Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 34 (22.8.1913)
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 34. Das jüdische Matt. sollte der Sohn zum Wissen vorschreiten? Er war und blieb Amhaarez. Man hatte diese Nachteile an -maßgebender Stelle erkannt und ging deshalb nach dem babylonischen Golus im zweiten Staat, in dem Esra die Volksbildung im ganzen und die Pflege der Thora vorzüglich zu fördern bedacht war, seitens der Behörden an die Organisation des Schulwesens. Die größten Schwierigkeiten traten entgegen. Man stellte Kinderlehrer auf; zumeist waren es Soferim, welche in der Gemeinde Aufenthalt genommen hatten, oder sonst zuverlässige Männer. Die ersten Schulen errichtete man in Jerusalem. Aber das nützte dem flachen Lande nichts, weil von dort die Familien der räumlichen Entfernungen halber die Kinder nicht zum Unterricht senden konnten. Simeon ben Schetach, der im ersten Jahrhundert vor der gewöhnlichen Zeitrechnung lebte und mit Jehuda ben Tabbai das dritte Paar der Gesetzüberlieferer bildet, erließ darum eine Tekono, welche den Gemeinden die Auflage machte, Lehrer anzustellen, damit jedem Vater die Möglichkeit gegeben sei, seine Kinder unterrichten zu lassen. Die Verordnung hatte indessen nicht den gewünschten allgemeinen Erfolg: das lag nicht im Mangel an Interesse oder Gehorsam gegen die Vorschrift, sondern in den Schwierigkeiten aus den augenblicklichen politischen Verhältnissen. So entstanden lediglich in größeren Orten Unterrichtsstätten, die man etwa als Distriktsschulen bezeichnen möchte. Sie waren für die jungen Leute im Alter von 16—17 Jahren und dienten hauptsächlich dem Studium des Religionsgesetzes: man darf sie einigermaßen mit den Jeschibos von heute vergleichen. Es ist das Verdienst des Hohenpriesters Josua ben Gamla, der im ersten Jahrhundert unserer üblichen Rechnung lebte, eine Neuordnung getroffen zu haben. In diesem Sinne fassen wir das Wort R. Jehudas: „Zum Guten sei gedacht des Josua ben Gamla! Wäre er nicht gewesen, dann würde die Thora in Israel zur Vergessenheit gekommen sein." Josua verfügte nämlich, daß jede Stadt eine Schule mit einem Lehrer unterhalten müsse, dem die Kinder vom 6. Lebensjahre ab zu übergeben seien. Die schweren Kriegsnöten aber, welche in der zweiten Hälfte jenes Jahrhunderts einsetzten und um das Jahr 70 Tempel und Staat zerstörten, ließen allerdings nicht zu, daß die Verfügung überall durchdrang. Der Blütezeit des jüdischen Geisteslebens blieli es Vorbehalten, daß sie neben anderen lieblichen Knospen innerlicher Volkskraft auch die Volksschule zur Entwicklung brachte. In Palästina und Babylon nahmen die Weisen dieses Reis der Volksbildung in ihre schützende Obhut. Persönlichkeiten von bedeutendem Ruf und Ansehen hielten es nicht unter ihrer Würde, ihn, besonderes Augenmerk zu widmen; sie erkannten als vordringliche Aufgabe, überall in den Gemeinden tüchtige Kinderlehrer anzustellen. Rabbi, sah mit Strenge darauf, daß Kinderschulen unterhalten wurden. Sein Lieblingsschüler R. Chija wanderte im Lande umher und gründete solche an Orten, die deren noch entbehrten. Darüber erzählt uns der Talmud in seiner schlichten Darstellungsweise: „Ich darf mich rühmen", sagte R. Chija, „daß ich dazu beitrug, daß die Thora in Israel nicht in Vergessenheit geriet. Ich säete Flachs und flocht Netze daraus. In den Netzen fing ich Hirsche; deren Fleisch gab ich armen Waisenkindern zur Nahrung; aus den Häuten aber bereitete ich Pergament und schrieb darauf die fünf Rollen des Pentateuch. Damit ging ich in die Städte, die keine Kinderlehrer hatten, nahm fünf Kinder und lernte mit ihnen die fünf Rollen des Pentateuch, immer mit je einem Kind eine Rolle. Von den älteren Kindern nahm ich der befähigsten sechs und lernte mit je einem eine der sechs Ordnungen der Mischna. Ich sagte ihnen, daß sie dann gegenseitig sich unterrichten sollten." Deshalb rief Rabbi aus: „Wie groß sind die Taten des Chija!" Als sein Sohn erstaunt einwarf: „Sind sie denn-größer als die Deinigen?" erwiderte Rabbi in seiner bescheidenen Art: „Jawohl! sie sind größer." Wir haben auch Beispiele, daß gereifte Männer, die in Unwissenheit ausgewachsen waren, es nicht verschmähten, bei einem Kinderlehrer Elementarkenntnisse sich anzueignen. Wer dächte nicht an B. Akiba, der bis zu 40 Jahren Hirte gewesen und vom Durst nach dem Lebensquell der Thora erfaßt, dann mit seinem Sohn zu einem Elementarlehrer sich begab, von ihm die Buchstaben lernte und unter kümmerlichsten ärmeren Verhältnissen den Grund legte, aus dem sich die starke Säule Israels einst erheben sollte, die vom Martyrium gekrönt ward! In hervorragendster Weise befürsorgte der Nassi Jehuda l l. im dritten Jahrhundert die Kinderschulen. Er tat den Ausspruch: „Die Welt hat nur durch den Hauch der Schulkinder Bestand", und traf die Bestimmung, daß jede Stadt Elementarlehrer anstellen müsse; eine Gemeinde, welche der Errichtung einer Schule gegenüber ablehnend sich verhalte, wäre wert, zerstört zu werden. Rabbina im fünften Jahrhundert forderte, daß eine solche mit dem Bann belegt werde. Aus der Fürsorge der Weisen erklärt sich die Mahnung der Gamoro: „Man soll in keiner Ortschaft seinen Wohnsitz nehmen, in welcher nicht eine Schule sich befindet." Nicht zuletzt erkannten die Feinde des Judentums die Bedeutung der jüdischen Schule und ihres Einflusses auf das Volk. Bereschit rabba berichtet, daß eines Tages heidnische Philosophen ihre Anhänger belehrten: „Geht in die Schulen der Juden, wo die Kinder zur Gesetzestreue erzogen werden! Dort ist die Quelle der Stärke, dort das Geheimnis der Unzerstörbarkeit des Volkes. Wollt ihr das Judentum vernichten, dann zerstört vor allem seine Schulen!" Die Männer wußten genau, wo im Kampf einzusetzen ist, und daß mit der Beseitigung der jüdischen Kinderschule die Festigkeit des Jsraelsbewußtseins gründlich erschüttert werden kann. In den Tagen der Weisen galt als Zeichen geistigen Hochstandes einer Stadt, viele Schulen zu besitzen. Jerusalem hatte zufolge Ketubot und Midrasch in der mischnischen Epoche um 400. Von der Bergfeste Bethar, bekannt aus dem Bar Kochbakriege, erzählte R. Simeon ben Gamliel, daß sie sowohl durch die große Zahl von Schulen, wie auch durch die flammende patriotische Gesinnung der Kinder sich auszeichnete. Die Bezeichnung für Schule war Bethhasepher, d. i. Haus des Buches; auch findet sich kurzweg: Be-raw, d. i. Haus des Lehrers, letzteres wohl für höhere Schulen. Nach Talmudischen Grundsätzen genossen die Schulen besondere Berücksichtigungen. In Mischna Baba Bathra lesen wir, daß die Unruhe, welche eine Schule durch den Verkehr der Kinder naturgemäß mit sich bringt, den Grundstücksnachbarn keinen Anlaß abgeben könne, die Errichtung eines solchen hintanzuhalten. Rab Hona betont die Notwendigkeit der Konkurrenz. Er sagte: Man kann einem Lehrer nicht wehren, daß er im gleichen Flur Schule eröffnet, wo bereits eine ist; denn Esra gebot: Man setze einen Lehrer neben den anderen. Die reguläre Schülerzahl soll nach Raba 25 auf einen Lehrer betragen; sind 50 Kinder vorhanden, so nmß man 2 Lehrer anstellen; sind es deren 40, dann soll man dem Lehrer einen Gehilfen beigeben; in dem Fall war die Hilfskraft aus der Gemeindekasse zu besolden.