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Das jüdische Blatt · 1913-08-01 · 31 (1.8.1913) · p. Seite 6

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
31 (1.8.1913)
Date
1913-08-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 Das jüdische Statt. Nr 31 Wir, „die Jüdische Territorial-Organisation" von Paris, betrachten es als unsere Pflicht, Ihnen mitzuteilen, daß Ihre auf dem Londoner Kongreß zum Schutze der Frauen gehaltene Rede einen mächtigen Eindruck auf uns gemacht hat, und Ihnen dafür unfern Dank auszusprechen. Sic sind der erste Chief Rabbi oder das erste Haupt einer jüdischen Gemeinschaft, der öffentlich gegen die schrecklichen Verfolgungen und die barbarischen Entrechtungen protestiert hat, denen die Juden von Rußland unterworfen sind. Sie sind der erste Chief Rabbi in Israel, der mit schmerzerfülltem Herzen diese Dinge öffentlich gebrandmarkt und in aller ihrer Betrübnis die fürchterliche Lage unserer Glaubensgenossen in diesem fast barbarischen Lande geschildert hat. Sie haben gezeigt, daß weibliche jüdische Studenten gezwungen sind, das „gelbe Billett" anzunehmen, um nur in den Städten außerhalb des Rayon wohnen zu können. Sicherlich, ein Schrei des Entsetzens und der Entrüstung wird aus jedem menschlichen .Herzen in Europa und der ganzen'zivilisierten Welt hervorbrechen, wenn die Tatsachen bekannt werden, auf die Sie die Aufmerksamkeit gelenkt haben. In edler Weise haben Sie die höchste Pflicht erfüllt, die einem Rabbi beschieden sein kann, nämlich die Frauen und Mädchen unserer Gemeinschaft zu beschützen und Sie verdienen in Wahrheit Ihren ausgezeichneten Amtstitel. Wir drücken Ihnen die Hand in Liebe und Anhänglichkeit, mit der Versicherung aufrichtiger Gefühle der Verehrung beten wir, daß Sie Glück bringen mögen allen Ländern der Zerstreuung. Rußland. Eine Sympathiekundgebung für Juden. Eine bemerkenswerte judenfreundliche Demonstration erfolgte letzte Woche bei Eröffnung der Konferenz der Handelsangestellten in Moskau. Die Moskauer Polizei bereitete natürlich den Juden, dis an der Versammlung in Moskau' teilnehmen wollten, die allergrößten Schwierigkeiten. Endlich, nach energischen Vorstellungen beim Premierminister Kokowzef, wurde eine beschränkte Anzahl jüdischer Teilnehmer zugelassen. Trotzdem wurden von etwa 50 dazu befähigten Delegierten nur etwa 20 von der Polizei zugelassen, eine Maßnahme, die christliche Mitglieder der Versammlung derart empörte, daß sie zum Protest gegen die Willkür der Polizei ebenfalls fernblieben. Die Konferenz gab auf die antisemitischen Schikanen der Behörden die richtige Antwort, indem sie den jüdischen Delegierten G ü n z b u r g zum Vizepräsidenten wählte. Indem dieser für die ihm erwiesene Ehre der Versammlung dankte, deutete er in taktvoller Weise seine Wahl dahin, daß die Versammlung durch dieselbe eine Sympathiekundgebung für die Juden habe veranstalten wollend Auch lud er die Versammlung unter lautem Beifall ein, gegen die Rechtsberaubungen der Juden zu protestieren. In den darauffolgenden Debatten gaben mehrere Delegierte ihre Mißbilligung über die fortwährenden Judenverfolgungen zu erkennen. Die Polizei jedoch ließ wissen, sie werde die Diskussion der Iudenfrage nicht dulden. Vom Beilisprozeß. Das Kiewer Kreisgericht hat den Antrag der Verteidigung abgelehnt, der die Vorlegung der hebräischen Bücher verlangte, auf die sich der katholische Geistliche Pronaitis in seiner Anklage beruft. Das Kreisgericht hat folgende Gründe angegeben: 1. Die Untersuchung ist bereits beendet. 2. Es ist nicht Aufgabe des Gerichts, Beweise zusammenzuziehen. 3. Hebräische Bücher sind keine sachlichen Beweise, weil jeder die Bücher kaufen kann. Den zweiten Antrag von Beilis Verteidiger, das Kreisgericht möge Pronaitis veranlassen, die Titel der Bücher zu nennen, aus denen er seine Beweise für die Möglichkeit eines Ritualmords schöpft, hat das Kreisgericht ebenfalls abgewiesen, mit der Begründung, Pronaitis fei ein Zeuge im Prozeß und das Gericht habe daher kein Recht, irgend etwas von ihm zu verlangen. Der Termin des Prozesses ist, wie wir vernehmen, auf deu 13. September festgesetzt, die Geschworenen sind ausgelost. Es sind meistens Bauern aus der Umgegend von Kiew. Die russische Barbarei nimmt immer schrecklichere Formen an. Noch nie haben die Juden in Rußland unter dem Druck der Polizei so zu leiden gehabt wie heute. Einen neuen Beleg ihrer barbarischen Eingriffe hat die Polizei in Petrikow bei Jekaterinoslaw gegeben. Von dort werden die nicht wohnberechtigten Juden verjagt. Dieser Tage kam zum Krämer Bursinowski seine Tochter zu Besuch, Frau Goldstcin, Mutter von drei Kindern. In der Nacht erschien die Polizei und befahl die sofortige Abreise der Frau Goldstein. Die Frau zeigte ein ärztliches Zeugnis vor, daß sie krank sei und daher nicht mitten in der Nacht auf die Reise gehen könne. Die Polizei bestand aber auf ihrem Willen. Aus Verzweiflung trank die Frau eine Essenzflasche aus und vergiftete sich. Es ist zu beachten, daß der Vater der Frau Goldstein Wohnrecht in Petrikow hat. Türkei. Befreiung rabbmrschec Gelehrter vom Militärdienst. Trotz des von .Konstantinopel gegebenen Befehls zog der Gouverneur von Jerusalem Rabbiner und Zöglinge der Jeschiwaus zürn Militärdienste heran. Umsonst protestierte dagegen der Stellvertreter des Großrabbinats, der, wie. wir bereits berichteten, eigens zu diesem Zwecke nach Jerusalem entsandt worden war. Da begab sich der Grand Rabbin Nahum nochmals auf die Hohe Pforte, um die Beschwerde darüber persönlich zu vertreten. Sein Schritt hatte den Erfolg, daß auf direkte Weisung von Konstantinopel die als Rekruten eingezogenen Gelehrten wieder entlassen wurden. Bei dieser Gelegenheit sprach der Kriegsminister seine Anerkennung über die jüdischen Soldaten im jetzigen Kriege aus. „Von jedem Gesichtspunkte aus," sagte er, „können wir mit unseren jüdischen Soldaten zufrieden sein," und der Marineminister, der zufällig anwesend war, sagte das gleiche. Dieses einfache, m militärischer Kürze ausgesprochene Urteil zeugt besser als lange Rden für die von den ottomanischen Juden ihrem Vaterland erwiesene Treue. Uam gtaUtott. Tapferkeit eines jüdischen Arztes. Dr. Boulys tapfere Tat ist das Stadtgespräch in Saloniki. Als vorige Woche die bulgarischen Komitatschis (Banden) in Eewgeli Greueltaten verübten, bekam der dortige Direktor desserbischen Hospitals, ein serbischer Militärarzt, Angst, er könnte getötet werden: er ergriff die Flucht und lieh die etwa 70 Kranken des Hospitals und sein Krankenpflegepersonal im Stich. Als Dr. Bouly von der großen Pflichtverletzung des militärischen Direktors des serbischen Hospitals hörte, eilte er sofort herbei und übernahm die Leitung des Spitals in diesem kritischen Moment. Die Komitatschis verschonten das Hospital nicht. Sie plünderten, was sie fanden, eine Summe von 8000 Dinaren, jedoch von der Kasse des Spitals, die Dr. Bouly versteckt hatte, fanden sie nichts. Sie mißhandelten ihn schauderhaft, entrissen ihm seine Börse und Uhr und beraubten ihn aller seiner Kleider. Nur mit allergrößter Mühe gelang es Dr. Bouly, seine Patienten vor der Wut der Komitatschis zu schützen. Diese gefährliche Lage dauerte, bis die Griechen von Gewgeli Besitz nahmen.

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