Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 37 (12.9.1913)
- Date
- 1913-09-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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«Rr. 37. 5 Das jüdische Statt. gliedern, die Kultur-Kommission aus 15 Mitgliedern und die Kommission für Gegenwartsarbeit aus 21 Mitgliedern bestehen möge. Präsident Wolfsohn: Ich glaube, daß Herr Dr. Pasmanik, nachdem der Permanenzausschuß noch nicht zusammengetreten ist, den Antrag für Nachmittag zurückstellen wird. Der Antragsteller gibt hiezu seine Zustimmung. Präsident W o l f s o h n: Ich werde nunmehr den Einlauf zur Verlesung bringen, jedoch mit Rücksicht darauf, daß dieser außerordentlich umfangreich ist, nur einiges hervorheben. Zunächst bringe ich zur Verlesung einen Brief von Dr. Nordau (Bravo! Lebhafter Beifall und Händeklatschen): Hochgeehrter Kongreß! Obschon unabwendbare Umstände, zum erstenmal seit der Entstehung der zionistischen Organisation, mich verhindert haben, für den 11. Kongreß einen Vertretungsauftrag anzunehmen und mich an seinen Arbeiten zu beteiligen, drängt es mich doch, ihm aus der Ferne zu ferner Eröffnung meinen Gruß zu senden. Ich werde seinen Verlauf mit leidenschaftlicher Anteilnahme verfolgen und jedes Wort, das in seinen Sitzungen gesprochen wird, ist sicher, in meiner Seele einen lauten Widerhall zu wecken. Ich wünsche auf das Innigste, der Kongreß Möge, in der Stadt Herzls stets den ganzen Umfang des Herzlschen Gedankens im Auge behalten und keinen Augenblick lang vergessen, daß eine Arbeit, die lediglich die Vorbereitung Palästinas zur Aufnahme möglichst zahlreicher jüdischer Einwohner bezweckt, für die Gesamtheit des jüdischen Volkes ohne Nutzen bleibt, wenn nicht gleichzeitig möglichst zahlreiche Juden zu dem Bestreben erzogen werden, in dem für sie vorbereiteten Palästina Ausnahme zu suchen. Möge ferner der Kongreß immer der Tatsache eingedenk bleiben, daß die mit harter Mühe geschmiedeten finanziellen Werkzeuge unserer Bewegung nicht robust genug sind, um unvorsichtiger oder rücksichtsloser Handhabung zu widerstehen, und daß ihr Zusammenbruch, wenn auch nicht dem zionistischen Gedanken, aber doch der heutigen zionistischen Organisation töckich werden könnte. Möchte der Kongreß endlich nicht vergessen, daß man einer großen Sache durch theoretisch einwandfreie Beschlüsse nicht nützt, wenn die gewöhnliche Einsicht vorherzusehen gestattet, daß ihre Verwirklichung zurzeit unmöglich ist. Ich wünsche aus tiefstem Herzen, daß der 11. Kongreß den Zionismus seinem erhabenen Ziel um eine ansehnliche Wegstrecke näherbringen möge, und bin dessen hochachtungsvoll ergebener Dr. M. Nordau. (Der Verlesung folgt lebhafter, langanhaltender Beifall und Bravo- Rufe.) Ferner ist ein Telegramm von Nathan Strauß aus Amerika cingelaufen: Herzliche Grüße an meine Brüder im Zioniften-Kongreß. Ich bedaure außerordentlich, daß ich nicht in der Lage bin, bei Ihnen zu weilen. Mögen Ihre Verhandlungen das Resultat ergeben, jedes jüdische Herz mit Enthusiasmus für unsere Sache zu erfüllen. Der Zionismus ist der klarste Ausdruck des Lebenswillens des Juden in der Gegenwart (Bravo! Lebhafter Beifall) und die furchtbarste Begeisterung für seine Bestrebungen in der Zukunft. Nathan Strauß. (Bravo! Beifall und Händeklatschen.) Gegen die Absendung eines Antworttelegramms an Dr. Nordau auf das obige Begrüßungsschreiben erhob sich von mehreren Seiten Widerspruch, bis schließlich beschlossen wurde, ein Danktelegramm abzusenden. Dieses hat folgenden Wortlaut: Dr. Max Nordau Cottage du Mar par Annecy (Haute Savoye.) Der 11. Zionistenkongreß spricht dem Altmeister Dr. Nordau seinen Dank für die an ihn gerichtete Begrüßung aus und hofft zuversichtlich, den Mitbegründer der Zionistischen Organisation noch auf vielen Kongressen in seiner Mitte zu haben. Das Präsidium: David W o l f s o h n, Präsident, Dr. G a st e r, Dr. B o d e n h e i m e r, Julius Simon, Dr. E h r l i ch, Adolf Stand, Vizepräsidenten. I I I. Sitzung. Mittwoch, 3. Sept., nachm. 4 Uhr. Nach einer kurzen Besprechung des Berichts des Legimationsausschusses über die Prüfung der Mandate, die mit wenigen Ausnahmen bestätigt werden — im ganzen sind 550 Delegierte aus 23 Ländern erschienen, darunter etwa 30 aus Palästina - - bestreitet Dr. K a t; e n e l s o h n die Notwendigkeit der im Bericht Hantkes geforderten Unterstellung der Finanzinstitute der Organisation unter die Parteileitung. Die Annahme eines solchen Beschlusses wäre ein Unglück für die Bank und für die Leitung. „Das Aktionskomitee ist Kunde der Bank, wir machen Geschäfte, wir haben für sie Anträge zu erledigen. Ist es richtig, daß die Kunden und die Leitung dieselbe sei?" I V. Sitzung. Donnerstag, 4. Sept., vorm. 10 Uhr. An diesem zweiten Tage der Generaldebatte ging die Opposition mit voller Wucht zum Angriff vor. Der Vormittag verlief noch glimpflich. C h a s a n o w i t s ch, von dem zionistisch-sozialistischen Verbände „Paole Zion", erhob zwar viele Einwendungen gegen die Zeitung, sprach jedoch im allgemeinen seine Zufriedenheit aus. Da er die „Welt" angriff, ja sich sogar dazu bequemen mußte, den Ausdruck „gelbes Käseblattel", den er für sie gebraucht hatte, zurückzunehmen, mußte der Chefredakteur der „Welt" die Angriffe abwehren. Er tat dies in geschickter Weise ohne über den Konflikt mit Nordau Auskunft zu geben. Dr. Reich sprach im Namen der galizischen Delegierten der Leitung sein vollstes Vertrauen und gab ihr seine ganze Zustimmung. Im Namen der Opposition gab Jean Fischer (Antwerpen) seinem heftigen Tadel über die seit zwei Jahren am Ruder befindliche Leitung Ausdruck und wies in scharfer Form ihren Anspruch zurück, die Herrschaft über die Bank zu erlangen. Dr. Gaster, London, führte dann durch sein Eintreten für die praktische Arbeit einen für die Leitung günstigen Abschluß der Vormittagssitzung herbei. Er sagte am Schlüsse seiner Rede: Wir dürfen die Emigration der türkischen jüdischen Untertanen auf dem Balkan nicht nach dem Westen einsetzen lassen, sondern nach dem Osten. Da noch 60 Redner sich gemeldet hatten, wurde die Wahl von Generalrednern für den Nachmittag beschlossen, um die Debatte abzukürzen. In der Nachmittagssitzung sprach der Vertreter der palästinensischen Arbeiterpartei A r o n o w i t s ch für die Leitung, die kolonisatorische Arbeit in Palästina müsse von den Bankinstituten der zionistischen Bewegung selbst geleitet werden; Syrkin wirft der Leitung vor, sie lasse sich ganz von dem merkantilen Geist beherrschen; Dr. T s ch l e n o w drückt seine uneingeschränkte Zustimmung zu der Tätigkeit der Leitung und ihren Forderungen aus. Als letzter Redner kommt David W o l f s o h n, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Jüdischen Kolonialbank zu Worte. Er warnt aufs entschiedenste davor, die Bankinstitute unter die Botmäßigkeit der Leitung zu stellen. Seine Ausführungen enthielten außerordentlich scharfe Angriffe auf die Leitung. Sie wurden vielfach von Aeußerungen des Widerspruchs und des Unwillens unterbrochen, aber auch von Beifallskundgebungen begleitet. Die „Politischen" suchten mit ihrem Beifall den Unwillen der „Praktischen" zu übertönen. Die Sitzung artete wiederholt in Tumult aus. Und als Wolfsohn um 8 Uhr abends schloß, war die Stimmung beider Parteien eine außerordentlich erregte. Der vorgemerkte folgende Generalredner Leo M o tz k i n fühlte sich nicht mehr in der Lage zu sprechen. Der Vorsitzende sah sich daher veranlaßt, die Sitzung zu schließen und die Fortsetzung der Debatte über die Frage, ob der Leitung Decharge zu erteilen und Vertrauen auszusprechen sei, auf den folgenden Tag zu vertagen. V. Sitzung. Freitag, 5. September, vormittags. Zu Beginn der Sitzung brachte Präsident W o l f s o h n folgende Depesche zur Verlesung: Die Kabinettskanzlei Seiner K. u. K. Apostolischen Majestät an Herrn David Wolfsohn, Wien, Hotel Imperial. Bad Ischl. Seine K. u. K. Apostolische Majestät danken allergnädigst für die im Namen des 11. Zionistenkongresses dargebrachtc Huldigung.