Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 38 (19.9.1913)
- Date
- 1913-09-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 38. Das jüdische Statt 3 wegen der Kulturarbeit ausgebrochen. Auf der die Religion verneinenden Seite standen als Führer die zionistischen Poale Zion, auf der anderen, der konservativen Seite standen die Misrachisten. Die Misrachisten waren gegen die offizielle Aufnahme der Kulturarbeit in das Programm. Die sozialistischen Poale Zion aber blieben Sieger. Der Kongreß erklärte sich für Kulturarbeit. Dabei billigte er die Kultur der Poale Zion, die die Religion aus dem Leben ausschalten, und zugleich die alte echte jüdische Kultur der Misrachisten. Die Poale Zion blieben Sieger. Denn die von dem offiziellen Zionismus betätigte und geförderte Kultur ist jetzt durchweg die religionsfeindliche, in unserem Sinne wenigstens. Die Flut dieser von der überlieferten Religion abgewandten Kultur wälzt sich ungehemmt durch fast alle Aeußerungen des offiziellen zionistischen Lebens und ist dazu angetan, alle Dämme niederzureihen, die das überlieferte Judentum in Palästina dieser unheilvollen Ueberschwemmung bis jetzt entgegensetzen könnte. Das Hebräische Gymnasium in Jaffa lehrt seine jungen Zöglinge nicht die Lehre Moses, sondern die Kritik der pMestantischen Theologieprofessoren. In dem Hebräischen GymiMim in Jerusalem soll es einen gleichgearteten Genossen bekommen. Die in Aussicht genommene Universität in Jerusalem wird unseres Erachtens diesen Bestrebungen die Krone aufsetzen. Unter den 550 Zionisten auf dem Kongreß befanden sich 40 orthodoxe Delegierte, Misrachisten. Sie haben nicht versucht und konnten nicht versuchen, den reihenden Strom aufzuhalten. Sie sind ja trotz der offiziellen Aufnahme der religionsfeindlichen Kulturarbeit in das zionistische Programm bei der Fahne geblieben. Zwei leitende Persönlichkeiten der Misrachisten sind auf dem Kongreß aufgetreten. Rabbi Reines hat unter Widerspruch Protest erhoben gegen die Koedukation, d. h. gegen die gemeinsame Erziehung von Knaben und Mädchen auf dem Gymnasium in Jaffa. Maler Struck-Berlin ist in einer eindrucksvollen Rede gegen das Mitglied des großen Aktionskomitees A. Boehm-Wien vorgegangen. Dabei hat er auch das Eingeheu von Mischehen durch Zionisten scharf getadelt. Aber gegen den neologen Geist, der auf dem hebräischen Gymnasium in Jaffa gepflegt wird, und der die ganze zionistische Kulturarbeit durchdringt, Einspruch zu erheben, haben sie schon nicht mehr vermocht. Und was die Mischehe betrifft, so hätte folgerichtig der Ausschluß Nordaus gefordert werden müssen, der in Mischehe lebt. Bei der Verkündigung, daß die verlangten 100 000 Frs. für das neue Hebräische Gymnasium in Jerusalem gedeckt seien, brach der Kongreß in Jubel aus. Bei der Annahme des Antrages über die Universität, erhob sich ein ungestümes Beifallklatschen. Bei uns muß diese Nachricht nicht Jubel, sondern Schmerz Hervorrufen. Galt doch dieser Jubel in unserem Sinne der Zerstörung unserer heiligsten Güter! Vor dem Orte, wo das hehre Heiligtum Israels sich erhob, werden an Stelle der Thora und des Wortes Gottes Lehren verkündet werden, die dem Worte Gottes den Menschengeist entgegenstellen und die Keime des religiösen Lebens ersticken. Doch wozu Schmerz oder gar Kritik? An uns ist es vielmehr, uns zu ermannen und uns zn frischer Arbeit zusammenzuschließen in der Aguda! Das Vaterland ist in Gefahr! Vor diesem Gedanken sollten alle Bedenken, alle Vorbehalte, alle Aengstlichkeiten und Meinungsverschiedenheiten verschwinden. In diesem Kampf des Geistes, der durch den Zionismus entbraunt ist, sollten die Gesetzestreuen eine einheitliche geschlossene Phalanx bilden. Bericht über den XI. Zionistenkongreß. (Schluß.) VII. Sitzung. Freitag nachmittag. Dr. B o d e n h e i m e r erstattet den Bericht über den Nationalfonds. Die meisten Zahlen und Tatsachen, die er bringt, sind in unserem Blatt bereits gebracht morden. Der Nationalfonds ist auf 4 Millionen Kronen gewachsen. Infolge der türkischen Gesetze ist der Nationalfonds nicht in der Lage, Eigentumsrecht auf Grund und Boden in Palästina zu erwerben. Er muß den erworbenen Boden auf den Namen Fremder, wenn auch vertrauenswürdiger Personen, überschreiben. Würde das Bureau des Nationalfonds nach Berlin verlegt, wie es manche wünschen, so müßte Bodenheimer die Direktion niederlegen und ein teuer bezahlter Direktor müßte angestellt werden. Er schloß mit einem Appell an alle Zionisten, alle Kraft anzustrengen, um Palästina zu einem blühenden Garten für das jüdische Volk zu machen. Des nahenden Sabbat wegen wurde darauf die Sitzung auf Samstag nacht vertagt. VIII. Sitzung. Samstag nacht, 8 Uhr.' Dr. A. R u p p i n - Jaffa, Leiter des zionistischen Palästinaa m t s sprach über „Die zionistische. Arbeit in Palästina". Neue wirtschaftliche Methoden wurden angewandt um größere Erfolge mit kleinen Mitteln zu erzielen. Eine Parzellierungsgesellschast wurde gegründet, um große Güter zu kaufeu und sie zu erschließen und sie in kleine Stücke zu teilen. Kapitalkräftige Leute erhielten dadurch Gelegenheit, Güter in Palästina zu kaufen. Die Errichtung der Großfarmen Kinereth und Beth-Schemen habe die Ausbildung landwirtschaftlicher Arbeiter und die Erprobung aller technischen Neuerungen ermöglicht. Um den Tiberiassee herum seien gegründet worden die Kolonien Merehawja, Migdal und Degania. Die Achusabewegung in Amerika habe sich entwickelt, eine Mädchenfarm zur Ausbildung von Kolonistinnen wurde eröffnet. Die Beschäftigung jüdischer Arbeiter in Palästina sei einfach eine Notwendigkeit, nur durch Ausnutzung jüdischer Arbeitskraft erwecke man das moralische Recht auf Palästina. Der Umsatz des Palästinaamts habe 1908 208 000 Frs. betragen, im ersten Halbjahr 1913 habe es bereits SA Mill. Franks überschritten. Für die Zukunft sei die Eröffnung des Technikums in Haifa von großer Bedeutung. Das Hebräische Gymnasium in Jaffa bringe bereits eine Viertel Million von auswärtigen Schülern bezahltes Schulgeld ein. David T r i e s ch - Berlin bedauert, daß zu wenig Palästinaarbeit geschehe. Das Palästinaamt beanspruche auf viele Arbeiten ein Monopol, das es nicht ausüben könne. Die Arbeit, sei einseitig. Man müsse nicht nur Landwirtschaft betreiben, sondern auch Industrien einführen, besonders U h r e n i n d u st r i e. Nun folgt auf der Tribüne I. H. Kann- Haag. (Schon am Freitag hat er eine Broschüre an die Kongreßmitglieder verteilen lassen. In dieser beweist er durch Zahlen und Tatsachen, daß die Palästinaarbeit fast bankrott sei, daß sie jedenfalls die erwarteten Erfolge nicht gebracht habe.) Er sagt, die Projekte häufen sich, überstürzen sich, ohne „systematische Borbereitung". Daraus müssen sich Fehler ergeben. Bezalel z. B. würde bei besserer Borbereitung A Million weniger gekostet haben. Gewiß, die kolonisatorischen Unternehmungen können nicht gleich Profit bringen, aber etwas müssen sie immer abwerfen. Die Gelder des Nationalfonds seien zu stark in Palästina angelegt. Wenn sich einmal die Gelegenheit zu Bodenkauf im großen bieten würde, würde der Nationalsonds das nötige Geld nicht haben. Die Leitung Piche die wahre Lage zu verschleiern. Nur die größte Klarheit und Offenheit könnte die Palästinaarbeit zu Erfolgen führen. H. Kann antwortet S. L e w i n, reich an Temperament, inhaltlich arm. Er ist erregt, und greift seine Gegner zu scharf an. Der prinzipielle Unterschied zwischen der Mehrheit des Kongresses und den Gegnern sei das Maß der Begeisterung. Man müsse ohne lange Berechnungen zugreifen und arbeiten. Die Kolonien würden nicht schlecht geführt, wie Kann behauptet. Lewin kenne die Kolonien aus eigener Anschauung. Kann betrachte die Bewegung vom Standpunkte des Buchhalters. Der Fortschritt der zionistischen Bewegung bestehe gerade darin, daß sie sich von dieser engen Methode des Buchhalters