Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 32 (8.8.1913)
- Date
- 1913-08-08
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9052070-9096771-9052620--0560-9052627- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr, Kas jüdische Klatl Buchstaben des Namens des Rabbiners (Kanter) beginnt und also ein Achrostikon darstellt. Dieses herrliche Gedicht erhielt Dr. Kanter als Dank für sein in klassischem Neuhebräisch verfaßtes Glückwunschschreiben an den Kardinal aus Anlaß seines 50 jährigen Priesterjubiläums. Die persönliche Bekanntschaft des Kardinals mit dem Rabbiner Dr. Kanter datiert seit einigen Jahren. Erzbischof Dr. Bauer weilte vor einigen Jahren in Zwittau, wo er den gelehrten Rabbiner, der sich durch schriftstellerische und wissenschaftliche Tätigkeit einen geachteten Namen erwarb, wiederholt empfing und mit ihm wissenschaftliche und religiöse Gespräche führte, was in allen Kreisen angenehm auffiel. Als Kardinal Dr. Bauer vor ungefähr sieben Jahren in Zwittau zur Firmung eintraf, wurde er auch von einer Abordnung der israelitischen Kultusgemeinde am Bahnhof erwartet und vom Vorsteher Fabrikanten Josef Stein feierlichst begrüßt. Die erste Frage des hohen Kirchenfürsten war nach dem Rabbiner, der damals zum Leichenbegängnisse seines Schwiegervaters in Königsberg weilte und deshalb an der Deputation nicht teilnehmen konnte. Am folgenden Tage kehrte Kanter aus Königsberg zurück und begab sich allein zum Erzbischof, wo er mit ihm eine längere Unterredung hatte. Er scheint auf den hohen Kirchenfürsten einen vorzüglichen Eindruck geinacht zu haben. Dies beweist das Gedicht, das der Kardinal zu Ehren Dr. Kanters verfaßte. Der Seltenheit wegen sei das Gedicht hier wiedergegeben: rrbsn ns’yn iwn bo bonw □biyn "b? avTK : -pTP nznn n\n; itt ns: cibn tdic te tyl “-NH Die Anfangsbuchstaben ergeben den Namen des Rabbiners (Kanter). Es ist dies eine seltene Auszeichnung, wie sie einem Rabbiner von so hoher kirchlicher Seite vielleicht niemals zuteil wurde. Rußland. Die Russifizierung des Handels. Obgleich das Ministerium noch unschlüssig über die Maßnahmen ist, die es ergreifen will, um Grund und Boden und Handel zu rufsifizieren, werden vom Minister des Innern doch die Aktiengesellschaften bereits benachrichtig!, bei ihren Stellenbesetzmxgen und ihrein Statutenausbau auf die bevorstehenden Maßregeln Rücksicht zu nehmen. Forscher ist noch der Gouverneur von Jekaterinoslaw. Dieser verbot den Geschäftshäusern Juden ohne seine Erlaubnis anzustellen, eine Verordnung, die die größte Verwirrung unter den Geschäftsleuten hervorgerufen hat. * * * Warschau. Ein frommer jüdischer Millionär war R. Jecheskil K r a w s o w aus Warschau, eine der wohltätigsten Persönlichkeiten dieser Stadt. Es gab wohl keine Wohltätigkeitsanstalt, kein Verein, keine Körperschaft, an der er sich nicht hervorragend persönlich beteiligt hatte. Er mar streng fromm. Als der Gesetzentwurf über die Sonntagsruhe vorlag, weilte er eineu ganzen Winter in Petersburg um Erleichterungen im Gesetze für die Sabbat haltenden Geschäftsleute zu erlangen. Er starb in Berlin an den Folgen einer Operation. — Nach der neuesten Statistik zählt Warschau 317 817 Juden, von 10 000 Einwohnern sind 3761 Juden. Nach Newyork, welches nahezu eine Million Juden zählt, ist die Warschauer JudeiMineinde die größte der Welt. Protest gegen die Täuflinge. Die Taufepidemie, die in Kiew ausgebrochen ist, wo 80 Studenten sich auf einmal taufen ließen, hat den Schriftsteller S. D u b n o w veranlaßt, den Protest zu veröffentlichen, den er bereits 1911 mit anderen Schriftstellern und Führern ausgearbeitet hatte. Wir bringen daraus folgendes: Schon lange nicht wurde das Jüdische Lager mit solchem Ungestüni bestürmt wie heute. Wie schwarze Wolken umzüngeln uns die schwarzen Heere der Judenfeinde. Die wilde mittelalterliche Macht ist wieder auferstanden und erneuert gegen uns die fürchterlichen Werke, die von der Geschichte längst verdammt worden sind. Auf die Verfolgungen und den Druck hat der bessere Teil unserer Jugend die Antwort gegeben, daß er mit energischer Wendung zurückgekehrt ist zu unserem Volksleben, um unsere große Vergangenheit zu erkennen und sich mit opferwilliger Arbeit der Gegenwart und der Zukunft unseres Volkes anzunehmen. Der schwere Hammer der Geschichte schmiedet das ganze Volk, wenn auch dabei einige Splitter zerbröckeln. Doch bemerken wir mit Trauer, daß in den letzten Jahren die Zahl der Abtrünnigen zunimmt, so daß wir von Furcht erfüllt sind, von Beängstigung, wenn nicht für den Bestand des Volkes - - die Unsterblichkeit des jüdischen Volkes ist ja bereits ein Axiom geworden, aber für die Unversehrtheit und Reinheit unserer Religion. Wir bemerken häufig, wie man sich in dem Kreis der Intellektuellen und Halbintellektuellen lossagt vom Judentum — und ohne innere Ueberzeugung eine fremde Religion annimmt, die Gleichberechtigung gewährt. Die Rechtlosigkeit einerseits und die Karriere oder der Schatten persönlichen Glücks andererseits machen aus unseren schwachen Elementen Ueberläufer aus unserer belagerten Festung. Besonders entfernen sich von uns diejenigen, denen Familie und Schule keine nationale Erziehung verliehen haben; diesen ist von Jugend an das Eigene fremd und das Fremde eigen geworden. Wer sich von seinem Volke lossagt, verdient, daß sich sein Volk auch von ihm lossagt. So war es früher. Nationalschwache Elemente haben sich vom Volkskörper abgesplittert, konnten ihn aber nicht demoralisieren — nicht so ist es heute. Ein gewisser Teil unserer jüdischen Bevölkerung verhält sich mit Milde zu den Täuflingen. Die Täuflinge bleiben in unserer Mitte, im Verkehr mit der jüdischen Gesellschaft und tragen in uns hinein den Geist des Verrats. Angesichts dieser schändlichen und gefährlichen Erscheinung halten wir es für unsere Pflicht, die Aufmerksamkeit der jüdischen Gesellschaft auf diesen Schaden zu lenken. Wir sagen zu denen, die sich zusammenrotten, um sich von uns zu trennen: Ihr steht auf der Schwelle des Verrats. Lasset davon ab, besinnt euch! Ihr seid im Begriff, einen Schritt zu tun, der euch, euere Kinder und Kindeskinder vom ewigen Volk wegreißt. Ihr werdet Bürgerrecht und Privilegien bekommen, ihr verlieret auf ewig den großen historischen Vorzug einem Volke anzugehören, das noch im Kampfe um seine Existenz steht, um seine Zukunft, die seiner Vergangenheit würdig sein soll. Und ihr wollt eine solche Gemeinheit begehen? Wisset, in das verlassene Lager dürft ihr nicht mehr kommen, als Verräter. Zu deu Treugebliebenen sagen wir: Die Zugehörigkeit zu der Armee, die für ihr Judentum kämpft, verpflichtet zu einer gewissen Disziplin. „Heilig sei sein Lager!" Es darf keine Brüderlichkeit bestehen zwischen denen, die die Fahne sesthalten und denen, die sie weggeworfen haben; zwischen denen, die verfolgt werden wegen des Namens Jude, und denen, die den Namen verstoßen und sich mit dem Namen Christen maskieren. Dieser Aufruf ist gewiß gut gemeint, doch hat die Erfahrung bewiesen, daß der Zionismus nicht geeignet ist, die Jugend beim Judentum festzuhalten. Die Thoraerziehung allein im Einklang mit den Errungenschaften der modernen Welt kann ein genügendes Bollwerk bilden gegen Feigheit und Verrat. Und gesellschaftlicher Boykott ist auch nur ein schwaches Hilsmittel gegen derartige morsche Existenzen, die in der Prinzipienlosigkeit ihre Rettung suchen.