Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 37 (12.9.1913)
- Date
- 1913-09-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Das jüdische Statt Nr. 37. machen kann. Das Interesse der großen Oeffentlichkeit an der zionistischen Veranstaltung offenbart sich durch die starke Beteiligung der Presse. 130 Journalisten wohnen den Verhandlungen des Kongresses bei, die größten Blätter bringen Berichte über den Kongreß, selbst -die Neue Freie Presse, die bisher die zionistischen Kongresse totgeschwiegen hatte, hat sich diesmal veranlaßt gesehen, Verhandlungsberichte des Kongresses zu bringen. Die Wiener politische Gemeinde bleibt dem Kongreß in jeder Beziehung fern. Dies war nicht anders zu erwarten. Dagegen hat die Wiener Jüdische Gemeinde ihre bisherige zionistenfeindliche Stellung aufgegeben und durch den Mund des Vorstandsmitglieds Dr. Schreiber dem Kongreß sehr warme Worte der Begrüßung entboten. Dieser hat dabei allerdings die Zionisten nicht, wie sie es wohl gewünscht hätten, als Volksgenossen, sondern als Glaubensgenossen angesprochen und dem Judentum und nicht dem jüdischen Volke Erfolg von den Beratungen gewünscht. Nichtsdestoweniger wußte er einen so feurigen Ton der Rede anzuschlagen, daß er den besten Eindruck bei den Zionisten hinterließ. Das sind Erfolge, auf die die Zionisten stolz sein können. Die Eröffnungssitzung. Die Eröffnungssitzung hatte die hochgespanntesten Erwartungen erweckt. Von den 10 000 Personen, die zur feierlichen Eröffnung in den Saal Einlaß wünschten, mußte die Hälfte unverrichteter Sache abziehen. Aber die Feier selbst enttäuschte. In Basel war es besser, sagten Teilnehmer beim Verlassen des Saales. N. Sokolow hat nicht übel gesprochen, sagte einer, worauf die Erwiderung kam: Haben Sie je Dr. Nordau in Basel gehört? Nordau fehlte und mit ihm verlor das Fest der Eröffnung seine Glanznummer. Sokolow reicht weder als Schriftsteller noch als Redner auch nur an ihn heran. Dazu las er seine gelehrte Rede ab. Schemarja L e w i n, der ihm folgte, sprach lang und hebräisch. Es war eben ein unschätzbarer Vorzug der zionistischen Bewegung, daß sie gleich von Anfang Männer an ihre Spitze hob, deren Namen unter der geistigen Elite Europas einen sonoren Klang hatte. Die überragende europäische Persönlichkeit Herzls und die Berühmtheit von Nordaus Namen haben nicht zuletzt die zionistische Bewegung hochgetragen und selbst die Gegner und Feinde zum Nachdenken, zur Würdigung genötigt. Die Zionisten würden daher gegen ihre eigensten Interessen handeln, wenn sie einen Mann von dem zionistischen Werte Nordaus von sich stoßen würden. Die Praktischen und die Politischen. Daß Nordau fehlte, gibt aber dem 11. Kongreß sein Gepräge. Zwischen dem engeren Aktionskomitee und Nordau sind jedenfalls sehr schwere Reibungen vorgekommen, über die auf dem Kongreß bisher kein Aufschluß gegeben wurde. Dazu ist der Kongreß auch nicht der Platz, und wir möchten uns dabei nicht aufhalten, weil möglicherweise dabei auch persönliche Motive mitspielen. Viel wichtiger ist die sachliche Differenz, die Nordau und die übrigen Veteranen des Zionismus, die engeren Freunde Herzls, wie Wolfsohn und andere, von dem engeren Aktionskomitee trennt. Nordau und Wolfsohn sind die Führer der „Politischen" und in rhrern Gefolge sind die Delegierten Englands, Amerikas und Frankreichs. Das Aktionskomitee ist das Haupt der „Praktischen", und in ihrem Gefolge sind die Delegierten Rußlands, Deutschlands, Galiziens, Hollands und der Schweiz, also die Mehrheit. Dieser Kampf zwischen den „Politischen" und „Praktischen" ist nichts anderes, als der K a m p f u m d i e B a n k. Und schließlich ist die B a n k f r a g e der Hauptinhalt der Kongreßverhandlungen. Die „Politischen" sind die Hüter der Banken, sie wollen das Geld für das Endziel bewahren und bewachen. Sie wollen durch diplomatische Verhandlungen die rechtlichen Bedingungen für eine Kolonisation im großen schaffen, sie wollen die sechs Millionen der Nationalbank für die Gewinnung des Charter, d. h. für die Erlangung Palästinas als öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte aufspeichern und vermehren. Die allmähliche Kolonisation Palästinas soll der Privatinitiative Vorbehalten sein, ihre Verwirklichung ein vorbereitendes Stadium für das zum großen Teil mit Hilfe der Banken zu erstrebende Endziel sein. Sie wollen in einem Worte nicht, daß der Zionismus zu einer Kolonialg e s e l l s ch a f t herabsinke. Die „Praktischen" dagegen wollen die angesammelten Gelder für die Kolonisation Palästinas dienstbar machen, sie drängen auf die Arbeit in Palästina selbst, geleitet und gestützt durch die zionistischen Finanzinstitute. Sie wollen noch ein Anderes: sie wollen nicht nur Kolonien in Palästina mit Hilfe der Bankinstitute gründen, sie wollen auch mit der gleichen Hilfe Palästina zum zionistischen Kulturzentrum machen, d. h. niedere und höhere Schulen gründen, die nach zionistischer Ansicht das Judentum zu verjüygen und die jüdische Renaissance heroorzubringen geeignet sind. Zu diesem Ideenkomplex gehört der Plan der Schaffung einer Universität in Jerusalem, ein Plan, der etwas phantastisch klingt. Zionistische Kultur. An diesem Punkte der praktischen zionistischen Arbeit muß naturgemäß die schärfste Opposition der gesetzestreuen Kreise einsetzen. Die Verkündigung der neu-jüdischen Kultur, der jüdischen Renaissance ist nichts anderes wie die systematische nationale Neologie, der organisierte Abfall von der überlieferten Religion. Gegenüber den von den „Praktischen" — wir wollen damit nicht sagen, daß die „Politischen" es in der Praxis etwa anders machen würden — geforderten Strebungen nach Schaffung eines solchen jüdischen Kulturzentrums in Palästina sind die jetzigen zionistischen Schulen in Palästina, wie das Hebräische Gymnasium in Jaffa und in Jerusalem, die in dem Heranwachsenden Geschlechte statt Treue zur Ueberlieferung, Zweifel und Geringschätzung gegenüber dem mosaischen Gesetz wecken, nur schwache Anfänge. Wir wissen leider nur zu gut, was wir davon zu erwarten haben. Und die verzweifelten Rufe der für die Zukunft ihrer Kinder besorgten palästinensischen Eltern sind dafür nur zu häufige eindringliche Beweise. Wir müssen daher leider an der Meinung festhalten, daß die nationalen Kultur st r e - bungen des Zionismus eine ungeheure Gefahr für unsere religiöse Zukunft in sich bergen. Daraus ergibt sich die ablehnende Stellung, die wir dem Zionismus gegenüber einnehmen müssen. Wir haben daher nur ein rein theoretisches Interesse daran, wer Sieger bleibt, die „Politischen" oder die „Praktischen". Der Kompromiß. Die Praktischen haben zwar die Majorität, aber sie sehen zu deutlich die Gefahr. Wenn sie ihre Macht einsetzen und den „Politischen" die Hut der Finanzinstitute entreißen, wird der Kongreß in zwei Lager zerfallen, und wie vor neun Jahren im Zionismus ein zweites Mal eine für ihn verhängnisvolle Spaltung eintreten. Deren Folge wäre die Absplitterung der „Politischen". Einen derartigen Aderlaß könnten die „Praktischen" wohl nicht verantworten. Sie werden daher wohl Einsicht genug haben, ein Kompromiß zwischen den beiden Richtungen herbeizuführen. Ein solches Ergebnis läßt sich nach den Verhandlungen vom Freitag von der Einsicht beider Parteien wohl auch erwarten. Der Kampf an sich ist weder etwas Außergewöhnliches noch Beklagenswertes. Fast mit Naturnotwendigkeit muß eine große Bewegung wie die zionistische gegensätzliche Richtungen der Geister