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Das jüdische Blatt · 1913-09-19 · 38 (19.9.1913) · p. Seite 5

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
38 (19.9.1913)
Date
1913-09-19
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 38. Das jüdische Mall. 5 zionistischen Parteien, die heute ihre Tagung beginnt, allein ihre Stoßkraft voll beharrlichen Ernstes und impulsiver Energie verschafft ihr, ungeachtet ihrer relativen numerischen Schwäche, einen achtunggebietenden Einfluß auf dem Kongreß. Wer da glaubte, daß der letzte Kongreß mit seinen zweischneidigen Kulturresolutionen dem Misrachi das Lebenslicht ausgeblasen und in seiner Schwungkraft für immer gelähmt habe — und dieser Meinung war wohl das Gros der objektiven Beschauer —, muh sich von dieser Konferenz neue Belehrung holen. Ungebrochen und unverbraucht steht er da. Dank der regen Werbetätigkeit der gegenwärtigen Leitung ist es gelungen, ungeachtet der Ungunst der Verhälnisse am Beginn der Arbeit, die schweren Verluste auszugleichen, ja sogar einen nennenswerten, vielversprechenden Ueberschuß zu gewinnen. Und so mag die Leitung ruhig das Urteil der Delegierten über sich ergehen lassen. Ueberblicken wir den Konferenzsaal, so tauchen im Gewirre da und dort typische Köpfe und exotische Trachten aus, die unsere Aufmerksamkeit fesseln. Hier sehen wir, in gelassener orientalischer Grandezza ausschreitend, den Chacham Baschi von Saloniki, diskret in der Bewegung, vornehm in der Haltung, auf dem ebenmäßigen, weißumrahmten morgenländischen Gesicht ruht das Fez, dort quecksilbern-lebhaft, hastig gestikulierend unsere Brüder aus dem Osten im feiertägigen Seidenkaftan, Sandalen oder hohen Stiefeln und verschiedensten Kopftrachten, ab und zu auch den mit dem Europäertum koketierenden Zylinder. Hier die ehrfurchtgebietende gedrungene Gestalt des Lyddaer Gaon, der weiße, buschige Bart, die Brust verdeckend, neben ihm die hagere, spindeldürre und knochige Erscheinung des Rabbi Fischmann-Iaffa. Da lösen sich aus dem Gewirre der größte lebende jüdische Dichter Eh. N. B i a l i k, mit kindisch-naivem, verträumtem und unbeholfenen Gesichtsausdruck, der bäuerlichgerötete, mächtige Rundschädel eng auf dem Leibe aufsitzend, im Gespräch vertieft mit der tolstoischen Erscheinung des Professor Schechter-Newyork. Hier der schmiegsame Maler Struck, gemessen letzte Anordnungen treffend und die übrigen eleganten Herren des Westens. Aber noch sind alle Konferenzteilnehmer nicht erschienen, da viele des Sabbats wegen erst morgen eintreffen. Auch der Präsident der Föderation, Dr. Franck-Altona, ist durch leichtes Unwohlsein verhindert, heute die Verhandlungen einzuleiten. Die Wiener jüdische Gesellschaft, besonders die religiösen Kreise, haben sich zahlreich eingefunden und mischen sich voll Interesse in das Gewirre des Saales. Um yi4 Uhr eröffnet Jakob Möller- Altona in Vertretung Dr. Francks die Sitzung, wirft einen Rückblick auf den trostlosen Stand der Bewegung bei Uebernahme der Geschäfte und bespricht ihren heutigen Stand. Redner sehe dem Kulturkampf ohne Besorgnis ins Auge. Die Argumentation, daß durch die Hervorkehrung der nationalen Gedanken die Bedeutung der Religion herabgedrückt werde, indem sie, die keiner Majorisierung ausgesetzt sein darf, aus dem Zentrum in die Peripherie gedrängt werde, kann Redner nicht gelten lassen. Denn, hart im Raume berühren sich die Gedanken. Das jüdische Volk war nie homogen, vielmehr jederzeit geistig und kulturell differenziert. Mit diesem Gegebenen mußte gerechnet werden, daß das Volk des Buches auch von anderen Interessen und Fragen als von der Magenfrage beherrscht sei und war. Man begegne diesen Strömungen auch nicht, indem man den Saal verlasse. Nur im Geist der Gesamtheit muß der Impuls für die Sonderbestrebungen gefunden werden. In diesem Rahmen strebe man eine Besserung an. Redner vertraue auf den gesunden Sinn des jüdischen Volkes, daß die nachfolgende Generation derer, die sich heute teilweise zum Judentum bekennen, das Judentum in seiner Gänze erfassen und beherzigen werden. Diese geistige Sammlung könne aber nur erfolgen, wenn ein Zusammenschluß der Gesamtheit stattfinde. Von den Begrüßungen verdienen hervorgehoben zu werden die Sch. L e w i n s namens des A. C. Redner beschäftigt sich mit den speziell von der Misrachi zu erfüllenden Aufgaben. Er wünscht schon längst den Tag herbei, wo der Misrachi wirklich mit Schulgründungen beginne, die den Zeiterfordernissen und -Verbindungen mit der Pflege des traditionellen Geistes entsprechen. Redner beteuert, die Tachkemonischule frei von allen Vorurteilen besucht zu haben. Sie habe ihn aber unbefriedigt gelassen. Es sei unerläßliche Pflicht, daß der Misrachi den dringenden Landbedürfnissen in dieser Richtung Rechnung trage. In bezug auf die Kolonisation bezeichnet Redner den „großen Moment" als Phantom. Die Geschichte kenne keine große Momente, sondern bloß günstige Zeitperioden. In diesem Sinne sei der Moment heute günstig, ehe die natürliche Wertsteigerung den Boden auf das zehnfache verteure. Er verspreche dem Misrachi bei jeder realen Gründung weitgehendste Förderung seitens des A. C. Chacham Baschi R. Meier-Saloniki: Er freue sich, im Anschlüsse an seinen ersten Kongreß seine ersten Worte an den Misrachi richten zu können, die entsprechend dem Religionssatz nur „Bündnis und Thora" zum Segensspruch über das Land hinzufüge. Auch er erblicke die vornehmste Pflege des Misrachi in der Gründung geeigneter Unterrichtsanstalten, die der bedauerlichen Entfremdung der Jugend entgegenwirken. Nur durch hochstehende Musterschulen vermögen wir den verderblichen Einfluß der Mission lahmzulegen. Vermögen wir die Jugend vor der Mission zu bewahren durch Hinweis auf unsere Institutionen? Der gegenwärtige Kongreß sei der Zahl nach zwar der elfte, möge er der erste der praktischen Beratungen sein. Galt bisher die Bitte „lehre sie was sie reden sollen, so soll es jetzt „lehre sie, was sie tun sollen" heißen. Er begrüße die Versammlung mit den Segensworten Moses bei Vollendung der Stiftshütte: „Es fei sein Wille, daß die Schechinah ruhe über unserm Händewerk." Rabbiner Landau übermittelt die Grüße der Rabbiner. Kleinstein spricht über Rußland: Er klagt über die schwache Vertretung aus Rußland, die ihre Ursache irr dem bedauerlichen Einfluß gewisser Kreise habe, die Nationalismus und Religion als gegenseitig sich ausschließend darstellen, wodurch die Nationalgesinnten sich samt und sonders vom Religiösen abkehren. Er freue sich -aher, von dieser Tagung den Eindruck mit nach Hause zu nehmen, daß Jüdischkeit und Nationalismus eng zusammengehören und daß der Misrachi der wahre Vertreter des Nationalismus sei. Er schließt mit der Gelobung, in seiner Heimat für die Verbreitung der Idee tätig zu sein. Nach einer weiteren Reihe von Begrüßungsansprachen, wie Rabb. Fischmann für Palästina, Prof. Schechter für Amerika, Redakteur Friedmann für Ungarn und Austerlitz für Wien, werden Hermann S t r u k zum Vorsitzenden, Saly Wolfs- Antwerpen zum ersten und Rabbiner Moritz K. Kramer zum zweiten Vizepräsidenten gewählt. Auf Wunsch vieler Delegierten, die heute nicht hier sein konnten, vertagt Vorsitzender die Verlesung des Berichtes auf Morgen und schließt die Sitzung. * * * Wie Ihr Korrespondent erfährt, wurden in der vertraulichen Konferenz nachstehende Beschlüsse gefaßt: Antrag Dr. Rick-Berlin: Herausgabe einer jiddischen Zeitung, zwecks Propagierung des Misrachi in Galizien und Rußland. Antrag F i s ch m a n mit der Modifikation, daß eine Landparzellierungsgesellschaft mit einem Kapital von 100 000 Fr. gegründet werde; der Anteil zu 1000 Fr.

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