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Das jüdische Blatt · 1913-09-26 · 39 (26.9.1913) · p. Seite 4

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
39 (26.9.1913)
Date
1913-09-26
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Das jüdische Klatt Nr. 39 verregnet wird, ei, da wird Wind und Wetter gleich als kostbare Ausrede genommen. Und sie wissen doch, schlemielig sind wir alle heutzutage. Man macht zwar sonst alles mit, auch manchmal ohne allzu ängstliche Rücksicht auf die Gesundheit, aber, Du mein lieber Himmel, in der Suckoh ist man halt gleich erkältet. Doch ich will mit den Nerven usw. nicht streiten, jedoch das Eine habe ich immer noch nicht herausgekriegt, welche Gesundheitsrücksichten eigentlich gegen ein frisches Lulof sprechen. Und ob die älteste Garnitur wirklich gesünder und geschmackvoller ist? Aber wie gesagt, ich bin fürchterlich dumm (bezweifeln Sie das? bitte, genieren Sie sich nicht), kann's halt nicht kapieren, daß man das Geld für was anderes nötiger braucht. Bitte erklären Sie das Ihrem Rosch Hakohol. Aus alter Welt Oesterreich-Ungarn. Der verstorbene Professor Hermann Vambery. Im Alter von 81 Jahren ist in Budapest der berühmte ungarische Forschungsreisende und Orientalist Prof. Hermann Vambery (eigentlich Wamberger) gestorben. Eine eigenartige Persönlichkeit von ungewöhnlicher Begabung und Tatkraft, die sich aus engen und bedrückten Verhältnissen und unter mancherlei widerwärtigen Lebensschicksalen zu Bedeutung und Ansehen in der Wissenschaft emporgearbeitet hat, ist mit ihm aus dem Leben geschieden. Seine Jugendgeschichte entbehrt nicht der Romantik. Als Sohn blutarmer, aus Bayern eingewanderter Eltern 1832 in Szardahely aus der Insel Schütt geboren und früh verwaist, war er von Kindheit auf genötigt, sich seinen Lebensunterhalt selbst zu erwerben. Zu 12 Jahren kam er als Lehrjunge zu einem Schneider, dann als Aushjlfe zu einem Schenker. Mit 8 Gulden Ersparnis entlief er nach Preßburg, um Sprachen zu lernen. Jeder Stein des Straßenpflasters schreibt Vambery in seiner Selbstbiographie, konnte von meiner Not und meiner Armut erzählen. Aber seine Energie war noch größer als seine Armut. Sprachen lernen war seine Leidenschaft. Noch Schüler eines Gymnasiums, hat er bereits fast alle europäischen Sprachen gekannt. Mit 20 Jahren las er flott türkisch ohne Wörterbuch. 1861 kam er nach Konstantinopel. Obdachlos lebte er dort einige Zeit, sein Brot verdiente er sich durch den Vortrag türkischer Liebeslyrik in Kaffeehäusern. Von Anfang an hatte ihn die Aufgabe gefangen, die Verwandtschaft zwischen ungarischer und türkischer Sprache und Rasse aufzusuchen. Tie Beweise dazu wollte er sich in türkischen Ländern zusammensuchen. Schon 1858 hatte er ein deutsch-türkisches Wörterbuch herausgegeben. Seine Kenntnisse der türkischen Literatur fielen bald auf, er wurde Erzieher in vornehmen Familien, schließlich im Hause eines türkischen Ministers Rifaat Pascha. Schon damals war der Entschluß zu seiner großen Asienreise in ihm gereift. Die Umstände förderten ihn. Im Hause Risaats machte er die Bekanntschaft eines Mula (Geistlicher) aus Bagdad, der seine Seele für den moslimischen Glauben zu gewinnen dachte. Obgleich Vambery nicht im geringsten Neigung zum Religionswechfel hatte, lieh er sich scheinbar den Bekehrungsversuchen des Mula. Dadurch erlernte er das Persische und alle Lehren und Gebräuche des Islam. So verwandelte sich Vambery bald in einen Derwisch mit Namen Reschid Effendi und wurde mit einem Ferman an alle Machthaber in Asien ausgestattet, ihn auf seiner Reise zu unterstützen. Auf diese Weise gelang es ihm, seine große Reise durch Mittelasien zu machen,'das damals noch unbekannt war; mit Karawanen zog er gegen Mekka und zurück zum Kaspischen Meere, durch Persien und Buchara. Er sprach, betete und aß wie ein Mohammedaner; stets war er in Gefahr, entlarvt zu werden, und die von ihm entworfene Schilderung seiner Schicksale bei fanatischen Türkenstämmen wetteifert mit den spannendsten Romanen. Kaum daß er im Verborgenen einige Notizen machen konnte, aus denen er später seine Reiseschilderung zusammenstellte. 1864 kehrte er nach Europa zurück. In Ungarn wurde ihm als einem Juden ein lauer Empfang zuteil. Aber in England war man auf seine abenteuerliche wissenschaftliche Reise aufmerksam geworden. Er wurde nach London eingeladen. Die ungarische Akademie mußte ihm für die Reise 100 Gulden vorschießen und behielt dafür als Pfand sein wissenschaftliches Material zurück. In London wurde er von der Königin Viktoria und von dem späteren König Eduard empfangen, der ihm von da an ein Freund wurde. Er trat mit Entschiedenheit für Englands Aufgabe, Beschützer des Islam zu sein und zu bleiben, ein, und verlangte auf Grund seiner Kenntnisse Mittelasiens die Schaffung eines Pufferstaats zwischen Indien und Rußland. Seine Ratschläge wurden auch von den englischen Politikern befolgt, bis in der neuesten Zeit infolge der Entente zwischen England und Rußland in der englischen Politik eine Wendung eintrat. Dem englischen Foreign Office hatte er oft Gutachten über diplomatische Probleme abzugeben. Dafür bekam er ein fürstliches Honorar, ein Pfund (20 Jl) für das Wort. Es ist daher begreiflich, daß Vambery sich eine Million ersparte. Wie in England, so stand er auch in der Türkei in hohem Ansehen. Er war ein Freund des früheren Sultans Abdul Hamid und konnte als solcher dem Zionistenführer Herzl eine Audienz beim Sultan vermitteln, als die Cyrenaica zur zionistisch-jüdischen Heimstätte ausersehen werden sollte. Auch der Minister Aehrenthal wandte sich an ihn in der bosnischen Krise um Rat. Denn er galt nicht nur als Freund der mohammedanischen Völker, sondern als genauer Kenner ihrer Stimmungen und Lebensanschauung. Bis an sein Lebensende hat er seine Vorliebe für die mohammedanischen Völker bewahrt und mit aller Macht gegen Rußland als deren größten Gegner gearbeitet. Noch an seinem Todestage erschien in der Londoner „Times" ein Artikel von ihm über die Bewegung der indischen Mohammedaner. Als er 1864 von London zurückkehrte, war er bereits ein Mann von europäischem Rufe. Er wurde Professor der orientalischen Sprachen an der Universität in Budapest und veröffentlichte viele Arbeiten über die turko-tatarischen Völker. Die turko-tatarische Abstammung der Ungarn zu beweisen, darin bestand sein Lebenswerk. Doch ist heute die Auffassung der finnischen Abstammung vorherrschend. Trotzdem sein Lebenswerk dem nationalen Problem der ungarischen Wissenschaft gewidmet war, wurde er wegen seines Judentums angefeindet. Vor einiger Zeit wurde er von seinen wissenschaftlichen Gegnern aus der ungarischen Kommission der Mittel- und Ostasiatischen Gesellschaft, deren Präsident er war, verdrängt. Dies verursachte dem alten Gelehrten bitteren Schmerz. Gegen die falsche Nachricht, er sei aus dem Judentum ausgetreten, hat er leidenschaftlich Protest erhoben. Wenn ihm auch das Judentum fremd geworden ist, er wollte als Jude sterben. Vambery und Abdul Hamid. ^Jn Vamberys Selbstbiographie „The Story <>f „iy strugglis", („Die Geschichte meiner Kämpfe") finden sich interessante Berichte über seine Beziehungen zum früheren Sultan Abdul Hamid. Als er das erstemal in Konstantinopel war, hatte er eine Prinzessin zur Schülerin. Dem Unterrichte pflegte der 12jährige Bruder der Prinzessin beizuwohnen, ein bleicher Junge, namens Hamid Effendi. Dieser sollte später der despotische Padischah

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