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Das jüdische Blatt · 1913-10-02 · 40 (2.10.1913) · p. Seite 9

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
40 (2.10.1913)
Date
1913-10-02
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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In zu Herzen gehenden Worten nahm Herr Distrikts-Rabbiner Dr. Stein-Schweinfurt Abschied von der über 200 Jahre der Befriedigung der religiösen Bedürfnisse dienenden ehrfurchtgebietenden Stätte. Hierauf wurden die Thorarollen in feierlichem Zuge, in welchem sich u. a. der Kgl. Bezirksamtmann Hagen von Haßfurt als Regierungsvertreter, die katholische und protestantische Geistlichkeit, der Bürgermeister und sonstige zahlreiche Ehrengäste befanden, unter den Klängen der Musik zur neuen Synagoge gebracht. Herr Kultusvorstand Frank hielt eine auf die Bedeutung des Tages Bezug nehmende Ansprache. Vor dem Portale überreichte Fräulein Paula Pulfer unter Vortrag eines sinnigen Prologs den Schlüssel dem Regierungsvertreter und bat ihn, das neue Gotteshaus in den Schutz der staatlichen Gewalt zu nehmen. Mit der Versicherung, dieser Bitte jederzeit Gewähr angedeihen zu lassen, händigte dieser den Schlüssel dem Herrn Distrikts-Rabbiner aus, welcher nach einer kürzeren Ansprache die Pforte öffnete. Unter dem Begrüßungsgesang „Boruch habbo" betraten die Teilnehmer des Festzuges das Gotteshaus, das trotz seiner verhältnismäßig geräumigen Dimensionen die große Menge nicht zu fassen vermochte. Hernach wurden die üblichen Umzüge mit den Thorarollen unter Gesang vollzogen, worauf letztere in die heilige Lade eingestellt wurden. Den Höhepunkt der Feier bildete die Weihepredigt Kever-Ovaus. Erzählung von L. S t ü f f e l, Kantor in Bergheim. „Denn gottgefällig ist der Frommen Weg, der Sünder Weg verliert sich!" Es war in den letzten Tagen des Monats September. Schon machten sich die kühlen Nächte, welche das herannahende Spätjahr ankündigten, bemerkbar. Am Samstag abend hatte der Pferdehändler Iaukel R. aus W. beschlossen, des andern Morgens in aller Frühe mit seinem Fuhrwerk in die etwa 15 Kilometer entfernte Stadt Schlettstadt zu fahren, um auf dem dortigen uralten Friedhof an den Gräbern feiner Eltern zu beten. Noch herrschte völliges Dunkel, als Iaukel R. von Hause wegfuhr und am Ende des Dorfes auf die Landstraße einlenkte. Kaum war er eine Viertelstunde weit gefahren, sah er etwa 50 Meter vor sich einen Mann dahinschreiten, der sich bei seinem Herannahen herumdrehte und ihn um Erlaubnis bat, auf seinen Wagen zu steigen. Iaukel hielt an und musterte beim Schein der Laterne den morgentlichen Wanderer. Unter einem feinen Ueberzieher trug derselbe eine hoch elegante Kleidung. Ein halb ergrauter "Bart umrahmte sein Kinn, und ein glänzender Zylinderhui zierte sein Haupt. Als er auf dem Wagen neben Iaukel Platz genommen hatte, fuhren sie weiter. Rach einiger Zeit fragte ihn der Pferdehändler nach dem Ziel seiner Reise. Der Unbekannte teilte ihm mit, daß er am vorigen Abend den letzten Zug versäumt und die ganze Nacht hindurch den Weg von Straßburg bis hierher zu Fuß zurückgelegt habe, um sich nach Schlettstadt zu begeben. Als sich aber Iaukel nach seinem Wohnort erkundigte, hüllte er sich in tiefes Stillschweigen. Daraus lieh sich vermuten, daß der Wanderer ein gewisses Interesse habe, die Antwort schuldig zu des Herrn Distrikts-Rabbiners Dr. Stein, die als ein wahres Meisterwerk der Rhetorik bezeichnet zu werden verdient und die auf sämtliche Zuhörer einen hinreißenden Einfluß übte. Nach derselben wurde das Königsgebet gesprochen. Mit dem Schlußgesang „Jigdal" schloß die erhebende Feier. Besondere Anerkennung verdienen die Leistungen des Synagogenchores, der unter Leitung des Herrn Lehrers Frank seiner Aufgabe mit Bravour gerecht wurde. Am 20. fand in der Synagoge Festgottesdienst statt, wobei der Herr Distriktsrabbiner in gleicher Weise wie am vorhergehenden Tage über die Bedeutung des Gotteshauses predigte. Der Nachmittag war der gemütlichen Unterhaltung gewidmet. Musikalische Weisen und theatralische Vorträge bannten die Erschienenen bis zur eintretenden Dunkelheit. Dabei begrüßte Herr Distriktsrabbiner Dr. Stein die Gäste und schloß mit einem Hoch auf den Regenten. Herr Lehrer Frank gedachte der Verdienste des Herrn Distriktsrabbiners und weihte ihm sein Glas. Dieser toastete auf Herrn Lehrer Frank und den Synagogenchor, worauf Herr Lehrer Frank einen Toast auf die Vorstandschaft und auf das Baukomitee ausbrachte. An diese Feier schloß sich nachts ein Tanzvergnügen an. So kann die hiesige Gemeinde mit Befriedigung auf diese Tage zurückblicken. Möge die Begeisterung für unsere heilige Religion, zu welcher das neue Gotteshaus in diesen Tagen seine Besucher hingerissen, auch ferner in den Herzen aller entfacht bleiben. Möge insbesondere die Zukunft die berechtigte Hoffnung erfüllen, daß die Landgemeinde W., so wie sie jetzt ein erfreuliches Bild im Kapitel „Landflucht" bildet, es in allen Zeiten bleiben möge. Kreutzen. Frankfurt a. Al. Schon wieder hat die Isr. Religionsbleiben. — Schon längst war der Tag herangebrochen, als Iaukel und der fremde Begleiter die ersten Häuser der Stadt erreichten. Im Gasthos angekommen, lieh sich der Fremde durch Iaukel eine jüdische Wirtschaft anweisen und verließ ihn, mit einem Händedruck höflichst dankend. Der Handelsmann sah ihm nach, wie er eiligen Schrittes sich auf der Straße entfernte, um bei der nächsten Ecke zu verschwinden. Iaukel spannte sein Pferd aus und führte es in den Stall. Sodann machte er sich auf den Weg zum Friedhof. Als er dort angekommen war, hatten sich schon zahlreiche Friedhofsbesucher eingefunden, die die Gräber ihrer Dahingeschiedenen betend umstanden. Auch Iaukel suchte die Grabstätten seiner Eltern auf, und andächtig flüsterte er seine Gebete vor sich hin. Als er zu Ende war, bückte er sich und nahm nach altem Brauch zwei Kieselsteine, die er auf die Grabsteine seiner lieben Verstorbenen hinlegte. Plötzlich legte jemand die Hand auf die Schulter Jaukels. Als er sich umdrehte, gewahrte er seinen Reisegefährten, der ihn bat, ihm aus einige Minuten sein Gebetbuch zu leihen, wozu er gern bereit war. Mit Erstaunen bemerkte Iaukel, daß der Unbekannte an den Gräbern, an denen er soeben selbst gestanden, seine Gebete verrichtete. Er wartete nur, bis er fertig war, um ihn nach der Ursache zu fragen, daß er gerade hier bete. Ohne jedoch diese Frage abzuwarten, sagte der Geheimnisvolle zu ihm: „Lieber Freund, gewiß finden Sie es seltsam, daß auch ich diesen Ort zum Beten ausgesucht habe. Möchten Sie aber so freundlich sein, mit mir in die Stadt zurückzukehren, so will ich Ihnen ein bisher bewahrtes Geheimnis enthüllen!" Dabei rollten zwei Tränen über seine bleichen Wangen. Als sie ihre Hände gewaschen und den Armen auf dem Friedhofe Almosen ausgeteilt hatten, kehrten sie zur Stadt zurück. Da nahm der Fremde das Wort und sprach: „Verzeihen Sie mir meine

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