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Das jüdische Blatt · 1913-08-08 · 32 (8.8.1913) · p. Seite 3

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
32 (8.8.1913)
Date
1913-08-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 32 Da« jüdische Statt. 3 sich wichtig macht, der keine Ahnung von Politik hat, der überall redselig ist, ein Artikel, der uns beschuldigt, das größte Unrecht begangen zu haben. Da haben Sic, was ich sage. Das ist die unerhörte Kritik, die ich nieinc, die Kritik eines unabhängigen Mannes, der keine offizielle Stelle inne hat, der keine Veranlassung hat, irgend jemand iibcr seine Handlungen Rechenschaft zu geben außer seinem Gewissen und der öffentlichen Meinung seines Volkes. Ich will nicht in die gleiche Manier verfallen, ich will keine Vorwürfe machen. Ich konstatiere nur und — konstatiere Dinge, die mir Vergnügen bereiten. Diese Verwaltung, die darauf ausging, den politischen Zionismus zu bekämpfen, die die offizielle Leugnung des offiziellen Zionismus war, die eingesetzt wurde mit der Begründung, daß der Zionismus nicht politisch, sondern praktisch sein solle, offenbart sich jetzt selbst als eine Organisation dessen, was politischer Zionismus ist. Bravo! Das ist ja großartig! Aber, wenn diese neue Verwaltung politisch ist, im Rainen welcher Grundsätze kämpft sie mit Feuer und Schwert um die Niederwerfung des Herrn Wolffsohn und seiner Verwaltung. Welche Berechtigung hat sie denn noch, ihm einen Vorwurf zu machen, wenn sie selbst gezwungen ist, uns zu sagen: „Im Grunde, wozu von politischem und praktischem Zionismus sprechen? Das gibt's ja nicht. Wir sind so gut politisch als Sie und der beste Beweis dafür sind unsere Taten auf politischem Gebiete." Das ist wirklich fein und was will ich mehr? Wahr ist, daß die politische Arbeit der jetzigen Verwaltung nicht erfolgreich gewesen ist. Jedoch ich tadle sie nicht deshalb, und ich sage dies ohne die geringste Spur von Ironie, sondern im vollen Ernste. Ich, der ich ein Unfähiger bin, ich, der ich kein Talent für Politik habe, ich habe doch genug politische Erfahrung, um zu wissen, daß nichts zu machen war. Wir sind schwach, wir können unseren Forderungen, unseren Beschwerden, unseren Vorschlägen keinen Nachdruck verleihen, und unter diesen Bedingungen können wir in Wahrheit nichts machen. Ich bin der Letzte, der den Waffenlosen tadelt, daß er keine Heldentat vollführt. Mein Ahn, der König David, war imstande, mit einem kleinen Stein den Philister niederzuwerfen. Der semitische Held, auf den wir stolz sind, konnte mit einem Eselskinnbacken ein ganzes Volk besiegen. Es könnte scheinen, daß unsere Verwaltung nicht einmal Esel oder Kinnbacken zur Verfügung hat, da sie nicht in der Lage ist, einen einzigen Philister niederzustrecken. Sie hat jedenfalls gute Absichten. Sie dachte daran — oder vielmehr Herr Wolffsohn dachte daran vor ihr —, Berührungspunkte mit der aus der Revolution von 1908 hervorgegangenen Türkei herzustellen. Vielleicht ermangelte am Anfang unser „Botschafter" noch der Erfahrung. Es liegt mir fern, ihn deshalb zu tadeln. Die wahren Diplomaten, von denen ich keine hohe Meinung habe, müssen eine lange Lehrzeit durchmachen-, müssen Prüfungen oblegen, müssen Attaches, dann Sekretäre werden und unter Vorgesetzten dienen. Dann nach einigen 20 Jahren können sie Chefs von politischen Missionen werden. Unser „Botschafter" hat diesen Erziehungsgang nicht öurchgemacht. Er hatte nicht das Glück, einen Chef zu finden, der ihn hätte erziehen können. Er hat ausgezeichnete Absichten, und die natürliche den Juden eigentümliche Geschicklichkeit, die es zuwege bringt, daß selbst einsichtige Juden glauben, sie hätten ihre Laufbahn verfehlt, wenn sie nicht Diplomaten werden. Ist dies nicht so? Aber unser „Botschafter" ging am Beginn etwas zu weit. Nie, weder unter Wolffsohn noch unter der neuen Verwaltung haben wir irgend etwas von der Türkei erreicht, nicht einmal die Lappalien, deren wir uns beklagen. Noch müssen wir lins den roten Zettel verschaffen. Das hat allerdings nicht viel auf sich, denn der rote Zettel hat noch nie einen Juden von Palästina zurückgehalten, der dorthin wollte. Nichtsdestoweniger ist dies eine Demütigung und trotz der Revolution lind der neuen Verbindungen, die mit der Türkei angeknüpft werden können, besteht er immer noch. Ernster ist noch folgendes. Ein fremder Jude - - hier müssen wir von der Einwanderung sprechen , nachdem unsere traurige Geschichte es gewollt hat, daß' Juden, Zionisten oder Nichtzionisten, Fremde in Palästina sind, und das Streben des Zionismus geht doch dahin, uns dort aus Fremden zu Einheimischen zu machen — ein fremder Jude kann heutzutage ebensowenig wie vor 15 Jahren den geringsten Bodenerwerb in Palästina auf seinen Namen vornehmen. Er muß die Hilfe eines Strohmanns in Anspruch nehmen. Nehmen wir an, daß dieser Strohmann immer ehrlich ist. In Wirklichkeit aber ist es so, daß der, der den Boden bezahlt, nicht der eigentliche Besitzer ist. Dennoch träumen wir — ich meine die praktischen Leute, nicht uns -- träumen wir von einer Agrarbank, von einem Credit Foncier in Palästina. Eine solche Anstalt ist selbstverständlich sehr notwendig. Das sagten wir immer. Aber wie können wir denn so etwas machen in einem Lande, wo es keine Kataster gibt oder wo das Gesetz uns kein Hypothekenrecht verleiht? Wie ist es möglich, Hypothekenschulden zu machen, wo keine Hypotheken zu nehmen sind? Nichtsdestoweniger sind praktische Anstrengungen gemacht worden, Land zu vermessen, wenn nicht, eine Agrarbank zu gründen. Eine solche Bank hat doch gar keine gesetzliche Berechtigung. Solange wir vom politischen Gesichtspunkte aus die Abschaffung des roten Zettels nicht erlangt haben und wir auch nicht das Recht haben, Boden offen und gesetzlich auf unfern eigenen Namen zu erwerben, finden wir es unmöglich, Hypotheken auf Boden aufzunehmen. Dies für die Politiker. In anderen Gegenden sind Versuche gemacht worden, ich habe aber nicht gehört, daß sic Erfolg gehabt hätten. Für all dies mache ich der Verwaltung keinen Vorwurf. Was ich ihr aber vorwerfen muß, ist, daß sie stets unter der Flagge der Feindschaft gegen den politischen Zionismus kämpfte, und daß sie von dem Tage an, wo sie die Zügel der Regierung in die Hand bekam, sie politische Zionisten geworden sind. Ich wiederhole: Auf Grund welcher Grundsätze haben die Mitglieder dieser Verwaltung den Politischen Zionismus bekämpft? Das ist einfach die Anwendung des Grundsatzes: Oto-toi que .jo nf.v motte. Gut, sie sind keine Politiker, sie sind praktische Männer, die die Macht erlangt haben. Sie sind praktische Männer, die wir am Werke sehen. Ich wiederhole, erwarten Sie von mir keine Kritik, die ich nicht machen kann. Ich kenne die Schwierigkeit der Lage, ich kenne die Schwierigkeit der Verwaltung, fast hätte ich gesagt, der Regierung. Sie sind groß und der Männer, die zur Verfügung stehen, sind leider wenige. Ihr Fehler ist das nicht. Aber schließlich ein praktischer Mann mit wenig Mitteln sollte nur Wenig unternehmen. Er sollte nicht sagen: „Ich unternehme die größten Dinge. Es ist ja wahr, mir fehlen die ersten Vorbedingungen, um große Dinge auszuführen, aber das tut nichts. Wir werden schon weiter kommen." Ich weiß nicht, ob dies sehr praktisch ist. Ich gelte nicht als praktischer Zionist, also kann ich darüber nichts sagen. Ich kann überhaupt nicht die Ausführbarkeit dieser Methode verstehen. Ich bin nicht gekommen, um die Verwaltung dafür zu tadeln, daß sie die Geschäfte schlecht verwaltet hat. Das wäre eine Verleumdung. Sie hat überhaupt keine Geschäfte zu machen. Sie hat das Recht zu Geldverlust. Es gibt manche Dinge, die, wie mein Freund Mermorek bereits gesagt hat, ein Privatmann machen kann, die aber eine Körperschaft nie machen darf. Für unseren Zionismus ist Palästina ein neues, ein unbekanntes Land. Man mußte das Land sich ansehen, Experimente machen, verschiedene landwirtschaftliche Methoden versuchen, verschiedene Arten, den Boden zu bebauen. Ein Einzelner allein kann das alles machen, wenn er reich ist. Ein Einzelner, der eine Million hat, kann sagen: „Das interessiert mich, ich gehe hin, ich zahle was notwendig ist, bis ich schließlich weiß, wie mit dem Lande zu verfahren ist." Es war berechtigt, die Mittel des Zionismus zu Experimenten zu benutzen. Wenn dann unsere Musterfarm Geld verloren hätte, hätte ich mich über den Geldverlust getröstet. Wenn die Cooperatif- Gesellschaften nicht mit Gewinn arbeiten, hätte das mich nicht beängstigt. Wenn der Herzlwald, den wir lieben, dem wir die größtmögliche Ausdehnung geben wollen, uns für den Augenblick Enttäuschungen gebracht hatte, so ist dies einer von den Fällen, wo trotz des besten Willens und der besten Absicht ein Volk Mißgriffe begehen kann. Ich komme nun zu einem Punkte, den ich nicht besonders hervorheben möchte, den ich aber nicht stillschweigend übergehen darf. Wenn wir das Recht haben, uns zu irren, frage ich, ob wir das Recht haben, unseren Irrtum zu verstecken. Wenn sie ganz offen gesagt

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