Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 39 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39. Da» jüdische Matt. 5 l Abdul Hamid werden. Ein paar Jahrzehnte später, als Vambery bereits als Gelehrter und Politiker ein berühmter Mann geworden, wurde er vom Sultan beachtet und zu einer Audienz eingeladen. Vambery beschreibt das erste Begegnis mit dem Sultan in seinem Buche also: 1857 irrte ich in den Straßen Stambuls als mittelloser Abenteuerer umher und stieg oft mühsam zu Fuß nach dem Peraviertel hinauf. Jetzt wurde ich in einem prächtigen kaiserlichen Wagen hinaufgefahren. Schon im Wartesaal wurde ich von Hofbeamten begrüßt und nach dem schönsten Hotel begleitet, wo eine noch keinem Europäer zuteil geworden, die türkische Etikette verbietet es, und der Sultan kennt keine einzige europäische Sprache. Von meinem französischen Unterricht hat er sichtlich wenig behalten. Je länger ich da war, desto ungezwungener und gemütlicher wurde die Unterhaltung. Der Sultan bot mir eine Zigarre an, zündete sie selber an — schließlich war ich selber mehr als überrascht von derartigen Freundschaftsbeweisen. Die erste Audienz dauerte eine halbe Stunde. Der Sultan begleitete mich hinaus bis zur Tür des zweiten Vorzimmers. Das Zimmer war von großen Herren gefüllt, die nicht wußten, Rotkäppchen im Kindergarten I in Jerusalem «Hilfsvercin der Deutschen Juden). Flucht von Zimmern im voraus für mich bestellt worden war. Dort begrüßte mich auf herzlichste im Namen des Sultans der Oberzeremonienmeister des Hofes. Der Anblick von meinem Zimmer auf den Bosporus war herrlich. Ich konnte mich daran nicht satt sehen. Dabei stiegen in meinem Geiste Erinnerungen aus meinem früheren armen Leben in der türkischen Hauptstadt auf. Man überließ mich aber nicht lange meinen Betrachtungen. Bald traten die Abgeordneten des Sultans ein, um mich in den Jldis- Palast einzuladen. Der Sultan ging mir bis an das Vorzimmer entgegen, reichte mir die Hand und ersuchte mich, auf einem Stuhl ihm gegenüber Platz zu nehmen. Schon meine ersten Worte übten eine große Wirkung auf ihn aus, so schön sprach ich echt türkisch. Als ich ihn an den Unterricht erinnerte, den ich ihm als einem 12jährigen Knaben erteilt habe, wurde er bald von Liebenswürdigkeit überfließend. Der furchtbare Monarch, der beständig in Angst und Verdächtigungen lebt, behandelte mich leutselig wie einen alten Bekannten. Ein Wink — und der Kammerherr entfernte sich und wir blieben allein im Audienzsaal. Eine solche Ehre ist bis damals wie sie mir Ehre antun wollten, — ich war doch offenbar ein Vertrauter des Sultans und nicht einmal ein Diplomat, nur ein einfacher Mensch, sogar ein ttiriur (Fremder). Man redete eine Weile von nichts anderem in höheren türkischen Kreisen. Rußland. Bemerkenswerte Aeußerungen im Beilisprozeß. Der Präsident des Gerichts in Kiew, Senator Meißner, hat einem Reporter der Rusk. Slowo gegenüber bemerkenswerte Erklärungen über den voraussichtlichen Gang des Beilisprozesses gemacht. Auf die Frage, ob der Staatsanwalt nur Gewicht darauf lege, zu beweisen, daß Justinsky gemartert worden sei, ohne die Frage nach rituellem Mord zu betonen, antwortete er: Soviel ich weiß, ist dies nicht die Meinung des Staatsanwalts Wipper, der mit der Führung der Anklage im Prozeß betraut ist. Es wäre auch widersinnig, dem jüdischen Volke als solchem Ritualmordgebräuche zuzuschieben, und die nach dieser Richtung von der Rechten betriebene Hetze ist ganz ungehörig. Darin wird sich der Staatsanwalt sicher von der Rechten trennen. Aber um so euer-