Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 33 (31.8.1913)
- Date
- 1913-08-31
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Das jüdisch- Statt. Nr 33' zum Tode verurteilt. Lord Rothschild gab keine Antwort. Darauf erhielt er einen zweiten Brief. Wenn er unter obenerwähnten Bedingungen keine Antwort gäbe, so würde nicht nur Lord Rothschild getötet, sondern auch ein Mitglied seiner Familie mit ihm. Antworten sollte er durch die „Times". Lord Rothschild übergab die Angelegenheit der Kriminalpolizei und diese wurde bald damit fertig. Noch zwei Briefe wurden durchgelassen, man trat in Verhandlungen ein, und einigte sich schließlich aus 600 000 Jt, die in einem Klosett eines großen Restaurants niedergelegt werden sollten. Der Geheimagent legte drei falsche Banknoten dort nieder und wartete auf den Mann, der sie zu holen käme. Als der junge Mann aus dem Klosett heraustrat, wurde er festgenommen. Die drei falschen Banknoten wurden bei ihm gefunden. Der junge Mann leugnete nicht, er beteuerte, er habe Lord Rothschild kein Leid zufügen wollen, er ließ sogar Lord Rothschild um Entschuldigung bitten. Getan habe er dies nur, weil er nicht mehr länger auf Kosten seiner Mutter leben wollte. Er wollte selbständig werden. Er hoffte es auf diesem Wege zu werden. Der junge Mann ist in Haft. Rußland. Die Absperrung von der Bildung. Ein blendend Licht auf die Absperrung der jüdischen russischen Jugend von der Bildung werfen bezeichnende Vorgänge der letzten Zeit. An der Kiewer Universität sind 500 Gesuche von jüdischen Studenten um Aufnahme eingelaufen. Nach der Prozentnorm sind aber nur 50 Plätze für Juden frei. Am Kiewer Polytechnikum ist überhaupt kein Platz für Juden frei. In Charkow ist das Verhältnis noch greller. Am dortigen polytechnischen Institut sind acht Plätze für Juden frei, eingelausen sind 1000 Bewerbungen. Eine Folge dieses Drucks ist die bereits gemeldete Zunahme der Taufe unter den jüdischen Studenten. Dieses Gift verbreitet sich immer mehr unter der Jugend, die weder von der Rücksicht daraus zu machen. Ich suche heraus ein Paar alte Schuhe, ich bringe sie in einem armen Schuhmacher, für mich ein Paar Schuhe zu machen. Kurz, alle Stückchen Kleider, wie auf der Bühne sind gewesen, Hab ich mir suchen zurechtzuschaffen, als ich mich bedecken Hab können und Hab mir es selbst gewaschen. Sogar das Hemd, das ich angehabt Hab, Hab ich mir ausgezogen und bin ohne Hemd an den Bach und Hab es ausgewaschen am Morgens früh. Der Schneider, der Schuhmacher haben ihre Arbeit fertig gemacht, ich habe kein Geld gehabt für zu zahlen. Ich gehe auf die Bühne, suche zusammen alte Strümpfe, ich verschneid sie — Winter war es — ich mache mir ein Paar zurecht, die andere Strümpfe mach ich zu Handschuh. Das mach ich alles zu Nacht bei meine Freund, denn mir haben kein Licht gehabt und kein Holz zum Wärmen. Die Arbeit war ziemlich gut. Ich bleibe alle Nacht auf, bis meine Freund in das Bett gehen. Wenn ich an unser Haus komme, dann war es allemal zu. Wir haben ein Loch gehabt an unserem Haus, ungefähr sechs Schuh hoch. Ich steig allemal das Loch hinein und lege mich in mein charmantes Bett. Morgens gehe ich in die Schule, dann habe ich nach der Schulzeit meinen armen Kameraden, wie schon etwas größer waren als ich, denn sie sein schon mit Güssen und Faden hausieren gegangen, — den habe ich meine Handschuh gezeigt, wie ich gemacht habe. Dann haben sie mir abgekauft das Paar für sechs Su. Dann habe ich so zusammengebringt, als ich der Schneider und Schuhmacher bezahlt habe. Ich habe mich hergeauf ihre Familie, noch von irgend welchen jüdischen Gefühlen sich von dieser Charakterlosigkeit zurückhalten läßt. Bis jetzt haben sich in Kiew 100 Studenten taufen lassen. Was nützen papierene Proteste gegen eine derartige Epidemie. Pharao hat wenigstens die Mädchen verschont. Die russische Regierung hat jetzt auch den Mädchen den Krieg erklärt. Aus fast allen höheren Mädchenschulen und Gymnasien werden sie ausgeschlossen, während man bis vor kurzer. Zeit nur gegen die männliche Jugend wütete. Der Haß, die Verfolgung der Juden macht auch nicht vor dem eigenen Interesse halt. Die Aerztin eines Frauengymnasiums in einem Orte bei Odessa ist eine Jüdin. Nun sind in Rußland Frauenärztinnen sehr selten. Es fand sich auch nicht eine, die um den lächerlichen Preis von 25 Rubel das Amt übernommen hätte. Nichtsdestoweniger wurde die jüdische Aerztin des Frauengymnasiums abgesetzt. Eher behilft sich die Anstalt ohne Arzt. Eine bezeichnende Merkwürdigkeit hat sich übrigens gerade in Kiew zugetragen» Zum Pharmazeutischen Institut in Kiew sind Anmeldungen eingetrofsen ausschließlich von Juden. Kein einziger Christ hat sich gemeldet. Weil aber in dieser Abteilung keine christlichen Studenten sind, wird man auch keine Juden aufnehmen und die ganze Abteilung wird für das kommende Semester geschlossen. Letzte russische Neuigkeiten. Vor 10 Jahren siedelte sich im Dorf Dombrowke ein jüdischer Maler, Spiwok, an. Sein Malergeschäft gedieh, er heiratete ein jüdisches Mädchen, namens Spiro, und arbeitete weiter in seinem Geschäft. Die Verwaltung trachtete darnach, ihn auszuweisen, fand aber keinen Grund, denn Spiwok war kein Handelsmann, sondern ein Arbeiter. Aber wer sucht, der findet. Und das Gouvernement von Wolga fand, daß Spiwok auszuweisen, weil seine Schwiegermutter im Dorfe Dombrowke handelt. Spiwok muß für die Sünde seiner Schwiegermutter büßen. Das Interessanteste an der Geschichte ist, daß die Schwiegermutter in Dombrowke stellt, als mein Vater Freud hat gehabt, wie er nach Haus ist gekommen. Dann hat mein Vater gesagt, jetzund will er mich mitnehmen zum Schaffen. Ich habe mich sehr gefreut, als ich aus dem Misöre bin herausgekommen. Unterwegs hat mich mein ältester Bruder getragen, beweil ich als müde war vo.- Gehen. Mein Vater hat mich ziemlich brauchen können, ich habe ihm geholfen schaffen bis Nacht um 10 Uhr. Die Leute, wo mir geschafft haben, die haben mir alle Mal Trinkgeld gegeben. Ich habe mir das Geld zusammengespart und habe mir Kleider davon angeschafft den ganzen Sommer durch. Alle Schabos hat mir mein Vater geben ein Su für Schabos- Obst, dann habe ich den Su abseit gelegt und habe gesagt, ich habe gekauft: denn ich habe schon gespürt, daß man es machen kann ohne Obst, wenn man sonst zu essen hat. Meine Leute haben aber gegessen, mir hat man keins gegeben, beweil mein Vater gesagt hat, daß er mir ein Su gegeben hat für Obst zu kaufen, ich brauche nicht doppelt. Ich habe dazu geschwiegen, beweil ich Furcht gehabt habe: ich habe der Su noch gespart, dann hätte ich der Su wieder geben müssen, denn man hat öfters kein Su im Haus gehabt. Dann Hab ich mir Brot gekauft, wenn wir keines gehabt haben. Der Winter ist angerückt, keine Arbeit mehr zu bekommen, kein Vorrat in Geld und kein Lebensnahrung in Vorrat! Kalt war es! Mein Vater sagt zu mir: „Komm, wir wollen fort, wir wollen sehen, ob wir was zu schaffen bekommen." Wir gehen in Oberland, wir kommen vor Habsheim hinaus, da kommt ein