Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 31 (1.8.1913)
- Date
- 1913-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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as juötfcße IRelcb und Ausland: Lettungspretslttte. Bayern: Lettungsnummer 546. Geschäftsstelle: - M. DuMont Schauberg. Siratzburg i. Elf. - Vertretung für Bayern und Württemberg: Max Eichinger, König!. Hofbuchhändler. Ansbach (Bayern). Zu beziehen: Durch die Geschäftsstelle; außerdem in Stratzburg durch die Elsässtsche Aktiengesellschaft vorm. A. Rmmel. In Basel durch I. Nordmann. Schützenstraße 36. In Zürich durch A. Schneider. Badenerstraße 123. Bezugsbedingungen: Pro Quartal per Post 75 Pfg. (exkl, Zustellungsgebühren), per Streifband M. 1.25. In Frankreich unter Streifband 2.50 Fr. das Vierteljahr, 10 Fr. das Jahr. In der Schwei, per Post 4 Fr. das Jahr ohne Bestellgeld, unter Streifband 10 Fr. das Jahr. In Oesterreich per Post 4 Kr., per Streifband 9 Kr. das Jahr. In England 2 Schilling, Amerika 50 Cents per Vierteljahr. -Inserate nach Tarif.- Abonnements nimmt jede pottanttalt entgegen. iv. Aabrgang. Ansbacb-Stralzburg, l. August 1913, 27. Trammus 5673. Ißr. 31. Inhalt. Leitartikel: Unsere Wanderungen. — „Weltreligion." — Die Unterzeichner der Richtlinien und der Religionsunterricht. — Brief vom Lande. — Die russische Barbarei. — Aus aller Welt. — Korrespondenzen. — Im Trauerhause. — Wochenkalender. — Gebetszeiten. — Familiennachricbten. — Rätsel-Ecke. — Briefkasten. — Vermischtes. — Gedaljah. — Inserate. Zu Unsere Wanderungen. „Sie brachen auf und sie lagerten sich." 42 mal wird dieser Satz wiederholt. Und obgleich er schon mehr als 3000 Jahre alt ist, klingt er uns gar nicht befremdlich. Die größten Schiffahrtsgesellschaften leben heute hauptsächlich von der jüdischen Wanderung. In Rußland bestand bis vor kurzem eine jüdische Zeitschrift mit dem Titel: Wohin? Das ist bezeichnend. Aufgebrochen muß werden. Die Frage ist nur, wo sollen wir uns lagern. Die Wanderungen ziehen sich wie ein roter Faden durch unsere Geschichte. Die Wanderungen in der Wüste waren nur das Vorbild für unsere Zukunft. Aus Ägypten konnte uns Gott an einem Tage befreien, um uns von Aegypten zu befreien, mußte er uns 40 Jahre durch die Wüste führen. Von ägyptischer Vertierung und Vergötterung mußten wir frei werden. Die 10 Worte waren in Stein gehauen, sie mußten in unser Herz gegraben werden, darum niußten wir durch die „große und furchtbare" Wüste wandern. Die 42 Wanderungen der Wüste, sagen die Kabbalisten, entsprechen den 42 Buchstaben des Gottesnamens. Sie wollen damit wohl sagen: Jede neue Wanderung war ein Schritt weiter zu der endgültigen Befreiung von Aegypten, eine Annäherung an die Hoheit göttlicher Ideale. In diesem Sinne waren die Wanderungen zugleich Auszüge, die das Volk immer weiter dem ägyptischen Wahn entrückten. Darum mußte sie Mose auf Befehl Gottes niederschreiben. Und er schrieb: Soviel Wanderungen, soviel Auszüge aus dem Joch ägyptischer Barbarei. So waren die Wanderungen in der Wüste mit ihren Enttäuschungen und Entbehrungen der Weg, auf dem Israel zum Volke Gottes werden sollte. Und das war nicht nur in unserer grauen Vorzeit so, bis auf heute ist unsere Geschichte eine Geschichte unserer Wanderungen. Kaum ein Jahrtausend verblieben wir im Besitze unseres Landes, jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum. Dann wurden unsere herrlichen Saaten von den babylonischen Horden zerstampft und ein ganzes Volk von seiner Heimat auf fremden Boden verstoßen. Wir brachen auf und lagerten uns an den Bächen Babylons. Aber dort schlugen wir die Wurzeln unseres Volkstums so tief und so fest in den fruchtbaren Boden unserer Thora, daß fortan keine Stürme stark genug waren, uns aus ihr zu entwurzeln. Priester, Könige, Propheten hatten in dem ersten Jahrtausend daran gearbeitet, Israel und die Thora zu einer Einheit zu verschmelzen. Vergebens! Aber, was Priester, Könige, Propheten nicht vermochten, das brachten die klaren, weisen Worte der Schriftgelehrten und ihre Anordnungen zuwege. Unter ihnen ragt hervor, wie eine mächtige Zeder unter den Bäumen des Waldes, Esra. In seiner Zeit brach das Volk wieder auf, ein Teil des Volkes wenigstens, und lagerte sich wieder in der Heimat. Unter seiner mächtigen Einwirkung ging das Volk unter feierlichem Schwur und unter Androhung der Gütereinziehung für die Widerspenstigen in das Versprechen ein, die heidnischen Frauen zu entlassen. Das war ein erhabenes Beispiel von Intoleranz. Die Eiterbeule der Mischehen wurde ausgeschnitten. Und der Volkskörper gesundete. Unter ihm und seinen Nachfolgern wuchs ein neues Geschlecht heran, getragen von der Treue zur Thora, van ihrer Weisheit erleuchtet, von ihrer göttlichen Kraft gestärkt. Der neue Tempel erstand. Und der Ruhm des neuen Hauses wurde noch größer als der des alten. Alexander der Große trug die Kriegsgeißel durch alle Lande, seine Nachfolger, die ägyptischen und syrischen Könige, wühlten das heilige Land mit ihren Kriegen auf, aber die Brandungen der Welt prallten am Herzen Israels ab, das in der Thora für alle Zeiten seine Kraft und seinen Frieden gefunden hatte. Ja, der Stamm Israels begann, seine Zweige über den Erdenrund auszubreiten. Israelitische Gemeinden bildeten sich in allen Mittelpunkten der alten Welt, in Alexandrien, in Antiochia, in Rom, und durchtränkten das griechische Heidentum mit jüdischen Ideen. Fünf Jahrhunderte waren vergangen, die heilige Stadt, der heilige Tempel stand in Flammen, die Helden des jüdischen Verteidigungskrieges führte Titus im Triumphzug den ihm zujubelnden Römern vor. Das Volk Israel schien sich unter Roms wuchtigen Schlägen zu verbluten. Aber es war nur die neue, die entscheidende Epoche seiner Wanderungen. Wer wäre imstande, die ganze Liste der Stationen niederzuschreiben, wohin sie jetzt ausbrachen und wohin sie jetzt sich lagerten?