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Das jüdische Blatt · 1913-09-26 · 39 (26.9.1913) · p. Seite 6

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
39 (26.9.1913)
Date
1913-09-26
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 Das jüdische Klatt. Nr 39. gischer wird er die Anklage auf rituellen Mord in der Justinskyfache verfolgen. Er wird sich auf die Aussage von Sachverständigen stützen, die befinden, daß 13 Wunden am Körper Justinskys den sicheren Beweis erbringen, daß sie beigebracht worden sind in der Absicht, möglichst viel Qualen zu verursachen und möglichst viel Blut fließen zu lassen. Die Frage, ob die Tat auf Betreiben irgend einer unbekannten Sekte oder eines einzelnen Fanatikers geschehen ist, ist nicht des Staatsanwalts Sache. Zwar, fuhr Senator Meißner fort, sind keine zwingenden Zeugenauslagen vorhanden. Im Gegenteil, die Zeugen sind Men.chen sv niedrigen Schlags, daß die größte Vorsicht gegenüber ihren Aussagen geboten ist. Der Gerichtshof aber ist nicht befugt, eine Vorgesetzte Meinung ihnen gegenüber zu haben, vielmehr muß er unparteiisch jeden anhören, der in die Sache Licht bringen kann Ich wiederhole, schloß er, daß, obwohl der Versuch der Rechten, das ganze jüdische Volk des Ritualmords anzuklagen, Unrecht ist, ebenso wie es Unrecht wäre, das ganze russische Volk als Terroristen und Revolutionäre hinzustellen, ist der Präsident des Gerichtshofes doch nicht in der Lage, ihre Forderungen zu verwerfen. Der Prozeß werde genau zu der festgesetzten Zeit beginnen (am 8. Oktober). Soweit der Präsident des Kiewer Schwurgerichts. Also Beweise liegen nicht vor, im Gegenteil, die etwaigen Zeugnisse sind solche von verworfenen unglaubwürdigen Menschen, aber es genügt, daß das Gericht die Ueberzeugung hat, daß ein Ritualmord vorliegt. Das ist der Gipfel russischer Rechtspflege. Und dann die scheußliche Heimtücke. Das ganze jüdische Volk auf die Anklagebank zu zerren, das geht nicht. Aber einen einzelnen ohne Beweise aus Grund seiner religiösen Vorstellungen des Ritualmords fähig zu halten, das ist kein Unrecht. Als ob das einen Unterschied ausmachte! Ist ein Einzelner auf Grund seiner religiösen Vorstellungen eines solchen legendären Verbrechens fähig, dann ist es eben auch die ganze Judenheit, und die ganze Judenheit sitzt auf der Anklagebank. Die russische Presse hat sich denn auch mit diesen Aeußerungen Meißners stark beschäftigt. So schreibt der Petersburger „Dien": Der ganze Prozeß wird so dargestellt: Die Zeugen gegen Beilis rufen die größte Verachtung hervor, dennoch wird Beilis angeklagt. Das jüdische Volk als solches wird nicht des rituellen Mords angeklagt, doch wird der Staatsanwalt seine ganze Beweisführung auf Ritualmord aufbauen. Kann man unter solchen Bedingungen von einem Gericht reden? Ist kein Schuldiger da, dann hat doch das Gericht nichts weiter zu schaffen, als Nachforschungen anzustellen. Meißner bringt Beschuldigungen vor gegen eine unbekannte Sekte, die nicht existiert, von der auch keine Spur vorhanden ist. Ein einzelner Verbrecher ist nicht da, man weiß nicht einmal, von welcher Sekte denn eigentlich die Rede ist, aber der Prozeß muh doch Vorkommen, Ueberall sonst hat das Gericht festzustellen, ob der Mann schuldig ist, der aus der Anklagebank sitzt, oder nicht. Dann kann das Gericht bestimmen, ob Ritualmord denkbar ist oder nicht. Zuletzt kann es zu der Frage übergehen, ob Beilis mit etwaigem Ritualmord eine Bewandtnis hat oder nicht. Es ist aber klar, es handelt sich hier nicht darum, den Schuldigen zu bestrafen, sondern man möchte, wenn auch nur auf kurze Zeit, die Ehre des Gerichts retten, das im 20. Jahrhundert sich erlaubt hat, die alte Rituamordlegende wieder aufleben zu lassen. — Aehnlich drückt sich auch „Retsch" aus. Interessant ist, daß Meißner jetzt versucht, das ganze Interview abzuleugnen. Der Korrespondent der Rusk. Slowo hält aber alle seine Angaben aufrecht und beschreibt die Einzelheiten, unter denen das Gespräch stattgefunden hat. Meißner hat auch nicht eigenhändig geschrieben, daß das Interview erfunden ist, er hat nur den Kiewer Korrespondenten der offiziösen Rossija dazu bevollmächtigt. Rach den neuesten Nachrichten gibt Meißner einen Teil zu, bestreitet aber, von der Rechten gesprochen zu haben. Auch habe er dem Journalisten seine Meinung nicht für die Presse mitgeteilt. Also die richtigen Ableugnungsversuche. Die Massenlaufen und die „Ilowoje Wremja". In Helsingfors ist ein Pastor Pisra. Dessen Spezialität ist die Iudentaufe. Die Judenfresserin Now. Wremja bringt jetzt nach finnländischen Zeitungen Einzelheiten über das Verfahren des flinken Pastors. Nach den kirchlichen Verordnungen hat die Taufzeremonie in der Kirche stattzufinden. Da aber die gen Helsingfors zur Taufe ziehenden Juden schwedisch nicht verstehen, hat der Pastor die Juden bei sich zu Hause getauft. Als Zeugen pflegte er seine Frau und seine Tochter zu nehmen. Sogleich nach der Handlung pflegte der Pastor seinen frischgebackenen Täuflingen neue Matrikeln (Angaben des Standesregisters) auszuliefern, mit denen sie nach Rußland zurückfuhren. Sowie der Gouverneur von diesen Massentaufen Kenntnis bekam, hat er gegen Pastor Pisra Klage erhoben. Der Staatsanwalt stellte eine Untersuchung an. Dabei stellte sich heraus, daß im Verlauf von 1911—1913 bei Pisra 755 Juden getauft wurden. Der Pastor Pisra ist angeklagt, daß er Gewinnes wegen die Taufzeremonien abgekürzt hat. Außer der genannten Zahl hat derselbe Pastor an seinem früheren Wohnsitz mehr wie 250 Judentaufen vorgenommen. Die Now. Wremja befürchtet wahrscheinlich, das Beispiel des bekehrungseifrigen Pastors könnte auch die anderen Pastoren anstecken, und die Taufepidemie könnte so sehr überhand nehmen, daß es bald nicht genug Juden mehr in Rußland geben könnte, um gegen sie die beliebten Judenhetzen zu inszenieren. Bulgarien. Jestgollesdienst der heimgekehrlen jüdischen Soldaten in Sofia. Die jüdische Gemeinde in Sofia hat für die vom Kriege heimgekehrten jüdischen Soldaten einen solennen Festgottesdienst veranstaltet, zu welchem außer den sämtlichen jüdischen Soldaten der ersten Division auch eine große Anzahl bulgarischer Offiziere, hoher Regierungsbeamte, unter Führung der Minister Peschow und Bakalow, sowie der Bürgermeister Geschew u. a. m. erschienen sind. Nach Verrichtung der üblichen Gebete hielt Großrabbiner Dr. Ehrenpreis eine Rede in bulgarischer Sprache, die wegen ihres Inhaltes und des festen Tones, in dem sie gehalten wurde, allgemeines Interesse beansprucht. Dr. Ehrenpreis zollte zunächst der Tapferkeit und der Vaterlandsliebe, welche die jüdischen Soldaten während des Krieges bekundeten und auch von allen maßgebenden Faktoren anerkannt wurden, volles Lob. Zu den versammelten jüdischen Soldaten gewendet, sagte dann der Großrabbiner: „Auf Euren Heldenmut kann nicht nur die bulgarische Judenschast, sondern auch das gesamte Judentum mit berechtigtem Stolze Hinweisen. Euer Heldenmut ist ein klarer Beweis dafür, daß der Jude ein treuer und ergebener Bürger ist, der, wenn das Vaterland von ihm Opfer fordert, auch fähig ist, das Teuerste für das Vaterland zu opfern. Euer Heldenmut und die Tapferkeitsmedaillen, die Eure Brust schmücken, sind ein lebendiger Protest gegen alle diejenigen, welche die Behauptung wagen, daß die Juden Feiglinge seien und der Armee nicht nur keinen Nutzen bringen, sondern sogar ein hemmender Ballast derselben sind. Aber mehr als alle hat Bulgarien Recht, auf Euren Heldenmut stolz zu sein, denn er ist ein beredtes Zeugnis für die gerechte Behandlung, welche Bulgarien seinen jüdischen Bürgern zuteil werden läßt, und gleichzeitig dafür, mit welcher Hingebung die bulgarischen Juden diese Gerechtigkeit zu wür-

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