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Das jüdische Blatt · 1913-10-02 · 40 (2.10.1913) · p. Seite 2

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
40 (2.10.1913)
Date
1913-10-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Das jüdische Statt. Nr. 40. An den Gzaren von Mußtand. Die Zeitung „The Jndependant" in New-York veröffentlicht folgenden offenen Brief an den Czaren, der maßvoll in der Form, aber voll Nachdruck in der Sache, dem Czaren das Unrecht seiner Regierung vorhält und ihn am Schluffe auffordert „die finsteren Geister der Intoleranz und der Barbarei zu verjagen, die aus feinen Landen ein Leichenhaus, einen Kerker machen". Der Brief ist um so interessanter, als er den Eindruck macht, aus der Feder eines Nichtjuden zu stammen. Sir, — als Sie den Thron bestiegen, gingen die Hoffnungen ihres Volkes hoch. Es sehnte sich nach einer menschenwürdigeren Regierung als die war, die eben zu Ende ging. Es träumte von kommenden Reformen, von einem friedlichen Bund zwischen dem Palast und der Hütte der Hungrigen und den Behausungen der Unterdrückten. Sie galten als ein junger Mann von liberalen Tendenzen, von fortschrittlicher Gesinnung. Nach ihres Vaters reaktionärer Regierung hoffte Ihr Volk auf eine Erleichterung. Was war das aber leider für ein Erwachen! Immer mehr schwand das Traumgesicht eines besseren Tages. Ihr Volk begann zu verzweifeln. Der Ihnen angedichtete Idealismus wollte in keiner Ihrer Regierungshandlungen durchblicken. Der schlimme Geist eines Pobjedonoßeff vom Heiligen Synod regierte unumschränkt zeit seines Lebens, heute noch wird Rußland von seinem Grabe beherrscht. Eine große Zahl von Schwindlern, von verrückten Menschen, ungebildeten Wahrsagern, die mit Philipp, dem Barbier von Marocella begann und mit den Mönchen Jliodor und Rasputia endigte, war im Aufsteigen begriffen und übten einen unheilvollen Einfluß an Ihrem Hofe aus. Wer zu Reformen riet oder auf liberale Methoden hinwies, kam in Verruf und wurde beiseite geschoben. Die Lage der so lange schon leidenden Nationalitäten Ihres Reichs wurde nicht besser, sondern immer tragischer. Obgleich Sie Gründe gehabt hätten, gegen Ihre polnischen Untertanen milde zu sein, wurde Polen unter ein noch härteres Joch gebeugt. Finnland wurde zunächst eine autonome Regierung ohne Autonomie, bis cs schließlich in eine russische Provinz verwandelt wurde. Die Baptisten und Katholiken wurden unterdrückt.^) Juden haben unter Ihrer Regierung viel grausamere Verfolgungen erlitten als im Mittelalter. Neue Beschränkungen und eine neue haßerfüllte Politik wurde gegen sie angewandt. S'e wurden vom Pfeiler an den Pranger gezerrt. Durch die gcäßlicben Massakres, die in Kischineff rasten, wurde die ganze Welt erMttert. Die kultivierten Völker erhoben Protest. Heute ist es kein Geheimnis mehr, daß diese Massakres ersonnen, vorbereitet und ausgeführt wurden von Ihrer eigenen Regierung. Ihr früherer Direktor der Geheimpolizei des Russischen Reiches, Alexander Lopuktin, der die Ursachen der Massakres zu untersuchen hatte, berichtete Ihrem letzten Premierminister Stolypin, daß die antijüdischen Proklamationen der Hetze gedruckt worden sind in der Druckerei des Polizeidepartements und verteilt worden sind durch Polizeibeamte. Dann wurden Sie in den japanischen Krieg hineingezogen durch den Admiral Alexeiew und andere Ratgeber, — Männer, die nur auf ihren eigenen Gewinn und ihr eigenes Wohl bedacht waren und Rußland an den Rand des Abgrundes brachten. Die Armee und die Marine waren sichtlich durch Lebensgenuß und Ausschweifung so demoralisiert, daß in seinem Kampf Rußland sich offenbarte a l s eiserner Koloß aus tönernen Füßen. Gedemütigt zu Land und zu Wasser, hatte es Rußland nur der genialen Staatskunst des Grafen Witte in Portsmouth zu verdanken, wenn es von weiteren Blutungen verschont blieb. Am 17. Oktober (russischen Stils) 1905 unterschrieben Sie das Manifest, das Rußland eine Verfassung gewährte. Sie unterschrieben diese Staatsurkunde unter äußerem Zwang. Sie waren durch die tosenden Wogen der Revolution erschreckt, die sich über die russischen Lande ergossen. Sie wußten, daß dies das einzige Zugeständnis war, das Ihnen Ihren Thron retten konnte. Indem Sie es gewährten, wurde tatsächlich für eine Spanne Zeit der H Dies und das Folgende von uns gesperrt. (Red.) Thron gerettet. An dem Tage, an dem das Manifest herauskam, wurde die Gegenrevolution inszeniert. Massakers brachen los in Hunderten von Städten in allen Strichen und Gegenden Rußlands, in derselben Stunde und auf ein und dasselbe Zeichen. Juden und Intellektuelle wurden angepackt, geplündert, ermordet. Der Galgen kam in Rußland wieder zu Ehren. Männer, Frauen und Kinder wurden gehängt für Vergehen, die in zivilisierten Staaten im schlimmsten Falle mit einigen Monaten Gefängnis bestraft werden. Die Gefängnisse wurden überfüllt. Die Besten des Russischen Volkes wurden in den Kerker gesperrt oder in weitentlegene und pestgeschwangerte Gegenden verbannt, um dort den Hungertod zu sterben. Die Geschichte der ersten und zweiten Duma ist der ganzen Welt bekannt. Jeder Versuch für Freiheit und Gerechtigkeit, der sich zu dieser nationale^ Versammlung Luft schaffte, wurde sofort im Keime erstickt. Jede Kundgebung unabhängigen Sinnes wurde bestraft. Die Stimme des Volkes mußte verstummen. Die Ursachen der Versprengungen der Dumaabgeordneten, die Einstürzung der Zimmerdecke des Dumasitzungssaales auf die Sitze der Abgeordneten, die Einsperrung der Unterzeichner des Manifestes von Wiborg, die Ermordung der hervorragenden jüdischen Dumaabgeordneten, Professor Herzenstein und M. Iollos durch den Verband der Schwarzen Hundert und zwar mit Hilfe des Dr. Dubrovin, der heute noch zu ihren Günstlingen gehört, — alles dieses ist längst der ganzen Welt bekann.t Die Beschränkungen de.s Lebens der Juden Rußlands hat fürchterliche Formen angenommen. Jüdische Soldaten, die i«n Russisch-Japanischen Kriege tapfer gefochten, wurden bei ihrer Rückkehr vom Schlachtfeld von Moskau weggejagt, sobald sie nur das Lazarett verlassen konnten. Sie haben dort kein Wohnrecht. Der Generalgouverneur von Moskau, Herschelmann, ordnete die Ausweisung eines Kindes von einem Jahre mit den Worten an „das Kind kann dem konstitutionellen Regime des Reiches gefährlich werden". Ihr Vater Alexander II. sagte einst zum Grafen Sergius Witte: „Ist es wahr, daß Sie ein Iudenfreund sind?" Graf Witte erwiderte: „Gestatten Sie mir, mit einer Frage zu antworten: Angenommen, Sie bringen alle Juden Rußlands in einen Ort zusammen, schaffen sie in Schiffen ins Schwarze Meer und versenken dann die Schiffe. Sie würden das nicht tun oder vielleicht etwa doch? Die Juden müssen unter uns mit uns leben. Daher müssen wir ihnen Gelegenheit geben, zu leben wie wir. Meines Erachtens ist der einzige Weg zur Lösung der Iudenfrage der, den Juden Gleichberechtigung zu gewähren." Alexander II. schwieg eine Weile, dann sprach er: „Vielleicht haben Sie Rech t." Sie sind viel weiter wie Ihr Vater gegangen in Ihrer judenfeindlichen Politik. Wenn Sie es nicht wissen, Sie sollten es wissen, daß die Juden viel zur Entwicklung Rußlands beigetragen haben. Man darf annehmen, daß Rubinstein die russische Musikschule gegründet hat. Antokolsky hat die russische Bildhauerei in die Höhe gebracht. Levitan, ein Jude und Landschaftsmaler, hat das russische Volk erst dazu erzogen, sein eigen Land zu bewundern, Landschaften seines eigenen Landes. Professor Metschnikoff, der Chef des Instituts Pasteur in Paris, der größte Physiologe von heute, der sich freiwillig aus Rußland verbannte, schreibt seine Liebe zur Wissenschaft seiner jüdischen Mutter zu. Er hat auch erklärt, daß Rußland durch die Judenverfolgungen einige der größten Vertreter der Wissenschaft verloren hat. Die Literatur, die Kunst und die Musik Rußlands wurden popularisiert und in vielen auswärtigen Ländern den Gebildeten zugänglich gemacht durch Juden. Viele von den Juden, die Sie grausam unterdrückt haben, sind nach Amerika gekommen. Sie haben sich hier dem amerikanischen Leben angepaßt. Sie haben auf jedem Gebiete menschlicher Betätigung nennenswerte Fortschritte gemacht. Sie haben den Reichtum der Nation durch ihre Arbeit vermehrt, durch ihre Geschicklichkeit in so vielen Gewerben, die sie hier

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