Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Blatt · 1913-09-19 · 38 (19.9.1913) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
38 (19.9.1913)
Date
1913-09-19
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9052070-9096771-9052688--0627-9052694
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

6 Dajüdische Matt. Nr 38 Antrag der Leitung: Unverzüglich zum Bodenkauf zu schreiten, uni in der Nähe Jerusalems eine Kolonie anzulegen. In der Kolonie soll der Gartenkultur und Milchwirtschaft spezielle Pflege zugewandt werden. Ueberdies sollen 100 Dimam Boden für Ethropimpflanzen reserviert bleiben. Als Kolonisten sind Jerusalemer fromme Juden ausersehen. Antrag der Leitung: Die Tachkemonischule in Verwaltung des Misrachi zu übernehmen und zu einer geregelten Mittelschule auszugestalten. Während der Tagung spendete ein Herr Katalino-Charkow 1000 dl für die Kolonie und 1000 dl für die Tachkemoni. —-^- Aries vom Lande. Ja, so wird man berühmt und weiß nicht wie. Ich erhalte von allen Seiten Anfragen und Belehrungen. Manche wollen zu meinen Ausführungen „Stellung nehmen", andere wollen mir über verschiedene Fragen ihre „Ideen mitteilen". Habe dabei freilich oft an die Worte denken müssen, die Heine seinem Kutscher Pattensen in den Mund legt: „Eine Idee?" Eine Idee ist alles dumme Zeug, was man sich denkt." Aber manchmal erlebt man doch eine Simchoh. So erhielt ich dieser Tage aus dem Elsaß einen Brief, der für die Landbevölkerung verschiedener Gegenden von Interesse sein dürfte: An den R o s ch H a k o h o l, p. A. Redaktion des Jüd. Blattes Ich habe aus Ihren Briefen ersehen, daß Sie doch ein bihel Verständnis für die Nöte der Landbevölkerung besitzen. Deshalb wende ich mich an Sie, Ihren erprobten H Rat einzuholen. Zwischen meiner besseren Hälfte und mir besteht nämlich momentan eine Meinungsverschiedenheit?) Bei solchen Gelegenheiten schlägt meine Frau zwar nicht so sehr die Türe zu wie die Ihrige?) aber gemütlich ist deswegen die Sache doch nicht. Die Ursache des Streites: Unser Junge. Ein nettes Bürschlein unbeschrien von 10 Jahren. Aller Eltern Kinder sind Chachomim. Aber das Unsrige hat beemes etwas los. Muß also eine höhere Schule besuchen. Aber welche? Meine Frau meint: Das Gymnasium des benachbarten B. Da dort kein auch nur annähernd erträgliches Kosthaus ist, so soll der Kleine täglich hin- und herfahren. Ich leite meine gegenteilige Meinung mit einem Kompliment ein. „Da hast Du recht, wie immer," sage ich, „aber weißt Du. die Fahrerei will mir nicht recht behagen. Es gibt für Kinder nichts Schlimmeres für ihre Gesundheit und Moral. Darum wäre ich dafür, ihn nach Straßburg in ein Schülerheim zu bringen. Dort würde das Kind sein regelmäßiges Leben haben; für gute Gesellschaft wäre gesorgt. Der Chef des Hauses würde seine Schulaufgaben beaufsichtigen und neben der Schule sein jüdisches Wissen vervollkommnen. Siehst Du, es würde mir gar nicht paffen, wenn mein Junge in der Schule die Geschichte von Krähwinkel und dessen Fürstenhaus, die Lehre von Sokrates und Plato, aufs Genaueste kennen lernt und in der Geschichte unserer Väter und in der Lehre Gottes ein Fremder bliebe. Kurz und gut, er wäre dort daheim. Wäre sittlich und religiös in guten Händen." „Mein lieber Mann," hat meine Frau erwidert, „das ist eine Fabel. Ein solches Haus gibt es in Straßburg nicht." Nun frage ich Sie, verehrlicher Rosch Hakohol, müßte man nicht mit allen Kräften ein solches Haus schaffen? Glauben Sie nicht, daß die Stadtherren, die so schön über Landflucht reden, uns dabei unterstützen werden. Denn sehen Sie, die Schwierigkeit, seine Kinder, die die höhere Schule besuchen sollen, in einem guten Hause unterzubringen, ist in erster Linie für seriöse Menschen der Ansporn, in die Stadt zu ziehen. (Ich frage nur, warum sollte in Straßburg nicht möglich sein, was in anderen Städten so glänzend gelang? R. H.) l)? R. H. *) soll Vorkommen. R. H. ->) I wo R. H. Ein katholischer kirchenfürsi über die jüdische Orthodoxie. Bei Gelegenheit einer Firmung in Balascha-Diormat in Ungarn empfing der Fürstprimas, Dr. Joh. Czernoch, das Oberhaupt der Katholiken Ungarns, auch eine aus 20 Mitgliedern bestehende Abordnung der dortigen jüdischen Gemeinde. Auf die Ansprache des Hauptes der Abordnung antwortete der Fürstprimas: „Ich danke sehr und ich bin recht erfreut ob des Besuches der orthodoxen, jüdischen Gemeinde; ich betone, die orthodoxe Gemeinde! Denn ich weiß und ich habe es erst unlängst in einem neueren Werke eines Rabbiners gelesen, wie sehr die Orthodoxen, die so eifersüchtig ihre Autonomie bewahren, treu und streng ihrem Glauben anhängen, und ich selbst bin davon überzeugt, daß nur derjenige, der seine Religion ehrt und schätzt, auch seinem König und seinem Vaterlande treu sein kann. Seien Sie überzeugt davon, daß auch ich den glaubenstreuen und seine Religion beobachtenden Menschen liebe, möge er welcher Konfession auch immer angehören." Frankreich Bericht der „3ca“. Der Bericht der „Jca" von 1912, der soben herausgekommen ist, bespricht den Zustand der jüdischen Kolonien in den verschiedenen Ländern unb hat im wesentlichen folgenden Inhalt: Nach dem Bericht ist der Zustand der Kolonie in Argentinien ein sehr zufriedenstellener. Die jüdische Bevölkerung nimmt mit jedem Jahr 311. ■ In 1912 belief sie sich auf mehr als 24 000 Seelen, die eine Bodenfläche von mehr als 183 Hektar bearbeitet haben. Im gleichen Jahre haben die Kolonisten der Jca Abzahlungen geleistet in Höhe von mehr als 200 000 dl. Die Einwanderung in die Städte nimmt ebenfalls zu (13 416 Juden in 1912). In Buenos Aires wirkt eine Arbeitsnachweisstelle für die Einwanderer. In den Kolonistenstuben befinden sich mehr wie 4000 Kinder. In B r a s i l i e n ist die Lage nicht glänzend. Es wird sogar in der alten Kolonie „Philippson" geklagt. In den Vereinigten Staaten von Amerika unterstützt die „Jca" die dortige Jüdisch-Landwirtschaftlich-Jndustrielle Gesellschaft. In den 12 Jahren ihres Bestehens hat diese Gesellschaft 5000 jüdischen Familien zu einer freien Existenz auf dem Lande verholsen. Das Vermögen an Boden mit dem Inventar beläuft sich auf 140 Millionen Mark. Der Bericht fügt hinzu, daß, nachdem die Hilfsgesellschaften mit dem Beispiel vorangegangen sind, sich jetzt schon viele Juden in Amerika und in Argentinien ohne fremde Hilfe als Farmer niederlassen. In Canada sind mehrere Bodenarbeiter-Ansiedlungen, die sich gut entwickeln. In Palästina war die Tätigkeit im verflossenen Jahre ohne gute Ergebnisse, weil die klimatischen Bedingungen ungünstig sind. Der Bericht tadelt es, daß die Kolonisten in Palästina sich zu wenig mit Viehzucht und Gartenbau abgeben. Auf C y p e r n ist die Lage schlecht. Die Kolonisten können dem Fieber nicht widerstehen und brechen wieder von dort auf.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.