Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 37 (12.9.1913)
- Date
- 1913-09-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37. 3 Das jüdische Klatt. erzeugen. Der Kampf ist edel, wenn die Parteihäupter das Persönliche zu vermeiden verstehen und ihre Stoßkraft ans der Festigkeit ihrer Ueberzeugung und der Güte ihrer Sache schöpfen. Tragisch ist er keinesfalls. Im Gegenteil, er ist ein Symptom und ein Symbol impulsiver Lebenskraft und tatenfroher Begeisterung. Bericht über den XI. Ziomslenkrongreß. Am 2. September, um 8 Uhr abends, wurde in der Katharinenhalle in Wien der 11. Kongreß der Zionistischen Weltorganisation eröffnet. Ein ungeheures Menschengewoge bewegte sich in der Schönbrunnerstraße, in der das Kongreßgebäude sich befindet, eine unabsehbare Reihe von Wagen und Autos rollte in der Stunde heran, die der Eröffnung voranging. Es waren wohl 7—8000 Menschen, die sich um das Gebäude drängten. Nur die Hälfte konnte Einlaß finden, nur diejenigen nämlich, die sich mit einer Eintrittskarte beizeiten versehen hatten. Die Menschenmasse setzte sich nicht nur aus den Delegierten zusammen, die unten im Kongreßsaale ihren Platz und Sitz und Stimme haben, sondern aus den Hunderten von Personen, die zum Teil aus weiter Ferne herbeigeeilt waren, um den Kongreßverhandlungen wenigstens als stille Teilnehmer auf der Galerie beizuwohnen. Die Preise für Galeriekarten, die zum Besuche sämtlicher Sitzungen des Kongresses berechtigten, waren bis auf 200 Kronen gestiegen. Das Gedränge vor dem Kongreßgebäude war beängstigend trotz der polizeilichen Fürsorge, und jeder Teilnehmer war aufrichtig froh, als er seinen Platz im Saale oder auf der Galerie erreicht hatte. (Der etwa 4000 Personen fassende Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt.) Jetzt war das große Ereignis der Kongreßeröffnung nahe, und gespannte Ungeduld und wohlbegreifliche Erregung erfüllte die ganze Versammlung. Da, um halb neun erschien der Präsident, Professor Marburg, mit dem Aktionskomitee auf der Estrade, kurz darauf der frühere Präsident, Wolssohn, alle vom tosenden Beifall der ganzen Versammlung empfangen. Dann trat sofort die vornehmste, gespannte Aufmerksamkeit ein, als Professor Marburg seine-Eröffnungsrede begann. Nachdem Prof. Marburg daran erinnert hatte, daß der Kongreß in der Stadt tage, in der Theodor Herzl, der große Führer der Zionisten, wirkte und lebte, schilderte er das Wachstum der Zionistischen Organisation und ihre Entwicklung. Drei Perioden, sagte er, seien dabei zu unterscheiden. In der ersten verhielt man sich der praktischen Arbeit in Palästina gegenüber ablehnend. In der zweiten sah man schon ein, daß es nicht angehe, immer ergebnislos die eine Idee zu verfolgen, von der Türkei und der Welt Palästina als öffentlich gesicherte Heimstätte zu erwerben (Charter) und man ließ die praktische P a l ä st i n a - A r b e i t wenigstens als Borbereitung für die Herbeiführung des Endziels gelten. In der dritten Periode, der heutigen, hat die Palästinaarbeit die Gleichberechtigung mit der Politischen Arbeit erlangt. Die politischen Bemühungen würden aber nicht aufgegeben. Die öffentliche Meinung und die maßgebenden Kreise der Türkei würden von dem friedlichen und kulturfördernden Charakter der zionyiischen Bewegung überzeugt. Die Türkei habe die Treue und Loyalität ihrer jüdischen Untertanen im Kriege erprobt und werde sich mit den wachsenden zionistischen Leistungen in Palästina immer mehr mit der Bewegung befreunden. Auch alle Regierungen und B ö l k e r werden die zionistische Bewegung und Arbeit als Friedenswerk mit Wohlwollen betrachten. Bon mancher hochstehenden Seite seien Beweise tiefen Berständnisses zuteil geworden. Neben der Geschicklichkeit des Unterhändlers und der Kunst der Dialektik seien aber ' die Keime nutzbringender Tätigkeit in Palästina selbst und die dortigen realen Interessen zu beachten. Kurz, die Palästinaarbeit sei die Boraussetzung für die politischen Bemühungen. Daher sei der Zionismus an einem Wendepunkt angelangt. Durch lange maßlose Arbeit in Palästina selbst müsse man zur Höhe gelangen. Die Arbeit in Palästina besteht in Acker- und Gartenbau. Dazu gehört der Bodenankauf mit Hilfe des Nationalfonds und die Schaffung von Ansiedlungsmöglichkeiten, Bau von Wohnhäusern, Meliorierung des Bodens, Schaffung von Arbeitsgelegenheiten und Siedlungs- und Arbeitsgenossenschaftcn, Förderung landwirtschaftlicherkolonisatorischer Unternehmungen aller Art. Neue Ereignisse und Bewegungen haben diese Richtung der zionistischen Arbeit gefordert, nämlich die Einwanderung der Jemeniten, die A ch u s a - bewegungen in Amerika, das Instrument dazu sei die Palästine Land Devolepment Company und die übrigen zionistischen Banken im Verein mit dem Nationalfonds. Handel und Industrie seien zu fördern. Der B e z a l e l, die Kunstgewerbeschule in Jerusalem, der Frauenverband fördere die landwirtschaftliche Frauenarbeit, das kürzlich entstandene Internationale Gesundheitsamt wirke für die Sanierung Palästinas, auf kulturellem Gebiet widme sich die Lehrerorganisation M e r k a s H a m o r i m, und der wissenschaftliche Sprachverein Waad Halaschon widme sich wichtigen nationalen Aufgaben, und alle diese Institutionen werden von dem P a l ä st i n a - a m t gefördert und gestützt. Das Budget sei in Einnahmen und Ausgaben im Gleichgewicht, aber der Kongreß müsse auf die Mehrung und Sicherheit der Geldmittel für kolonisatorische, palästinensische kulturelle und organisatorische Aufgaben bedacht sein. Ferner werde er sich mit der Idee der Gründung einer Universität in Jerusalem zu befassen haben. Die Propaganda sei mit besonderem Eifer betrieben und in der ganzen Welt Aufklärung über den Zionismus verbreitet morden, und die erzielten Erfolge erfüllen mit großen Hoffnungen für die Zukunft. Ungewöhnlicher jubelnder Beifall lohnte den Redner, Rosen und Nelken wurden von schönen Frauen auf die Estrade geworfen. Dann begrüßte namens des westösterreichischen Zentralkomitees Dr. Karl P o l l a ck den Kongreß. Für die Israelitische Kultusgemeinde Wien sprach das Mitglied des Gemeindevorstands, H. Dr. Schrei.be r. Er fand äußerst taktvolle und bei aller Reserve doch für den Zionismus sehr schmeichelhafte Worte. Denn das Echo, sagt er, das ihre Idee verbreitet hat, war viel zu mächtig, als daß diese Sache gering geachtet werden konnte. Und dieses Lob und diese Anerkennung muß Ihrer Bewegung mit aller Uneingeschränktheit zuerkannt werden. Ist sie doch lediglich als eine geistige Evolution zu erfassen, als gewissermaßen sittliche Gegenforderung gegen feindselige Zeitströmungcn, erfüllt und gesättigt mit historischen Gesichtspunkten, mit wirtschaftlichen Ideen, mit nationalen Bestrebungen und brennend von inbrünstiger Sehnsucht nach der Wiederaufrichtung des alten und längst zerstörten Iudenstaates.. Wir hegen daher den aufrichtigen Wunsch, daß Ihre schwierigen Beratungen zu einem gedeihlichen Ziele führen, damit sie dem Judentum, den jüdischen Glaubensgenossen zum Segen gereichen und zu glücklichen Ergebnissen führen. Herr Leon H a i in sprach einige Begrüßungsworte im Namen der türkisch-fephardischen Jsraelitengemeinde zu Wien. Dann dankte den drei Vertretern Prof. Marburg im Namen der Zionistischen Organisation. Das erste Referat erstattete S o k o l o w über das Jüdische Leben in der Diaspora. Die Diaspora ist ein Chaos, sagte er. Ihr einziges gemeinsames Merkmal ist düstere Trauer. Schicksalsschwere Ereignisse ziehen den Kreis des Elends immer weiter. Der Balkankrieg hat neue jüdische Wanderer erzeugt: Balkanj u d e n. Ein Kriegszustand inmitten tiefsten Friedens ist der Boykott in Polen. Die Blutlüge, der Prozeß gegen Beilis wegen „Ritualmords" ist der Höhepunkt des mittelalterlichen Bestialismus, der in Rußland seine Orgien feiert. Die Abwehr gegen dieses Chaos der Diaspora ist die Einheit, die wirkliche j ü d i s ch e S o l i d a r i t ä t. Jüdische Solidarität ohne Nationalbewußtsein sei eine Unmöglichkeit und das Nationalbewußtsein wiederum habe seine dauernde Grundlage nur im Zionismus, die Einheit in der großen Organisation. „Die Verbindungsbrücke zwischen Zionismus und Diasporaproblem ist das