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Das jüdische Blatt · 1913-08-08 · 32 (8.8.1913) · p. Seite 12

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
32 (8.8.1913)
Date
1913-08-08
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 Das jüdische Statt Nr. 32 Deinen Ärger oder Mißmut erregen könnte. Doch fasse Dich kurz, Gideon," sagte er mit leiser Stimme zu diesein, „denn Du weißt, Jochanan kann's nicht leiden, wenn man in seiner Gegenwart Rühmens von seinen Taten macht." Gideon erzählte: Eines Tages war der König ausgefahren, begleitet von einem großen Gefolge; plötzlich waren die Pferde scheu geworden und rannten schnaubend und mit den Hufen Funken schlagend im wütendem Galopp die Straße entlang, einem Hügel zu, dessen steile Abhänge in einen schaurigen Abgrund sich hinabsenkten. Der Wagenlenker wurde vom Wagen geschleudert und der König klammerte sich in Todesverzweiflung und nach Hilfe rufend an das Leitseil; doch von den begleitenden Männern hatte keiner den Mut, sich den schäumenden Rossen entgegenzustürzen, in lautlosem Entsetzen standen sie da und sahen den Augenblick herankommen, wo der Wagen zerschmettert, mit furchtbarem Getöse in die Tiefe stürzen mußte; da, in diesem Moment äußerster Rot, eilte Jochanan, der am entgegengesetzten Ende war, herzu, sprang dem herauffliegenden Wagen entgegen und mit einem Gegendruck seiner Schulter ihn zum Stehen bringend, faßte er die wütenden Tiere und riß an ihren eisernen Halftern, daß ihnen der rote Schaum aus dem Munde floß; doch diese bäumten sich, hoben sich kerzengrade in die Höhe und ihn mit sich, er ließ sie nicht los und rieß sie nieder zu Boden, da schlugen sie aus, stürmten weiter, ihn mit sich fortschleifend; er ließ sein Blut den Boden röten und hielt sie fest, bis er sie endlich mit übermenschlicher Kraft zum Stehen brachte. Der König war ohnmächtig, als man ihn vom Wagen hob, aber auch unser armer Bruder, der vom Blut übergossen war und dessen Leben lange Zeit nachher in Gefahr schwebte." „Wie könnt Ihr dem Gedanken Raum geben, Söhne Abners, daß der König je diese Tat vergessen könnte!" rief der Fremde, als Gideon geendet, „undankbar wäre er, ja hassenswürdiger, als der böseste Mann, der je unter der Sonne gewandelt, wenn er die Rache Jsmaels unterstützen würde." „Aus den König ist nicht zu rechnen, Fremdling," antwortete ein Sohn, „er istwie ein schwankendes Rohr im Winde." „Er richtet mehr Unheil durch seine Schwäche an, als der böseste König, der je auf Judeas Thron gesessen," fügte Gideon hinzu. „O, mein Söhne, richtet nicht zu strenge," verwies Abner mit ernstem Tone, „damit Euch auch Gott nicht einst so strenge richten möge. Ich kenne Zidkajah, kenne ihn von Jugend auf. Wisse, mein Gast, ich war die halbe Zeit meines Lebens in seinem Dienste, noch ehe er Fürst war und fern von Jerujalem im Gebirge Ephraim wohnte. Unsere Kinder wuchsen mijeinander auf und lebten wie Geschwister, und nie störte der Fürst dies Zusammenleben, denn er war milden, fast weichen Herzens. Mein Weib, das schon seit vielen Jahren tot ist, war die Amme Zipporas, der einzigen Tochter des Königs, und mein Jochanan da, war als Knabe ihr stete Gespiele und Gefährte." Ein dunkles Rot stieg bei diesen Worten in Jochanans Gesicht auf. „Meine jüngste Tochter, Dinah," fuhr der Greis fort, „die die.Milchschwester der Prinzessin ist, lebt als vertraute Gespielin derselben im königlichen Schlosse. Darum kenne ich den König wie meinen eigenen Bruder und sage, die bösen Ratgeber sind schuld an allem Unglücke. So lange die Königin Deborah seine Lieblingsfrau und Zipporas Mutter lebte, ging alles anders. Er gehorchte ihr und ließ sich von ihr leiten, sie, die gerecht und weise, wie die Prophetin in Israel war. Rach ihrem Tode bemächtigten sich böse, ehrgeizige Männer seines weichen Herzens und herrschen über ihn." „Und ist das kein Unglück, Vater, wie es nicht größer sein kann?" fragte Jochanan. „Jeder einzelne Mann ist verantwortlich für seine eigenen Taten vor Gott dem Herrn, ob sie gut, ob böse. Wie erst ein König, dessen Handlungen ihn nicht allein angehen, sondern jeden einzelnen im Lande, für den sie Tod oder Leben, Segen oder Verderben bringen. Ist der König ein redlicher Mann, hat er das Bewußtsein, daß seine Entschlüsse wandelbar, daß er nicht die Kraft hat, die Bösen von sich fern zu halten, dem Übel zu steuern, liegt ihm das Wohl des Landes mehr am Herzen, denn sein eigener Ehrgeiz, so muß er in dieser schweren Zeit den Thron seiner Väter einem Würdigeren überlassen. Sind denn seine Augen geschlossen, daß er nicht sieht, wie wir einem Abgrunde zueilen?" „War es anders, besser als Jojachan auf dem Thron saß?" fragte da Abner. „Jojachan war gewiß ein tapferer und selbständiger Mann, der die Häupter der aufrührerischen Großen fallen ließ, wie der Schnitter die vollen Ähren auf den wallenden Feldern; der aber auch dem Volke seinen Fuß auf den Nacken setzte, daß es nicht atmen konnte; denn Willkür und Gewalttat war sein oberstes Gesetz. Stand es da um das Land besser? War das Volk besser? Hörte man damals auf die Propheten? Wann hörten überhaupt die Söhne Judäas auf die Stimmen ihrer Seher, die zur Rettung mahnten, wann sie in Abgötterei und Verderbnis versunken waren? Sie kamen erst zu sich, wann sie der Arm Gottes gestraft hatte; so wird es auch jetzt sein. Wir werden uns wieder zu Gott wenden, und auf seine Stimme hören, wenn sein Zorn uns getroffen haben wird. Weh' uns, wie sehr gleicht unsere Zeit, der Israels, als es zugrunde ging." Die düsteren Betrachtungen des Greisen wurden unterbrochen durch eine neue Person, die in die Halle trat; es war ein junges Mädchen, klein aber zierlich gebaut und mit einem Gesichte von unendlich rührender Sanftmut. „Dinah!" rief es freudig von allen Seiten;, doch keine Hand streckte sich ihr zum Gruße entgegen, denn dort oben saß ja der greise Vater, dem sie vor allen andern erst Gruß und Wort bieten mußte. „Sei gegrüßt, meine Tochter," sprach Abner, nachdem sie voll Ehrfurcht ihr Haupt vor ihm geneigt und er es gesegnet hatte. „Geh' zu jedem Deiner Brüder und Schwestern, daß sie sich an Deinem Anblicke erfreuen; dann sage mir, was Dich zu solch' ungewöhnlicher Zeit herführt." Das Mädchen ging im Kreise herum und reichte jedem die Hand, als sie zu dem Gaste gelangte, blieb sie stehen, neigte züchtig ihr Haupt und sprach mit einer Stimme, die so weich und süß wie ihr Gesicht war: „Ich grüße Dich, Fremdling, in meines Vaters Hause." „Hab Dank, Tochter Zions, für die milden Worte," entgegnete der Naphthalite. Zu ihrem Vater sich wendend fuhr Dinah fort: „Mich trieb die eigene Angst hierher, aber mich schickt auch die Herrin, um Kunde einzuziehen, wie es um Euch steht nach dem Ereignisse auf dem Moriah," setzte sie mit einem Seitenblick auf Jochanan hinzu, der sie ansah, als wollt' er ihr jedes Wort von den Lippen ablauschen, bevor sie es ausgesprochen. „Sag' Deiner Herrin, die Gott segnen möge, daß wir uns alle wohl befinden," sagte Abner, „und daß wir ihr recht von

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