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Das jüdische Blatt · 1913-08-01 · 31 (1.8.1913) · p. Seite 2

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
31 (1.8.1913)
Date
1913-08-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 31. 2 Das sü-ische Klatt. Sie brachen auf und lagerten sich an den Strömen Babylons und an den Ufern des Ganges, in Britannien und Gallien, in Spanien und Germanien, in Kleinasien und Nordafrika. Jetzt erst begann das bislang zweitausendjährige Martyrium beständigen Aufbruchs. Sie lagerten, um immer wieder aufzubrechen. Aber auf diesen Wanderungen dnrch die Welt läuterte sich Israels Seele im Feuer und im Wasser. Nie haben die Qualen und Leiden seinen Lebensnerv zerschnitten. Wie der König Israels trug dieses königliche Volk die Lehre Gottes überall mit sich, forschte darin alle Tage seines Lebens, halte aus ihrem tiefen Schachte das Gold beispiellosen Glaubensmutes. In Spanien schien sich ihm ein neues Palästina zu erschließen, eine neue Blüte der Wissenschaft und des Lebens. Da brach ein neuer neunter Aw herein. Am 9. Aw 5252 (1492) kam die Vertreibung der Juden aus Spanien; die größte aller Wanderungen des Mittelalters begann. Damals hatte der Halbmond das Kreuz iu Osteuropa verdrängt. Und Israel, vom Kreuz verstoßen, fand Schutz im Schatten des Halbmondes. Wunderbare Fügung der Vorsehung! Im selben Jahre 1492 wurde Amerika entdeckt, Amerika, das Spanien in unseren Tagen den letzten Stoß versetzte, Amerika, das mit seinen zwei Millionen eingewanderten Juden bereits zu klein zu sein droht für die Aufnahme der von der Kosakenregierung Verfolgten. Wer zählt die Tränen all der jüdischen Wanderer? Doch, wie merkwürdig! Gott hat uns in jedem Lande lange genug gelassen, mn es wie unsere Heimat zu lieben. Als die Züge der spanischen Juden sich in Bewegung setzten, um den geliebten Boden Spaniens zu verlasseu, ließen die Rabbiner Musik machen, um die Seufzer und Schreie zu übertönen, unter denen die Auswanderer ihrer teueren Heimat Ade sagten. Die unmenschlich gedrückten russischen Juden lieben trotz allem das Land, wo ihre Wiege gestanden und haben in der Ferne Heimweh nach ihm. Und noch ein Trost! Auf allen unseren Wanderungen bis auf den heutigen Tag ist unsere Thora, ist gewissermaßen Gott mit uns gewandert. Um nur ein Beispiel aus unseren Tagen anzusühren. So ungeheuere Schwierigkeiten sich in Amerika dem jüdischen Leben auch bieten mögen, die zwei Millionen Eingewanderter haben dem amerikanischen Judentum doch neues Leben emgeimpft. Wer hätte vor 20 Jahren hoffen dürfen, daß New- Pork ein Boden für altjüdische Jeschiwaus sei, daß in Amerika ein Bund orthodoxer Gemeinden erblühen, daß in New-Pork ein Verband der Sabbatfreunde erstehen wird. Das alte Europa kracht in allen Fugen. Wer weiß, ob Amerika nicht berufen ist, die ewige Jugend des jüdischen Stammes zu gewährleisten. Die Wanderungen, Erscheinungen namenlosen Elends scheinen also doch zu den erhabenen Erziehungsmethoden der Vorsehung zu gehören. Dieser Trost liegt eigentlich schon in dem Berichte unserer Sidra mit seinen 42 Wanderungen. Noch heute ist wahr, was Rabbi Abraham Saba in seinem Zeror Hamor sagt. Er gehörte zu den Vertriebenen Spaniens, er war der Mann, der das Elend mit angesehen, er sagte: „In dieser Liste der Wanderungen finde ich Kraft und Trost für mich und meine unglücklichen Brüder. Der Gott, der unsere Väter durch die Wüste geführt und sie aus so vielen Gefahren wunderbar gerettet hat, der wird auch uns auf unseren Wanderungen beschützen. Wir sind gut aufgehoben in seiner Hut." Wir sind gut aufgehoben in seiner Hut, bis einst die Zeit kommt, wo unser müdes Volk zum letztenmal aufbrechen wird, um sich in seiner Heimat, dem Land seiner Väter, für immer zu lagern. Dann werden alle Juden und alle Menschen auf die Frage: Wohin? nur die eine Antwort wissen: Nach Zion, woher die Lehre stammt, nach Jerusalem, woher das Wort Gottes kommt. E. W. „Weltreligion." Nicht ohne eine gewisse Anmaßung ist die Richtlinienreligion mit der Absicht aufgetreten, das Judentum umzustürzen, das Gesetz zu zertrümmern, das „befreite" Judentum dem Christentum anzunähern nnd so Hand in Hand mit dem liberalsten Protestantismus die erträumte Weltreligion vorzubereiten. Einer der Wortführer der Richtlinienreligion hat wirklich in eineni Vortrag der Furcht Ausdruck gegeben, der liberale Protestantismus, der die Schranken des christlichen Glaubens überschreitet, könnte ihnen zuvorkommen und die Weltreligion verkünden, die diese neuesten Apostel im Entstehen begriffen sahen. Darum durfte nicht länger gezögert werden. Das Judentum mußte vom Gesetz gesäubert, auf einige deistische Glaubenssätze beschränkt, so zur Vorstufe, vielleicht zum Ideal der Weltreligion gemacht werden. Auf die Bundesgenossenschaft des liberalen Protestantismus rechnete man dabei mit Bestimmtheit. War das Ideal nicht ein Gleiches? Diese Hoffnungen haben auf dem 6. Kongreß für Religiösen Fortschritt, der vom 17. bis 19. Juli in Paris i,m Saal der Gartenbaugesellschaft abgehalten wurde, eineu argen Stoß bekommen. Den Vorsitz hatte auf dem Kongreß einer der bedeutendsten Denker Frankreichs, der Philosoph B o u t r o u x inne, einer der Vizepräsidenten war der Religionshistoriker Theodor R e i n a ch. Die Mehrzahl der Teilnehmer bestand aus liberalen Protestanten. Schon bei den Eröffnungsansprachen wurde von den Rednern betont, daß alle religiösen Menschen eine gewisse Verwandtschaft haben, die sie zur Zusammenarbeit voraus bestimmt. Diese Zusammenarbeit in allgemeinen Fragen, die das allen Religionen gemeinsame Wesen betreffen, kann eine „Quelle des Reichtums" sein. Von einer einheitlichen Weltreligion war in diesen Ausführungen wenig zu verspüreu. Zu ganz besonders scharfer Formulierung gelangte diese Frage am zweiten Tage des Kongresses, als der Göttinger Professor Otto und Theodor R e i n a ch über die Möglichkeit einer Weltreligion redeten. Reinach vertritt innerhalb der Judenheit denselben religiösen Standpunkt, den die deutsche Richtlinieureligion einnimmt. Reinach hält die Herbeiführung einer Weltreligion für möglich. Nach ihm besteht die Religion aus Dogma, Ritus und Moral. Die beiden ersten sind nach ihm für die Heiden. Mit ihnen läßt sich keine Weltreligion machen. Sie müssen verschwinden. Dagegen läßt sich eine soziale Moral ausbilden, die vom Kulturstande abhängt. Es ist hier nicht die Stelle, die tiefen unlöslichen Zusammenhänge zwischen Moral und Religion nachzuweisen, über das der Gelehrte hinweggeht. Es soll nur betont werden, wie der jüdische Liberale seiner vom Joch des jüdischen Gesetzes befreiten Weltreligion zusteuert und umsonst Anhänger für sie zu gewinnen sucht. Der Belgier Graf G o b l e t d'A l v i e l l a gab ihm sofort die christliche Antwort auf seine Werbung. Er meinte, keine der heutigen Religionen sei geeignet, die anderen zu verdrängen oder in sich aufzusaugen. Ja er hat unseres Erachtens als liberaler Christ eine tiefere religiöse Empfindung als sein Vorredner, denn er will wichtige moralische Leitsätze, Dienste der Humanität, als göttliche Verpflichtung anerkannt wissen. Mit noch gewisserer Entschiedenheit verwirft der Göttinger Professor Otto den Gedanken an eine Weltreligion für unsere Zeit. Die Weltreligion, meint er, könne nicht lebensfähig sein, sie könne nur eine Sammlung von religiösen Formen und Ideen sein, aus allen Religionen, wie ein Museum zusammeugestoppelt. Nützlicher als diesen Traum einer Weltreligion hält er eine enge Berührung mit den Gläubigen anderer Religionen. Die Weltreligion Reinachs wurde in allen Ansprachen des

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