Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 30 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Das jüdische Matt Nr. 30 Wissenschaft ein ernstes Interesse nehmen, jeweils ein Ereignis. Was wir von dem vorjährigen bezüglich Gediegenheit und Reichhaltigkeit des Inhalts sagten, können wir auch von dem jüngsten wiederholen. Nur möchten wir bedauern, daß diesmal nichts Philosophisches veröffentlicht worden ist, dafür ist das Geschichtliche um so reicher bedacht worden. Rabb. Dr. Ehrentreu-München setzt seine geistreiche Sammlung „Sprachliches und Sachliches aus dem Talmud" fort, aus der wir nur einige Stichproben geben können. Die schwere, auf das Räucherwerk bezügliche Talmudstelle ^2^ nrw HND nrpn wird verständlich, wenn man zwischen Jahresquantum und Jahresbedarf unterscheidet. Besonders geistvoll ist die Erklärung der Stelle (Mtzilah 19 a) bw a'onb jm mnbDi *arn Km wo Ehrentreu ppnbD „dieser Schwiegertochter" lesen will. In der Tatsache, daß in unserer Mischnah vom Chanukkahfest fast keine Rede ist, will Ehrentreu eine Stütze für Halevys These sehen, daß der Grundriß der Mischnah im wesentlichen das Werk der Männer der großen Synode sei. Wir halten dies nicht für zwingend. Möglich ist auch die Auffassung, daß für die auf Chanukkah bezüglichen Bestimmungen eine schriftliche Fixierung kein Bedürfnis gewesen sei. (vgl. Hoffmann, Die erste Mischnah S. 13 unten). Ist der Beitrag Ehrentreus mehr aphoristischer Natur, so ist der folgende: „Die Urkunden im Talmud" von Dr. L e o p o l d F i s ch e r- Berlin eine systematische Arbeit im Gebiet der Talmudforschung. Die gelehrte Dissertation — ist's eine Doktor- oder Habilitationsschrift? — ist für Juristen wie für Altertumsforscher in gleicher Weise von Interesse. Einen besonderen Charakter erhalten die Untersuchungen durch Heranziehung der Schriftfunde, besonders der Papyri von Assuan, so wie vorher Pick u. a. die Resultate assyrischer Ausgrabungen für die Talmudforschung benützt haben. Es werden die verschiedenen im Talmud vorkommenden Urkunden aus dem Gebiet des Zivil- und Eherechts nach Form und Inhalt untersucht. Besondere Aufmerksamkeit wird der „gefalteten Urkunde" ISSHpS gewidmet, den breitesten Raum nehmen die eherechtlichen Urkunden, besonders die pQirO ein, interessant ist die Rekonstruktion und Vergleichung der fünf aus der Zeit des Talmud stammenden Kethuboth. Weniger eingehend ist Get und Schtar chalizah behandelt. Ebenfalls in das Gebiet der Talmudforschung, wenn auch nur an die Peripherie derselben, gehören die Notizen von Rabb. Dr. S. Funk-Boskowitz, „Beiträge zur Geographie des Landes Babel", die die Identifizierung einiger im Talmud babli vorkommenden,S t ä d t e - namen festzustellen versuchen und wertvolle Ergänzungen zu den Arbeiten Berliners, Neubauers u. a. auf diesem Gebiete bilden. Einem ähnlichen Gebiete gehört die Notiz des jüngst verstorbenen Dr. Grünhut, „Die Südgrenze Palästinas" an. Außerordentlich fleißig und bibliographisch richtig ist die Arbeit I. N. E p st e i n s in Bern „Die Rechtsgutachten der G e o n i m", in der die von Cassel i. I. 1847/48 herausgegebene Editio mit der in der königlichen Bibliothek in Berlin befindlichen Handschrift verglichen und letztere eingehend analysiert wird. Unter der Ueberschrift „Eine wichtige Urkunde" veröffentlicht Distriktsrabbiner Dr. Stein-Schweinf u r t ein in den Akten des Rabbinats Schweinfurt Vorgefundenes Dokument, das eine beglaubigte Kopie des durch Kaiser Karl V. unterm 3. April 1544 den Juden erteilten Privilegs und der B e ft ä t i g u n g dieses Privilegs durch Kaiser Ferdinand I. vöm 19. Januar 1562 ist. Noch nicht bekannt war bis jetzt eben diese Bestätigung: aus dem „Privileg" selbst hervorzuheben ist u. a. die Zurückweisung der Blutbeschuldigung. I. C's übersetzte Mitteilungen „Aus dem ältesten« Protokollbuch der portugiesisch-jüdischen Gemeinde in Hamburg" werde auch dieses Mal, wie bereits in den früheren Jahrbüchern, den Leser lebhaft interessieren. Die Würde, deren sich die Gemeindeverwalter wohl bewußt sind, scheint nicht ohne Bürde gewesen zu sein, sonst wäre die Verfügung nicht nötig gewesen, „daß fortan sich niemand von dem ihm aufgetragenen Amte befreien kann". Nicht ohne Parallele zu neuzeitlichen Erscheinungen ist die Bestimmung: .„Die Chachamin sollen während des Winterhalbjahrs nur einmal alle 14 Tage predigen; während des Sommerhalbjahrs jedoch, wie früher, an jedem Sabbat einen Daräs (Deraschah) halten". Erquickend ist die bis ins einzelne gehende Armenfürsorge. Einen Begriff davon, was in jüdischen Gemeinden in vergangenen Jahrhunderten auf dem Gebiet der Krankenfürsorge geschehen ist, erhalten wir durch die Arbeit von Dr. L e w i n - Kempen „Jüdische Aerzte in Großpole n". Wenn nach Sanhedrin 17 b zu den zehn Erfordernissen einer Stadt, in der ein Talmid Chochom seinen Wohnsitz nehmen könne, auch das Vorhandensein eines Arztes gehört, so sehen wir, wie zahlreich in Großpolen die Orte waren, die dieser Anforderung entsprechen; selbst kleine Gemeinden legen Wert darauf, einen eigenen jüdischen Arzt in ihrer Mitte zu haben, größere haben davon mehrere. Diese Aerzte erfreuen sich großer Wertschätzung bei Juden und Nichtjuden; sie sind allen Fortschritten ihrer Wissenschaft zugänglich, z. V. der Einführung der Impfung. Mit großer Tüchtigkeit auf ihrem wissenschaftlichen Gebiet verbinden sie zum großen Teil Frömmigkeit und Thorawissen. Neben der allgemeinen Anerkennung, die sie finden, fehlt es allerdings auch nicht an Anfeindungen, entsprungen — omnia nbique — dem Konkurrenzneid. Wir hören von der Armenpraxis dieser Aerzte, ihren Spitalbesuchen und ihrer Verwendung im Dienst der Chevrakadischas. Alles dies weiß der Autor anschaulich und übersichtlich darzustellen und durch Nachweise zu belegen. Vom selben Verfasser ist die Miszelle „Jüdische Proselyten in Großpolen, eine Fortsetzung einer früheren Veröffentlichung. Als eine sehr lesbare Arbeit des Jahrbuchs, deren Lektüre einen ganz besonderen Genuß bietet, möchten wir die geschichtliche Abhandlung „Ist der Name jüdischer Hellenismus berechtigt?" von Dr. Samuel Halevy in Hamburg bezeichnen. In ihr wird mit großem Geschick gezeigt, daß die Vorgänge in Palästina nach der Zeit Alexander des Großen, die man gewöhnlich auf das Eindringen hellenistischen Geistes zurückführt, keineswegs aus einem immerhin idealen Kampf der Weltanschauungen, des Judentums und des Griechentums zu erklären seien, sondern daß hier brutal egoistische Motive die treibende Kraft gewesen seien; und zwar sei es die Herrschsucht des Steuerpächters Josef und seiner Anhänger gewesen, welche die inneren Unruhen in Palästina hervorgerufen hätten. Die These wird in einem kritischen und positiv-geschichtlichen Teil verfochten; in ersterem wird auf die Widersprüche hingewiesen, die sich in dem Berichte des Josephus über die Reise des Steuerpächters Josef nach Egypten und was damit zusammenhängt, vorfinden, und die