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Das jüdische Blatt · 1913-08-08 · 32 (8.8.1913) · p. Seite 6

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
32 (8.8.1913)
Date
1913-08-08
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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r» Da» jüdische Klatt. Nr 32 Achtung erfreute, hat in den letzten Jahren viel von feinem Glanz verloren. Und gar der j ü d i s ch e L i b e r a l i s m u s ist in das völlige Gegenteil umgeschlagen; er bedeutet heute die krasseste Unduldsamkeit gegen alles, was sich nicht bedingungslos dem religiösen Radikalismus, insbesondere den Machtsprüchen der „weltlichen" Gemeindeverwaltung blindlings unterwirft. Es ist wirklich schon mehr als paradox, mit welchem tyrannischen Geist diese durch „das Vertrauen ihrer Mitbürger" aus das Vorstehersesselchen erhobenen Machthaber, die doch selbst durch die Intoleranz ihrer christlichen Mitbürger überall ausgeschlossen werden, die ihnen unterstellten Kultusorgane ihre Macht fühlen lassen. Es ist geradezu unverständlich, wie dieselben Menschen, die z. B. im „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" oder im „Zentralverein Deutscher Staatsbürger" als deren führende Geister, sich verzweifelt gegen alle politische und soziale Bedrückung wehren, im Lager der eigenen Stammesgenossen schonungslos knechten und bekämpfen, wer sich nicht bedingungslos ihnen anschließt und unterwirft. Und wehe dem, der sich unterfängt, gar Front gegen ihre Dekrete, gegen ihre „religiöse" Auffassung und deren Ausführungen zu machen! Von „ihren" Beamten, d. h. von den Rabbinern, Lehrern ufw., die sie aber doch nicht aus „ihrer" Tasche, sondern von dem Gelde der Steuerzahler besolden, erwarten sie unbedingte Unterwerfung und nur diejenigen Anschauungen gegenüber den Gemeinde Mitgliedern in Wort und Schrift zum Ausdruck gebracht, die ihren sogenannten persönlichen „Standpunkt" kennzeichnen. Zwar hat nun der Vorstand der jüdischen Gemeinden von Berlin und Frankfurt a. M. seinerzeit öffentlich für die Einverleibung der „Richtlinien" in unseren Religionskult, für sich das Recht usurpiert, keineswegs dasselbe aber 6a t'nato oder 6a jura auch damit erworben. Auch nicht das Recht, einen anderen Standpunkt anderer, Herrn Seligmann sicherlich ebenbürtiger Theologen zu verbieten. Hierfür erleben wir gegenwärtig in Berlin ein so eklatantes Beispiel, wie es bisher denn doch wirklich in einem jüdischen Gemeinwesen noch nicht vorgekommen ist. Hier der Sachverhalt iv axtan8<>. Entgegen den so üblichen Gepflogenheiten gegenüber den „liberalen" Rabbinern, die sofort bei ihrer Berufung an die jüdische Gemeinde eine dauernde, definitive, d. h. lebenslängliche Anstellung genießen, hat die jüdische „Gemeindeverwaltung" endlich einmal neben Rabbiner Dr. Eschelbacher noch einen zweiten konservativen, aber diesen vorab nur provisorisch angestellt. Damit markiert man Toleranz gegenüber der auf traditionellem Boden stehenden rächt unbeträchtlichen Minorität der Gemeindeangehörigen. Nun hat dieser konservative recte orthodoxe Rabbiner, Herr Dr. Petuchowsky, das unglaubliche Vergehen begangen, in einer Predigt vor einem konservativen Publikum die Seligmann'schen „Richtlinien" in ruhiger Form ablehnend zu kritisieren. Unerhört! Doch das Auge des Gesetzes wacht, und das Ohr der überall, also auch in Berlin gedeihenden Denunzianten „schläft" auch nicht. Genug, zwei Weichbildgrößen der jüdischen Geineinde, die sich in ihrer hohen Stellung als Repräsentanten schon öfter durch radikale, aber niemals geistreiche Neuerungsversuche krampfhaft hervorzutun suchten, hörten von dieser Verunglimpfung „ihrer" Richtlinien. Wo schon e i n Denunziant gedeiht, können ihrer auch noch mehrere emporkommen. Kurz und gut, die beiden nach Ruhni und Rache dürstenden Repräsentanten setzten schleunigst — die Ferien standen vor der Tür — auch den anfangs widerwilligen rind weit rnehr als die Repräsentanz toleranten Vorstand in Bewegung, um eine „Maßregelung" des renitenten Rabbiners herbeizuführen. Wir beschränken uns auf Wiedergabe dieses Tatbestandes bis an diese Stelle, und ziehen nur das moralische Fazit, obgleich eigentlich schon die ganze Begebenheit alles andere eher als eine Moral enthält. Ein konservativer Rabbiner hat, nach Auffassung der Herren Repräsentanten Max Ginsberg und Blaschke, nicht das Recht, von der Kanzel herab seinen religiösen Standpunkt darzutun. Das dürfen nur die l e b e n s l ä n g l i 6) angeftellten „liberalen" und religiös-radikalen Rabbiner. An einem konservativen Rabbiner hat jeder Repräsentant, selbst wenn er nicht mal hebräisch lesen kann, fast nie eine Synagoge betritt, keine blasse Ahnung vom Religionsgesetz hat, das uneingeschränkte Zensorrecht!! Und so was nennt sich „liberal!" Nun haben wir in der Repräsentantenschaft auch drei „konservative" Männer, die sich doch des so unerhört angegriffenen Rabbiners annehmen müßten. Bisher haben wir davon nichts gehört. Wir hegen auch wenig Hoffnung in dieser Beziehung und das wissen die Herren Aron Hirsch, Blumenthal und Cohn auch ohnehin. Der jüdische Gemeindeliberalismus blüht mit und unter ihnen auch so. (sti<>6 mal ckemoimtrumlum. Holland. Der verstorbene Saatsminister A s s e r gehörte dem Hager Friedensparlament an und beteiligte sich in besonders hervorragender Weise an der Organisierung des internationalen Privatrechts. Er war als Jude geboren. Selbst in dem tolerariten, freiheitlichen Holland konnte er nur unter Preisgabe des Judentums Minister werden. Leider glaubte er das Opfer bringen zu sollen. Er hat dem Kaiser Nikolaus von Rußland die Idee suggeriert, das internationale Schiedsgericht in Hag ins Leben zu rufen. Freilich eine Ironie des Schicksals war es, daß der Kaiser des dunkelsten Rußland eine solche moderne Idee wie den Weltfrieden vertreten sollte. Rußland, das selber das Recht mit Füßen tritt, als Verfechter des Weltrechts! Middelburg. Die Einweihung des alten, wiederhergestellten portugiesischen Friedhofs, um den sich Rabbiner Harris in London verdient gemacht hat, fand vorige Woche unter zahlreicher Beteiligung statt. Ch. Boasson, Präsident des Komitees dankte allen, die zum Gelingen des Werkes beigetragen haben, besonders dem anonymen edlen Geldgeber (ein portugiesischer Jude) und stellte den Friedhof in die Obhut der jetzt in Middelburg bestehenden deutsch-jüdischen Gemeinde. Auch Herr Harris hielt eine Ansprache. Es wurde die Dankbarkeit betont, die das jüdische Volk Holland schulde, da es in einer Zeit allgemeiner Judenverfolgung den Juden ein Asyl geboten habe. — Bekanntlich ruhen auf dem Friedhof die Gebeine des berühmten M a n a s s e den Israel. Österreich Ungarn. Der kardinal und der Rabbiner. Eine seltene Ehre wurde vor einigen Tagen dem Rabbiner der israelitischen Kultusgemeinde in Zwittau, Dr. Felix Kanter, zuteil. Derselbe erhielt vom Kardinal Fürsterzbischof Dr. Bauer in Olmütz ein von diesem hohen Kirchenfürsten selbst verfaßtes und eigenhändig geschriebenes Gedicht, dessen jede Zeile mit den

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