Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 40 (2.10.1913)
- Date
- 1913-10-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Das jüdische Klatl Nr. 40. mütterliches Heim und eine väterliche Aufnahme gefunden haben. Es klingt fast unglaublich, wenn wir es sagen, doch ist es eine wahre Tatsache, daß diese allgemein-nützliche, höchst notwendige Anstalt, vor IO Jahren entstanden, und zwar auf Initiative einiger hiesiger, hochherziger Männer, auf die kleinen Spenden und Erträge der Sammelbüchsen, welche hier in angebracht sind, angewiesen ist. Schon in der ersten Zeit ihrer mittellosen Existenz war die junge ins Leben gerufene Anstalt gezwungen, den ungleichen Kampf mit der Mission, welche ihre Fangarme zur Umklammerung nach diesen armen, schutzlosen Waisenmädchen ausstreckte, aufzunehmen. Von zwingender Not getrieben, konnte die Anstalt niemals nach ihren winzigen Mitteln handeln, sondern war stets, bis heutigen Tages gezwungen, schwer kämpfend, ihre Tore für die Aufnahme suchenden Waisenmädchen weit und breit offen zu halten! Die Leistungen der Anstalt sind groß. Aber der Existenzkampf für dieselbe ist ungeheuer. Es genügt wohl die nackte Tatsache anzuführen, daß die Anstalt weder einen noch so winzigen Fonds noch irgend ein gesichertes Einkommen aufzuweisen hat. Diese Anstalt, von deren Existenz das Wohl und Wehe vieler Waisenmädchen abhängt, kämpft täglich schwer und bitter um ihr Dasein und besteht einzig und allein mit dem Rufe □’o&m. Wir hoffen mit Zuversicht, hochverehrter Herr Doktor, daß dieser Hilferuf bei Ihnen nicht unerhört verhallen wird. Eine tatkräftige Propaganda in Ihren werten Kreisen könnte unserer Anstalt verhelfen zu einer einigermaßen gesicherten Existenz durch Erlangung eines Fonds, oder was am notwendigsten ist, Anschaffung eines geeigneten Terrains und eines dazu nötigen würdigen Baues — einer wirklich gesicherten Heimat — für die obdachlosen Waisenmädchen. Immerhin, verehrter Herr Doktor, ist jede Art der Unterstützung, die uns von unseren Glaubensbrüdern gewährt wird, von unendlichem Wert. Denn tatsächlich ist es nur ein täglich von den Missionären den armen jüdischen Schul« kindern gereichtes Stück Brot, wofür diese dem Judentum entrissen werden. Die Missionäre wissen, daß viele Eltern ihren Kleinen häufig nicht einmal des Morgens dieses Stückchen Brot reichen können. Darauf bauen sie ihre Pläne, führen die jüdischen Kinder in ihre Räume, unterrichten sie in der christlichen Religion und es erhalten dann diejenigen Schüler und Schülerinnen, die beim Abhören des Gelernten gut wiedersagen können, reichlichere Nahrung. So verliert das Judentum, ohne Uebertreibung auszusprechen, jährlich mehr als vielleicht 2OO jüdische Kinder durch die Mission. Ist es uns aber erst einmal möglich, für die armen jüdischen Kinder eigene Räume zu schaffen, wo man sie unterrichten und mit nur etwas Nahrung speisen kann, da hat auch die Mission keine Macht mehr über sie. Bei Ihrer unerschöpflichen Hilfsbereitschaft, wo es gilt, philanthropische Werke auszuüben und für den S^e zu wirken, dürfen auch wir hoffen, daß Sie Ihre Stimme für die armen Waisenkinder in Jerusalem erheben und die edlen Herzen unserer Brüder und Schwestern überall rühren werden. Schon jetzt danken wir Ihnen und sind mit der Zuversicht! erfüllt, daß unsere Glaubensgenossen dann zu helfen bereit sein werden. * * * Um das dringliche Hilfswerk für die durch den Krieg ruinierten Brüder in den Balkanländern nicht zu durchbrechen, hielt ich die Veröffentlichung dieses Briefes bis jetzt zurück. Auch wollte ich ohnedies erst einen besseren Einblick in die geschilderten Verhältnisse gewinnen, bevor ich das Schreiben publizierte. Was ich durch Informationen inzwischen erfuhr, läßt die in diesem Briefe beschriebenen Zustände noch weit hinter der Wirklichkeit zurück, fast als rosig erscheinen. Ein nichtjüdischer Universitätsprofessor, sowohl als Bakteriologe wie als Hygieniker eine Berühmtheit, äußerte sich über das unsagbare Elend der jüdischen Armen in Jerusalem wie folgt: „Ich kenne die Straßen der Armut von London, Neuyork und Chicago; die Elendsviertel von Warschau, die Armenquartiere von Schanghai, Jokohama und Tokio, von Melbourne und Kalkutta. Doch in keiner dieser und noch mancher andern Stadt habe ich eine solche Armut angetroffen, wie unter den armen Juden in Jerusalem. Es fehlt einem oft das zutreffende Wort, um von diesem grauenhaften Elend der dort zusammengepferchten Juden ein Bild geben zu können. Unter diesen von Hunger ausgemergelten Menschen — sie hungern in der Woche sieben Tage, und tagsüber so lange sie wach sind — wütet neben akuten Infektionskrankheiten verschiedener Art die Tuberkulose. Einer steckt den andern an und die entsetzlichen antihygienischen Zustände fördern diese Krankheit unter den von Entbehrungen aller Art entkräfteten und widerstandslos gemachten Menschen. Unter diese Unglücklichen begeben sich die christlichen Missionäre und erkaufen sich die Seelen der langsam Verschmachtenden für einige Stückchen Brot. Und doch widerstehen diese ärmsten aller Juden den Verlockungen dieser Missionäre mit einem Heroismus, den sicherlich keine andere Rasse unter ähnlichen Umständen aufzubringen vermöchte. Nur die völlige Hoffnungslosigkeit und Apathie zeitigt unter diesen Menschen Erfolge der Missionäre in diesem Zentrum permanenter Hungersnot." An diese Schilderungen aus und über Jerusalem sollen hier keine weiteren Betrachtungen geknüpft werden. Sie sprechen ohnedies eine beredte Sprache. An uns tritt eine individuelle Pflicht heran. Es sind die hungernden Kleinen, denen meist Vater oder Mutter fehlt; oft beides, die ihre Hände flehend nach Hilfe ausstrecken. Denn, wie ein anderer Bericht (den ich momentan noch nachprüfen lasse) besagt, gibt es in Jerusalem viele jüdische Kinder, die völlig verwaist, von denen viele sogar gänzlich asyl- und obdachlos sind. Für diese verlassenen, unschuldigen Kleinen bitte ich alle Glaubensgenossen, milde Gaben zu spenden und bei ihren Freunden und Bekannten zu sammeln, damit das allgemeine israelitische Mädchenwaisenhaus zu Jerusalem in die Lage kommt, seine Räume zu erweitern, um die kleinen Mädchen ausnehmen zu können. Gleichzeitig wende ich mich an Eltern und Lehrer. Wohltun muß gelehrt und geübt werden. Nicht nur der Moralunterricht, sondern auch die Umsetzung der Morallehren in Sittlichkeitstaten schafft jene wertvollsten Glieder der menschlichen Gesellschaft, die den Altruismus betätigen. Deshalb sollen Väter und Mütter wie auch Lehrer, die Kinder daraufhin erziehen, von ihrem Taschengeld jeweils auch einmal ein Fünf- und Zehnpfennigstück für andere, arme Kinder zu opfern. Kinder, die eine Sparbüchse haben, sollten angehalten werden, hieraus zuweilen etwas für ihre darbenden Altersgenossen zu spenden. Man erzähle den Kindern, zu