Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 40 (2.10.1913)
- Date
- 1913-10-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 Das Mische Matt Nr 40 Hygiene und Judenelend. Bei einer dieser Tage in Kiew stattgehabten Konferenz der Sanitätsbehörden gelangte ein Referat zur Verlesung, in welchem auf Grund offizieller Daten der Nachweis geführt wird, daß das fogenannte jüdische Ansiedelungsgebiet innerhalb dessen die Juden, soweit sie nicht einer privilegierten Klasse angehören, im Sinne der russischen Gesetze zwangsweise ihren Wohnsitz nehmen müssen, eine ständige Epidemiegefahr nicht nur für die Juden und ihre engere Umgebung selbst, sondern auch für das ganze Land bilden. Der Bericht zollt hierbei den Bemühungen der jüdischen Kreise, in den Städten und Städtchen den Anforderungen der Hygiene zu entsprechen, volle Anerkennung, gibt jedoch zugleich zu, daß alle diese Bemühungen vergeblich bleiben müssen, da trotz der Zunahme der jüdischen Bevölkerung der ihnen zu Gebote stehende Raum derselbe bleibt, wodurch eine für die Gesundheit gefährliche Ueberfüllung sich ergibt. Die Konferenz hat ein hierzu eingesetztes Komitee beauftragt, diese Angelegenheit weiter zu studieren und bis zur nächsten Konferenz einen motivierten Bericht an die Regierung vorzubereiten. Ueu-Griechertland. Salonik. Die vor dem Krieg so blühende Gemeinde liegt ganz darnieder. Die Mittel der Wohltätigkeitsanstalten und der Gemeindeinstitutionen sind erschöpft. Den Kultusbeamten kann ihre Besoldung nicht mehr ausbezahlt werden. Für die Armen ist kein Geld mehr da. Zu allem Unglück wütet noch die Cholera. Die Zahl der jüdischen Toten beläuft sich auf hundert und die Opfer mehren sich täglich. Die jüdischen Reichen sind zu gleichgültig und bleiben mit ihren Gemeindesteuern zurück: etwa 190 000 Jt stehen von ihnen aus. Die politische Gemeinde, die griechischen Behörden verschließen den jüdischen Kranken das allgemeine Bürgerspital und verbieten es, das Hirsch-Spital zu einer Krankenpflege für Cholerakranke umzugestalten. Diesem jeder Kultur hohnsprechenden Verhalten der griechischen Behörden ist es vor allem zuzuschreiben, wenn die Epidemie unter den Juden Saloniks täglich Fortschritte macht. Das ist die vielgepriesene griechische Gerechtigkeit. Nichts als Worte, gleißnerische Worte, die von den Taten Lügen gestraft werden. fttttttSttittt. Der Frieden mit Bulgarien ist fertig, Rumänien hat ein Stück bulgarisches Gebiet erhalten und damit eine ansehnliche Anzahl neuer jüdischer Bürger. Rumänien hat zwar versprochen, diesen neugewonnenen Juden Bürgerrecht zu geben. Aber dieses Versprechen wurde nicht schriftlich festgelegt und harrt noch seiner Verwirklichung. Seitdem so viele Juden freiwillig in den Krieg gegen Bulgarien gezogen sind, durfte man erwarten, daß nun auch bald für die alteingesessenen Juden in Rumänien die Zeit gekommen sei, wo sie die Gleichberechtigung erlangen werden. Aber bis jetzt sind nur geringe Anzeichen für eine Gesinnungsänderung der Regierung gegenüber den Juden vorhanden. Hat man doch lieber eine Menge Soldaten an Cholera sterben lassen, als daß man die jüdischen Freiwilligen, die sich als Ärzte gemeldet haben, eingestellt hätte. Tatsächlich ist die unglaubliche Verbohrtheit rumänischer Regierungskreise daran schuld, daß eine Menge Soldaten mangels richtiger Pflege an Cholera gestorben sind. Die Juden selbst wollen sich ermannen und überall im Lande öffentliche Versammlungen veranstalten, um für ihr Bürgerrecht Propaganda zu machen. Es ist aber auch zu befürchten, daß des Gegenstoßes wegen die Antisemiten Gegenversammlungen einberusen. Jedoch ist es im Vergleich zu der bisherigen Uebung schon als positiver Gewinn zu verbuchen, daß die Regierung diesen jüdischen Versammlungen nichts in den Weg legen will. Die Regierung sieht es vielleicht nicht ungern, daß zunächst im Volke eine Bewegung für die Gleichberechtigung der Juden entsteht, die ihr dann gestattet, weiter zu gehen. Die Regierung will geschoben sein. Es ist vielleicht ein günstiges Zeichen, daß der Oberrabbiner Gaster von London, ein geborener Rumäne, in Audienz vom König Karol empfangen wurde. Dabei soll er auch die Judenfrage mit dem König besprochen haben. Auch heißt es, daß die europäischen Regierungen darauf dringen wollen, daß in den Balkanstaaten allen religiösen Minoritäten Religionsfreiheit gewährt werde. Dabei müßte auch für die Juden in den verschiedenen Staaten in dieser Richtung gesorgt werden. Es wird von diesen Regierungen auch erwartet, daß Rumänien jetzt die Gelegenheit ergreift, die Judenfrage in seinem Lande im Sinne der Gleichberechtigung zu regeln und endlich diese Quelle der Unruhe und Unzufriedenheit zuzustopfen. Rumänien weiß, daß die Unterdrückung der Juden ihm nicht zur Ehre gereichen kann. Marokko. In Marokko ist die Neuregelung der politischen Verhältnisse nicht ganz zugunsten der Juden ausgefallen. Die neue Verordnung des französischen Protektorats teilt die Einwohner ein in Bürger, die unter französischem oder fremdem europäischen Protektorat stehen, in Mohammedaner und in eingeborene Juden. Die ersten sind gesichert, sie genießen den Schutz der französischen Gerichte. Die eingeborenen Juden aber sind unter dasselbe Regime gebracht worden wie die in Tunis, und dies ist schlimm. Die Matrikel (Geburts-, Heirats-, Scheidungs- und Erbschaftsregister) wird von dem Rabbinats-Bes-Din geführt. Jedoch in Zivil-, Straf- und Verwaltungsangelegenheiten unterliegen die eingeborenen Juden den muselmanischen Gerichten, Cadis und Paschas. Aus Tunis her weiß man aber, wie die Mohammedaner, wenn sie Juden, die vor ihrem Gericht erscheinen, nach Gesetzen des Korans abzuurteilen haben, parteiisch vorgehen und den Juden, die mit Mohammedanern im Prozeß liegen, ihr offenbares Recht vorenthalten. Dabei ist gegen das Urteil des eingeborenen Gerichts keine Berufung an ein höheres Gericht gestattet. Man hätte wünschen können, daß die Juden in Marokko auf die gleiche Stufe gestellt würden, wie die Juden in Algerien. Die Alliance Jsraelite hat auch Versuche in dieser Richtung gemacht, aber die jetzt verkündeten Verordnungen der Regierung beweisen, daß alle Bemühungen, die Juden in Marokko gegen die Willkür des Mohammedaners zu schützen, erfolglos geblieben sind. Palästina. Jerusalem. Jeder Reisende, der den Orient bereist, wird mit Grauen die große Zahl der Augenkranken, völlig Erblindeten oder Einäugigen konstatieren, die auf allen Straßen und Plätzen zu treffen sind. Wie groß ist aber das Entsetzen und der Schmerz des jüdischen Reisenden, wenn er Jerusalem, die heilige Stadt, betritt und er auf Schritt und Tritt Augenleidenden, halb erblindeten Gestalten begegnet, von denen er gar bald sehr viele als seine Brüder erkennen muß. Die Augenkrankheiten bilden eine der furchtbarsten Plagen der heiligen Stadt, und man kann sich eine Vorstellung bilden von der Ausdehnung und Verbreitung derselben, wenn man hört, daß die Zahl der Augenkranken in Jerusalem etwa