wirklich noch etwas vom Schabbos zu bemerken ist und nicht nur beim Gottesdienst allein. Auch mir ergeht es so. Darum suche ich seit Jahren auf meinen Schweizerreisen den Schabbos in Baden b. Zürich oder Luzern zuzubringen. Auf Veranlassung von Freunden besuchte ich dieses Mal auch Gailingen, die allbekannte badische Khillo an der Schweizer Grenze, um dort das Schabbosleben kennen zu lernen. Ich muh sagen, es fiel mir unwillkürlich der „Rosch Hakol" des „Jüdischen Blattes" ein, der so markant und sarkastisch immer wieder Mahnungen bringt, daß das echt jüdische ehemlige Khilloleben nicht beseitigt werden soll. In Gailingen könnte er in der Tat finden, daß das jüdische Khilloleben des Schabbos noch vorbisherige Zurückhaltung. Zunächst will ich Ihnen Mitteilen, daß ich aus hiesiger Gegend stamme. Vor 40 Jahren hatte mich mein seliger Vater in dieser Stadt in ein Geschäft als Lehrling geschickt; damals war ich ein 15 jähriger Junge. Dem Beispiel meiner Eltern folgend, übte ich tagtäglich meine religiösen Pflichten aus. Noch wurde der Sabbat mit aller Heiligkeit gefeiert, und auch mein Chef schloß jeden Freitag abend den Laden ab, um ihn erst am Sonntag morgen wieder zu öffnen. In demselben Hause, wo ich mein Zimmer hatte, wohnte eine achtbare jüdische Familie, deren Sohn, im gleichen Alter wie ich, die hiesige höhere Schule besuchte. Den Sabbat verlebten wir stets zusammen, sei es durch Lesen von Büchern, die er aus der Bibliothek mitbrachte, sei es durch gemeinsame Spaziergänge auf den alten Wällen dieser Stadt. An einem Sabbat mußte ich einmal wegen eines Unwohlseins das Bett hüten, so daß ich meinen Kameraden nicht anfsuchen konnte. Er kam wohl auf mein Zimmer, um nach mir zu sehen, entfernte sich aber nach kurzer Zeit, um mit seinen Eltern auszugehen. Am Sonntag morgen, als der Prinzipal das Bureau betrat, fand er die Schublade seines Schreibtisches erbrochen. Eine Summe von ungefähr 4OO Mark, die er am Freitag abend mit nach Hause zu nehmen vergessen hatte, sowie mehrere Briefmarken und ein kleines goldenes Medaillon, auf dem der Name Gottes eingegraben war, waren verschwunden. Die Polizei wurde sofort benachrichtigt. Da sich an der Ladentüre keine Spur von Einbruch vorfand, mußte angenommen werden, daß nur eine mit dem Ort vertraute! Person den Diebstahl ausgeführt hatte, die sich eines Nachschlüssels J bedient und nach erfolgter Tat das Lokal wieder abgeschlossen hatte. Wir waren drei junge Leute im Hause angestellt. Wir wurden ins Verhör genommen, aber keiiter von uns wollte die Händen ist. „Alle leben für Einen, Einer für Alle". Der ganze Charakter zeigt sich in einem wahren jüdischen Familienleben. Schon das Entree am Freitag nachmittag in dem Orte, zeigt dem ankommenden Fremden, daß der l. Schabbos herannaht. Die Damen in und außer dem Hause mit den Vorbereitungen zum Feiertage beschäftigt, die Herren, welche von ihren wöchentlichen Abstechern zurückgekehrt, begrüßen sich gegenseitig und erzählen sich die Neuigkeiten der Woche auf der Straße, auf den Bänken vor den Häusern sitzend, bis die Zeit herannaht, wo man zur Synagoge geht. Die Synagoge selbst, welche 1835 erbaut wurde, macht in ihrer Größe und Einfachheit einen vornehmen Eindruck, und zeigt, daß die Khilla einst noch bedeutend größer war. Der Gottesdienst mit seinem vorzüglichen, geschulten Männerchor, darf getrost demjenigen in den größten deutschen Gemeinden angereiht werden, sowohl hinsichtlich der Ruhe und Andacht der Gemeinde, als auch der hübschen Gesänge. Samstag morgen nach der Synagoge werden die allüblichen familiären und Pflichtbesuche gemacht, die jedoch manchmal hintangesetzt werden müssen infolge des ebenso pflichtgemäßen Besuchs der diversen Schiurim der Vereine oder auch in Privathäusern, die allsabbatlich abgehalten werden. Wenn auch nach Tisch ein Stündchen der Ruhe dem Mittagschläfchen gilt, oder die Jugend die Zeit mit einem Spaziergang in der hübschen Gegend — (Gailingen liegt an einem Weinbergabhange, dessen Spitze ein hübscher Wald bedeckt, und an dessen Fuß der Rhein vorüberzieht) — ausfüllt, so ladet der Talmud-Thoraverein nach Mincha wiederholt zu einem Chaje Odom Schiur ein, an welchem sich kleinere Vorträge über religiöse Begebenheiten früheren jüdischen Lebens anreihen. Dieser Schiur dehnt sich manchmal bis zu der Zeit aus, wo Ledovid boruch den Beginn des Sabbatendes anzeigt. Wenn ttun Haftolo gemacht ist und der Fremde wieder an seine Wanderung denken muß, so hat er das frohe Bewußtsein, einen genuß- Tat begangen haben. Jetzt wurden unsere Koffer untersucht. Als die Reihe an mich kam, fand man in der Westentasche meines Sabbatkleides einen Schlüssel, der zur Ladentüre paßte und die gestohlenen Briefmarken. Wie diese Sachen dorthin gekommen waren, war ich nicht in der Lage anzugeben. Obschon ich meine Unschuld aufs Heiligste beteuerte, waren Beweise genug vorhanden, um mich für den Dieb zu erklären, mich sofort zu verhaften und ins Gefängnis abzuführen. Mein Vater, der von diesem Vorfall in Kenntnis gesetzt worden war, weigerte sich, mich aufznsuchen; denn er selbst glaubte an meine Schuld und überließ mich meinem Schicksal. Jeden Tag betete ich zu Gott und hoffte, daß er meine Unschuld an den Tag bringen werde. Nach einigen Wochen wurde ich vor Gericht gestellt und wegen Einbruchsdiebstahl zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Meines jugendlichen Alters wegen wurde ich zu einer geringeren Strafe als das Gesetz befiehlt verurteilt, und es wurde mir sogar die Untersuchungshaft abgerechnet. Als ich nach Verbüßung meiner Strafe wnder auf freien Fuß gesetzt wurde, stand ich da ohne einen Pfennig in der Tasche. In meinen Heimatsort zurückzukehren, getraute ich mir nicht vor Scham. Ich wanderte deshalb, und zwar zti Fuß, bis nach Straßburg und suchte daselbst eine Stelle Aber wo ich mich hinwandte, wies man mir die Türe, so daß ich den Entschluß faßte, nach Amerika auszuwandern. Aber dos nötige Geld fehlte mir; so beschloß ich, an meinen Vater einen Brief zu schreiben. In diesem legte ich ihm abermals meine j Unschuld dar und bat ihn, er möge mir das nötige Reisegeld schicken, um mein Vorhaben ausführen zu können. Den Brief üretgab ich einem Milchhändler unseres Ortes, den ich zufälligerweise angetroffen hatte, und der ihn meinem Vater zustellte. (Fortsetzung folgt.)