Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 38 (19.9.1913)
- Date
- 1913-09-19
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Das jüdische Matt. Nr. 38. schon Regierung akkreditiert. Diese Kommission ist nun in Petersburg eingetroffen und ihr Chef hat sich auch bei seiner Ankunft dem russischen Minister des Aeußeren vorgestellt. Vom Beilisprozeh. Justizminister Tscheglonitow hat angeordnet, daß die Gerichtsverhandlungen gegen Beilis in Kiew bei offenen Türen stattfinden, dem Vorsitzenden des Gerichts ist das Recht Vorbehalten, im Notfälle die Oeffentlichkeit auszuschließen. Sowohl der Ministerpräsident Kokowzew als der Justizminister entsenden Vertrauensmänner nach Kiew, die vom Gerichtssaale aus ausführliche telegraphische Berichte nach Petersburg senden werden. Zu diesem Zwecke werden zwei neue Drahtverbindungen zwischen Kiew und Petersburg hergestellt. Die größten europäischen Blätter haben beim Präsidenten des Landgerichts in Kiew Spezialkorrespondenten für den Prozeß angemeldet. Bemerkenswert ist, daß der antisemitische Dumaabgeordnete, I a m i s l o w s k i, der als Privatkläger der Mutter des ermordeten Justinsky, der Tschebriakowa, auftreten wollte, plötzlich sein Amt niedergelegt hat. Großen Eindruck macht auch die Wendung, die im Prozeß gegen den ehemaligen Kiewer Geheimpolizisten Mistschuk eingetreten ist, der angeklagt war, zum Zwecke der Rettung des Angeklagten Beilis Fälschungen vorgenommen zu haben. Nun hat sich nämlich der Kronzeuge in diesem Prozeß gemeldet und gestanden, daß Mistschuk von den Fälschungen keine Ahnung hatte, sondern selbst das Opfer einer Täuschung geworden sei. Die Lage beginnt sich allmählich für die antisemitische Bande ungünstig zu gestalten, die mit allen Mitteln arbeitet, um aus dem Knabenmord in Kiew einen „Ritualmord" zu gestalten. Möchte ein Zola in dieser neuen „Dreyfusaffäre" erstehen! Türkei. Ein junger Jude als Diplomat. Konstantinopel. Um das Zustandekommen der direkten Verhandlungen zwischen der Türkei und Bulgarien hat sich ganz besonders ein junger Jude verdient gemacht. Darüber wird aus Konstantinopel gemeldet: Der Vertrauensmann, der Leiter der bulgarischen und der türkischen diplomatischen Mission war ein bisher unbekannter jüdischer Rechtsstudent und Journalist Ascher S a p h i r aus Jerusalem. Dieser kaum 20 Jahre alte Saphir hat bei Erfüllung der diplomatischen Aufgaben, bei denen Natschewitsch zunächst ihn nur probeweise betraute, ein Geschick bewiesen, um welches ihn mancher Berufsdiplomat beneiden könnte. An dem erzielten Erfolg der Annäherung beider Teile haben ihm sowohl der türkische wie der bulgarische Leiter der Mission das größte Verdienst zugesprochen. Saphir, dessen Vater Kaufmann in Jerusalem ist, ist ein Enkel des bekannten Forschers Jakob Saphir, dessen Arbeiten über die Juden Arabiens geschätzt sind. Die Familie bewahrt einen Brief Kaiser Wilhelms I an Saphir, als kostbares Familienandenken auf. Der junge Saphir lernte Natschewitsch im Juli d. I. kennen. Mitte August vermittelte Saphir bereits eine Zusammenkunft zwischen Natschewitsch und dem türkischen Handelsminister B o st o n i E f f e r d i, einem christlichen Syrer, dessen besonderes Vertrauen Saphir als Kenner der arabischen Sprache gewonnen hatte. Während der zahlreichen Unterredungen, die seither Natschewitsch und Bostoni Effendi miteinander hatten, unterhielten sie sich miteinander durch Vermittelung Saphirs. Das Amt des Unterstaatssekretärs im Handelsministerium soll zuverlässigen Nachrichten zufolge unserem Glaubensgenossen, früherem Abgeordneten von Bagdad, S a s s o o n Essend i aus Bagdad anvertraut werden. Sassoon genießt Ansehen nicht nur in den dortigen jüdischen Kreisen, sondern auch bei den Arabern. Es heißt sogar, seine Berufung sei auf besonderen Wunsch der arabischen Vertreter erfolgt, die hier eingetroffen sind, um Reformen und Privilegien von der Reichsregierung zu fordern. Griechenland. Ein griechischer Minister zugunsten der griechischen Juden. Salonik. Im Laufe eines Interviews, das der griechische Minister des Innern einem Vertreter der in Salonik erscheinenden jüdischen Zeitschrift „L’In<16pemlance" gab, sagte er unter anderem: Für meinen Teil mache ich keinen Unterschied zwischen Griechen und Juden. Beide gehören zur großen Familie, die unter griechischer Flagge Schutz findet. In dem jüdischen Element erblicke ich eine Kraft, aus der die allgemeinen Interessen eines Landes großen Nutzen ziehen können. Alle Reibungen müssen vergessen sein. Wir alle müssen gemeinsam arbeiten zum Wähle Griechenlands, unseres gemeinsamen Vaterlandes. Von einer beabsichtigten Auswanderung jüdischer Beoölkerungsteile nach Spanien ist hier nichts bekannt. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Salonik hat dieser in der Zeitung „Journal de Paris" lancierten Nachricht ein entschiedenes Dementi entgegengesetzt; die Juden in Salonik hatten nur Gutes von der ihnen gegenüber eingenommenen freundlichen Haltung der Regierung zu melden. Palästina. Jerusalem. Das einzige jüdische Krankenhaus, das nach modernen Methoden eingerichtet und verwaltet wird, ist das Hospital „Schare Zedek" in Jerusalem. Seinen guten Ruf verdankt es nicht zum geringsten Teil seinem Ches-Arzt Dr. Wallach, der seit 20 Jahren unermüdlich im Dienste der Anstalt tätig ist. Auf der Höhe seiner Wissenschaft stehend, sorgt er wachsam für das Wohl seiner Kranken. Oft erscheint er behutsam auf den Zehen gehend mitten in der Nacht im Krankenhause, um seine Kranken im Schlafe zu beobachten, ohne sie zu stören. Es gibt wohl keinen Juden in Jerusalem, der nicht schon Wohltaten dieses Arztes und Menschenfreundes erfahren hätte. Nun hat sich der Fall eines jungen Mannes zugetragen, der einen Tag, nachdem er im Schaare Zedek-Spital ausgenommen wurde, plötzlich verstorben ist. Er kam am FQ52? von Jaffa nach Jerusalem und stellte sich im Spital Dr. Wallach vor. Da dieser bei der Untersuchung des Kranken keine gefährliche Erkrankung konstatierte, wies er Vastr und Sohn zurecht, daß sie deshalb am von Jaffa nach Jerusalem gefahren seien und hieß den Kranken nach Sabbatausgang sich im Krankenhaus zu melden. Die dann vorgenommene gründliche Untersuchung bestätigte den ersten Befund, der auf nicht lebensgefährliche Erkrankung lautete. Der Kranke speiste mit Appetit zu nacht. Am anderen Morgen starb er plötzlich. Nun wurde eine förmliche Hetze gegen Dr. Wallach inszeniert. Er sei an dem plötzlichen Tode schuld, weil er den Kranken wegen der Sabbatentweihung hart angefahren und ihn nicht sofort ausgenommen habe. Da der Junge dem jungjüdischen Verein Makkabi angehörte, machten diese Kreise mobil, hielten Versammlungen ab und suchten die Menge gegen Dr. Wallach, den frommen Arzt, aufzuregen. Bei der Haltung dieser Kreise (zionistischer neuer Jlschuw) ist es natürlich, daß dabei gegen die Frömmigkeit überhaupt losgezogen wird. Eine in Jerusalem erscheinende jüdische Zeitung tat ihr Mögliches, um die feindselige