Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 31 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31. Das jüdische Statt. 3 Kongresses abgelehnt. Die liberalen Christen wurzeln — das haben die Vorträge des Kongresses bewiesen — viel tiefer in ihrem Christentum als die Anhänger der Richtlinienreligion in ihrem Judentum. Ihr Urteil ist vorsichtig, ja zaghaft, und sticht vorteilhaft ab von dem anfgeblasenen Selbstbewußtsein der Richtlinienanhänger, das vor keinen Inkonsequenzen zurückschrcckt. Mit der Weltreligion, deren Vorstufe die Richtlinien sein könnten, ist es jedenfalls nichts. Dagegen kann dem Wunsch Ottos, durch engere Berührung mit den Bekennern anderer Religionen Nutzen zu stiften, unsererseits entsprochen werden. Nur müssen wir dann unser wahres Judentum bekennen und betätigen, wie es uns die Jahrtausende übergeben haben, müssen die Lichtseiten des Gesetzes in dem Glanze jüdischen Familien- und Vollslebens in ihrer überlieferten Naturtreue zeigen. Wir werden uns dann weder unseres Judentums noch unserer Lehrer imb Väter wegen zu schämen haben. Die Unterzeichner der Richtlinien und der Religionsunterricht. Nach Veröffentlichung der Richtlinien, die eine bewußte, scharfe Abkehr vom überlieferten Judentum eine Zerstörung seiner Grundlagen bedeuten, war es klar, daß für ganze Gemeinden und für viele einzelne Familienväter sich die Gewissensfrage ergeben mußte: Dürfen wir die religiöse Erziehung unserer Kinder einem Unterzeichner der Richtlinien anvertrauen? Für jeden gewissenhaften Vater besteht die Antwort selbstverständlich in einem entschiedenen: Nein. Wie könnte auch die religiöse Zukunft der Heranwachsenden Geschlechter Männern anvertraut werden, die die für jeden thoratreuen Juden feststehende göttliche Autorität der Thora verwerfen, in Lehre und Leben von den Grundsätzen des überlieferten Judentums sich abwenden ') und die Besorgnis erwecken, daß sie durch ihre Zweifel, Inkonsequenzen und Leugnungen Geist und Herz der ihnen ausgelierften Jugend vergiften? Es konnte nicht ausbleiben, daß pflichtbewußte Eltern und Gemeindevorstände in klarer Erkenntnis dieser von seiten der Unterzeichner der Richtlinien dem überlieferten Religionsunterrichte drohenden Gefahr auf Mittel und Wege bedacht sind, ihre Kinder der religiösen Beloyrung durch die Richtlinienunterzeichner zu entziehen. Man konnte auch von vornherein die Gewißheit haben, daß die Behörde einem so gut begründeten Verlangen der Eltern und Gemeinden die Berechtigung und Anerkennung nicht versagen werde. Ein Beispiel dieser Art bietet die kleine Gemeinde Mechernich im Regierungsbezirk Aachen. In dieser Gemeinde wurde bisher die Inspektion des Religionsunterrichts durch den Herrn Rabbiner Dr. Jaulus in Aachen ausgeübt, der die Richtlinien unterzeichnet hat. Die Gemeinde war im guten Glauben, daß die Inspektion dem Herrn Dr. Jaulus ron der Regierung übertragen sei und wandte sich deshalb beschwerdeführend an die Regierung. Diese gab den überraschenden Bescheid, daß H. Dr. Jaulus überhaupt niemals mit der Inspektion der Religionsschule betraut worden sei. Darauf setzte die Gemeinde Mechernich die übrigen Gemeinden des Bezirkes durch folgendes Schreiben von der Sachlage in Kenntnis und regte zugleich bei ihnen an, auch ihrerseits sich der Inspektion des H. Dr. Jaulus zu entziehen. Das Schreiben lautet: „Bisher lebten wir im Regierungsbezirk Aachen der Meinung, daß die Schulinspektion durch Herrn Rabbiner Dr. A. Jaulus in Aachen regierungsseitig gefordert wird. Nachdem aber Herr Dr. Jaulns die Richtlinien unterschrieben hat, welche die Grnnd- ') Es gibt Nichtlinien„rabbiner", die prinzipiell Trefo essen. läge des Judentums zerstören, haben wir uns an die Königliche Regierung nach Aachen gewandt, indem wir darauf hinwiesen, daß der Standpunkt des Herrn Dr. Jaulus nicht derjenige unserer Gemeinde sei. Wir erhielten nun unter dem 11. April dieses Jahres den Bescheid, daß Herr Dr. Jaulus überhaupt niemals das Recht gehabt hat, die Religionsschulen zu inspizieren, sondern lediglich mit der Inspektion des Religionsunterrichtes betraut war, der in den jüdischen Volksschulen des Regierungsbezirks erteilt wird. Wir haben daher Herrn Dr. Jaulus geschrieben, daß wir weiterhin auf eine Beaufsichtigung unserer Schule durch ihn verzichten, und haben dieselbe dem Rabbiner des „Vereins für die jüdischen Interessen Rheinlands", dem unsere Gemeinde angehört, Herrn Dr. Wolf-Köln übertragen. In der Annahme, daß auch Sie die Erziehung Ihrer Kinder einem Rabbiner, der die Richtlinien unterschrieben hat, nicht anvertrauen wollen, gebe ich Ihnen von dieser Angelegenheit Kenntnis, damit Sie über den Rechtsstandpunkt orientiert sind und sich danach richten können. Mit einem Briefe an Herrn Dr. Jaulus in Aachen sowie an die Königliche Regierung dortselbst, in dem Sie mitteilen, daß Sie die Aufsicht Ihrer Peligionsschule einem anderen Herrn übertragen haben, ist die Angelegenheit erledigt. Es würde mich interessieren, Ihre Stellungnahme dazu zu erfahren und erlaube ich mir zu diesem Zwecke Porto für die Rückantwort beizufllgen. Hochachtungsvoll (folgt Name des Vorstehers)." . ---^- Zrief vom Lande. LXXIV. Da könnte einem wirklich bald die Galle überlaufen. Hat da die Tochter meines Bruders, des Herrn Nuntius (Sie erinnern sich doch!) jüngst Chasne gemacht. Ein nobler Schidduch, sage ich Ihnen. Gebildete Familie und gute Existenz, lauter so religiöse Leute, die aber in gelinde Ohnmacht fallen würden, wenn sie jemand als srornm ansprechen würde. Nur das nicht, um des Himmels willen. Also es war alles höchst feierlich und würdevoll: selbvcrständüch. Nur bei Tisch spielte ich eine traurige Figur; ich hatte mir nämlich von meiner liebsten Ehehälfte ein ganz neues Käppchen machen lassen, blau Samt mit bunter Blumengirlande; fein, Sie können mir's glauben/ Aber siehst Du wohl, als man sich zu festlichem Mahle niedergelassen hatte, war ich der Einzige, dessen Hanpt geschmückt war. Alle anderen saßen barhänptig da, früher nannte man das holen ins rösch, sogar mein Bruder, der Herr Nuntius. Und denken Sie sich, schon während der Suppe lommt mein Herr Neffe hinter meinen Stuhl geschlichen und macht mir so einen leisen Vorwurf, daß ich die Familie kompromitieren täte, ich würde wie ein Wundertier angestaunt. Da aber wurde ich grob: „Konnn mal mit heraus, mein lieber Junge," sagte ich, „und rufe mir bitte Deinen Papa." „Bitte mache keine Szene." „Na, ich kann ja allein gehen." „Aber bitte, rege Dich doch nicht auf, wir kommen gleich." Und als wir dann draußen waren, da snhr ich los: „Ich soll mich schämen? Ja was fällt Euch denn eigentlich ein? Wenn ich in die noble Mischpoche nicht reinpasse, hättest Du nur ja es vorher schreiben können. Aber weißt Du, was Du bist? Eiu Rachmonus, ein großes. Ich weih doch, Tu hast zu Hause bei Tisch immer Dein Käppchen auf. Und jetzt genierst Du Dich. Denkst Du gar nicht mehr daran, wie es uns unser seliger Vater eingeschärft hat, ja immer die Mahlzeit als eine gottesdienstliche Handlung zu betrachten, und nun gar ein Hochzeitsmahl. Und wenn Du das in den Wind schlägst, mach was Du willst. Aber mich laß gefälligst in Ruhe, verstanden!" Na, die Simchoh war mir ziemlich verdorben. Und daß es während der „Feierlichkeit" viel Witze gab und keinen einzigen jüdi-