Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 40 (2.10.1913)
- Date
- 1913-10-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Hlt. 40. Das jüdische Kiatt 3 ausüben und die ihnen in ihrer Heimat verschlossen waren. Sie haben! die Grenzen des Handels erweitert. Sie sind vaterlandsliebende und! den Landesgesetzen ergebene Bürger geworden. Sie und ihr Adoptiv- > Vaterland haben großartigen Gewinn daraus gezogen, daß sie sich mit solcher Gier der Erziehungsmöglichkeiten bemächtigt haben, die sich ihnen boten. Rußland hat Kräfte verloren und erstickt, Kräfte, die, wenn sie ausgenutzt würden, die Mittel des Landes zu einer ungeahnten Größe emporheben würden. Wie die Juden hier angesehen sind, kann man an der schwunghaften Kraft sehen, mit der der Kongreß seinen Protest erhob gegen die von Rußland an den amerikanischen Pässen geübte Mißachtung, wenn diese von Juden geführt werden. Die Verletzung des Handelsvertrags von 1832 durch Rußland, die infolge seiner unterschiedlichen Behandlung der Juden bestand, wurde als eine Beleidigung des amerikanischen Volkes betrachtet. Der einstimmige Wille des amerikanischen Volkes muß Sie überzeugt haben, daß die Juden als amerikanische Bürger sich bewährt haben. Ihre Ratgeber führen Sie irre soweit es die Juden in Rußland betrifft. Das ist die niildeste Bezeichnung, die' man für dieses Gebaren gebrauchen kann. Um Ihre Aufmerksamkeit von ihrer eigenen Unzuläßlichkeit abzuheben, stellen sie die Juden als die Ursache all der Unruhen und Störungen hin, die in Rußland bestehen. Um die Aufmerksamkeit des russischen Volkes von sich, seinen ärgsten Feinden abzulenken, hetzen die offiziellen Kreise den Mob gegen die Juden auf. Die besten Juden Rußlands sind entweder im Exil, im Kerker oder sind durch Wahnsinn zermürbt. Obgleich Sie die besten von ihnen daran hindern, Ihnen zu dienen, verwenden Sie die verwerflichsten von ihnen in Ihren Diensten. Den Auswurf der Judenheit haben Sie als Spionen und Agentenprovokateurs angestellt. Sie haben zu Ihren Agenten ausgesucht die Azeffs und die Bogroos, die Mörder Ihres Onkels, des Großfürsten Sergius, des von Plehve und des letzten Stolypin. Ihre Ratgeber haben Sie irregeführt und nun treiben Sie Ihrem Ruine entgegen und stürzen Rußland in die Anarchie. Sie sind als der „Gnadenreiche Czar" bekannt geworden, aber Sie haben Ihre Gnade auf die beschränkt, die an den Judenmassakres teilgenommen haben. Sie find jetzt daran, den Juden Ihres Reiches eine neue Wunde zu schlagen, indem Sie Ihnen die letzte Gelegenheit rauben, sich Bildung anzueignen; Sie sind im Begriff, die teuflischen Pläne Ihrer reaktionären Ratgeber zu verwirklichen, Ihre Gesetze werden so hündisch angewandt, daß die jüdischen Prostituierten die ausgedehntesten Rechte genießen, während die jüdischen Studentinnnen gar keine besitzen. Das gelbe Billett der Prostitution gewährt einem jüdischen Mädchen das Recht, in Ihrer Hauptstadt zu bleiben. Das jüdische Mädchen von edelstem Idealismus, das in St. Petersburg Bildung sucht, wird von der Polizei weggejagt. Um der Infamie die Krone aufzusetzen, hat jetzt Ihr I u st i z m i n i st e r einen „R i t u a l m o r d" f a l l auf d i e Bühne gebracht. Hier marschiert Rußland am meisten rückwärts. Ihr eigener Großvater Alexander I. hat durch eine offizielle Verordnung die Ritualmordlügen gegen die Juden verboten. Das war aber vor 100 Jahren. Päpstliche Bullen wurden dagegen erlassen. Die ganze gebildete Welt hat deren Hinfälligkeit bekundet. Die Progrompolitik kann nicht gut wirksam weiter verfolgt werden. Erst gestern haben die Kulturvölker dagegen mit Donnerstimmen protestiert. Daher haben Ihre Ratgeber eine abgebrauchte und ausgebeutete Verleumdung aufleben lassen, um die Juden in Verruf zu bringen, um die Leidenschaften des gedankenlosen Mob gegen sie aufzuhetzcn. Ein Christenknabe ist in Kiew ermordet worden. Ein Jude, Mendel Beilis, wurde in der Nachbarschaft gefunden und festgenommen, und nun ist er schon mehr wie zwei Jahre in Untersuchungshaft. Er ist angeklagt, den Knaben ermordet zu haben, um dessen Blut für Ritualzwecke zu verwenden. Seit mehr wie zwei Jahren ist eine Mache widersinniger Beweisführung gegen ihn in Bewegung. Das Haupt des Kiewer Detektivbureaus, Mistschuk, der berichtete, daß er keinen Schuldbeweis finden könne und daß seiner Ueberzeugung nach kein Ritualmord vorliege, wurde ins Gefängnis geworfen, weil er das Vorgehen der Regierung gegen die Juden störte. Schwierigkeiten aller Art wurden der Verteidigung in den Weg gelegt. Beilis wird das Recht versagt, Zeugen zu laden. Es macht den Eindruck, als ob Rußland entschlossen ist, alle Juden mittels dieses infamen Vorgehens zu treffxn. Es hat die Ohren verschlossen vor dem Verdammungsurteil der Wissenschaft. Der eindrucksvolle Protest des Internationalen Medizinischen Kongresses, der soeben seine Sitzungen in London geschlossen hat, geht unbemerkt vorüber. Dieser Brief ist nicht von einem geschrieben, der Rußland haßt, sondern von einem, der Rußland bewundert, das eine große Literatur hervorgebracht, das große Männer uild Frauen ans Licht der Welt geführt hat, das für seine eigene Befreiung kämpft, das wunderbare Möglichkeiten birgt in seiner Industrie und in seinen natürlichen Reichtümern. Er ist der Gedankenausdruck eines Mannes, der, obgleich er das Land liebt, in sich zusammenschauert ob dieser Aeußerungen von mittelalterlichen Fanatismus und Grausamkeit, für welche Sie verantwortlich sind in den Augen der Welt und vor Gottes Thron. Wie können Sie, der Mann, der den Gedanken von der Errichtung des Weltfriedens im Haag angeregt hat, wie können Sie in dem Lande, in dem Sie eine schrankenlose Macht haben, wie können Sie solche raffinierte Barbarei und Roheit dulden, und noch wagen, vor die Lenker der zivilisierten Welt als ihr Gleich gearteter zu treten! Wie können Sie die Auferstehung läng st überlebter Hirngespinste der Legende und des Aberglaubens zulassen? Wie können Sie, in einem Worte, erwarten, ein st vor Ihren Schöpfer zu treten mit einer solchen La st auf Ihrer Seele? Oeffnen Sie Ihre Augen! Beachten Sie die Früchte, die die Freiheit unter anderen Himmeln gebiert! Verjagen Sie aus Ihrem Lande die finsteren Gei st er der Unduldsanikeit und des Despotismus, die aus ihm ein L e i ch e n h a u s und einen Kerker gemacht haben. Dann wird ein neues Licht sich über ihrem weiten Reiche erheben rind Sie werden seinen Millionen Einwohnern Glück und Wohlhabenheit bringen. Die Missionäre und die jüdischen Kinder in Jerusalem. In derselben Woche, in der der Balkonkrieg ausbrach, erhielt ich aus Jerusalem folgendes von Privatpersonen und Rabbinern unterzeichnetes Schreiben. Abschrift. Allg. Israelit. Adresse: Mädchen-Waisenhaus Herrn D. Weingarten u. D. Schlesinger Jerusalem Palästina für das allg. israel. Mädchenwaisenhaus Jerusalem (Palästina) Sehr geehrter Herr Dr. Kahn, Charlottenburg. Ihre wohlbekannte, unerschöpfliche Liebe für und VH □,>S‘£V]T und unermüdliches Bestreben das Wohl und Gedeihen der hier in bestehenden, nützlichen jüdischen Anstalten zu fördern, gibt uns Veranlassung, Ihre gütige Aufmerksamkeit auf das hiesige Mädchenwaisenhaus zu lenken, mit der ergebensten Bitte, dasselbe nach Möglichkeit materiell und moralisch unterstützen zu wollen. Diese echt jüdische Wohltätigkeitsanstalt dient als liebevolles, mütterliches Heim vielen, beinahe hundert und mehr armen obdachlosen Waisenmädchen aus Rußland, Rumänien, Jemen und Marocco, deren ungliickliche Eltern, den Pogroms, den Judenverfolgungen und sonst der unmenschlichsten Barbarei zum Opfer gefallen sind. Diese Anstalt dient nicht nur den lokalen Interessen Jerusalems, sondern kommt zu gute vielen Waisenmädchen welche vom Schicksal verfolgt, hier ein neues,