Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 30 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30. 5 Das jüdische Matt. ähnlichen Vorkommnisse der Vergangenheit in den Schatten gestellt und darum einen panischen Schrecken bewirkt. Laut der allerjüngsten Nachrichten sollen sie nun in ihrer bisherigen Form eingestellt werden, aber nicht gänzlich schwinden. Statt derer in der Nacht soll es nur solche am frühen Morgen geben. Man wird also fürderhin, statt in dunkler Nacht, in den frühen Morgenstunden Gelegenheit haben, das traurige und abstoßende Bild zu beobachten, wie ein großer Trupp anständiger Juden, von einem Polizeikordon umgeben, nach irgend einem finsteren Polizeiloch oder Gefängnisse geschleppt wird. Ein starkes Stück mittelalterlicher Manieren, mittelalterlicher Stimmung steckt in jeder dieser Szenen, die schlimmer als alle Pogromreden auf die unwissenden Massen wirken. Diese systematische Entwürdigung ist es überhaupt, die dem Pöbel den Gedanken an Gewalttaten gegenüber den Juden nahelegt. Wenn jemand von den Behörden als vogelfrei behandelt wird, warum sollte man sich an seinem Hab und Gut nicht vergreifen dürfen? Also spinnen die Massen des echtrussischen Volksverbandes den Gedanken ganz logisch weiter aus. Justizskandal im Beilisprozeß. Das Kiewer Kreisgericht bewilligte alle von der Verteidigung geladenen Zeugen, dagegen lehnte es von den psychiatrischen Sachverständigen der Verteidigung die Professoren Bechterew und Oszipow ab und bewilligte nur den jungen Arzt Karpinski. Die Tendenz dieses Beschlusses liegt zutage. Man wagte nicht, der Verteidigung offen einen psychiatrischen Sachverständigen zu verweigern, der das von der europäischen Wissenschaft gerichtete Gutachten des Kiewer Psychiaters Sikorowski im Gerichtssaal dem Urheber gegenüber beurteilen soll. Um aber den Sachverständigen der Verteidigung von vornherein in eine schwierige Lage zu versetzen und dessen Gutachten in der Wirkung abzuschwächen, wühlt man nicht einen Gelehrten von europäischem Ruf, wie den Akademiker Bechterew oder den Fakultätsdekan der Kafaner Universität Oszipow, sondern einen jungen Arzt von geringem wissenschaftlichen Ruse. Von gesetzlichen Behinderungsgründen liegt gegen beide weder ein Mangel wissenschaftlicher Kenntnisse noch moralische Minderwertigkeit vor. Die Entfernung des Wohnsitzes der zu berufenden Sachverständigen fällt nicht in Betracht, da Karpinski wie Bechterew in Petersburg wohnen. Noch deutlicher wird die Absicht des Gerichtshofes, die Sachverständigen des Staatsanwaltes vor unbequemen Angriffen zu schützen, in dem Beschluß, das Begehren der Verteidigung auf Vorlegung der angeblich den Blutritus der Juden beweisenden Bücher abzulehnen. Das Gutachten des halbpolnischen, halbasiatischen Paters Pranaitis stützt sich auf Bücher, die den Blutritus als eine der Grundlagen der Anklage erweisen sollen. Diese Schriften sind daher Beweismittel der Anklage, corpora delicti, die unbedingt dem Richter vorliegen müssen. Das Gericht wird aber nicht auf Grund dieser Dokumente, sondern nur auf Grund der mündlichen Aussagen des Pranaitis urteilen. Um dessen Ausführungen zu sichern, lehnte das Gericht auch die Berufung des Rabbiners Mase (Moskau), des einzigen jüdischen Sachverständigen, ab. Das nämliche Gericht, das diese Beschlüsse gefaßt hat, wird über Beilis urteilen. Galizien. Die Landtagswahlen in Galizien sind für die Juden nicht günstig verlaufen. In Lemberg ist Dr. Nathon von Löwenst e i n durchgefallen, hauptsächlich infolge der Unbeliebtheit, deren er sich in weiten jüdischen Kreisen erfreute. Der Zufall wollte, daß der Wahltermin gerade in die zweite Jahreszeit der Drohoboviczer blutigen Krawalle fiel. In Krakau ist der bisherige Abgeordnete Dr. Ignaz Landau nicht mehr als Kandidat aufgestellt worden. Ein einziger jüdischer Abgeordneter ist durchgekommen, Dr. A s ch k e n a s e in Brody. Uebrig blieben den bisherigen Inhabern nur die drei Mandate der Handelskammern Hofrat Sare in Krakau, v. Löwenstein in Lemberg und Dr. Rittel in Brody. Türkei. Die Auflösung des Rabbinerseminars in üonstanlinopel ist infolge Mangels an Mitteln, wie es scheint, nur noch eine Frage von Tagen. 22 Jahre besteht es, hauptsächlich von den Unterstützungen der Alliance lebend. Schüler hat es wenig anzuziehen vermocht, ein einziger Rabbiner ist aus ihm seit seiner Gründung hervorgegangen. Jetzt hat, wie es scheint, auch die Alliance dem Rabbinerseminar ihre Unterstützung entzogen und so wird diese Anstalt bald den Weg des Sterblichen gehen. Das saghafte Dementi, das der Grand Rabbin der Türkei gegen die Nachricht der Auflösung des Seminars in die Presse geleitet hat, ist eher dazu angetan, das Gerücht zu bestätigen als zu entkräften. Uom Balkan. Der Hilfsverein der Deutschen Juden erhält aus Serres folgendes Telegramm: Serres» 16. Juli 1913, abends 8 Uhr. Serres wurde von den fliehenden Bulgaren zu drei Vierteln in Brand gesteckt. Das jüdische Quartier mit Synagoge und Schule ist fast völlig vernichtet, der Markt ist niedergebrannt. 129 jüdische Familien sind obdachlos und befinden sich in tiefstem Elend. * * * Wie der Hilfs verein der Deutschen Juden mitteilt, sind durch den neuen Krieg unter den Balkanverbündeten auch zahlreiche jüdische Gemeinden des Balkans, insbesondere die Gemeinden Jstip, Strumitza, ferner die Gemeinden Serres, Doiran, Drama, Kavalla wieder in schwere Mitleidenschaft gezogen worden. Die Union des Association des Jfraelites, zu der alle größeren jüdischen Hilfsgesellschaften gehören, haben durch die Komitees, die die Delegierten der Union, die Herren Dr. Paul Nathan-Berlin, Elkan Adler-London und Dr. Bernhard Kahn-Berlin auf ihrer Reise durch das Kriegsgebiet eingesetzt haben und deren Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit sich gerade jetzt wieder erweist, überall, wo die Verhältnisse es bereits erlauben, den Bedrängten die nötige Hilfe zukommen lassen. Für die am schwersten betroffene Gemeinde in Serres mit 1899 Juden, wo beim Rückgang der Bulgaren fast 1/r> der Stadt eingeäschert wurden, darunter der ganze Markt und 117 jüdische Häuser mit Synagoge und Schule, sind durch das in Saloniki eingesetzte Komitee Nahrungsmittel, Kleidung und Decken geliefert worden, wofür dis Union vorerst 19 999 Franken zur Verfügung gestellt hat. So schwer der materielle Schaden ist, den unsere Glaubensgenossen hier wiederum erlitten haben, so ist es doch ein Trost, daß das Leben der Juden, soweit bisher bekannt ist, geschont worden ist. Unter Mitwirkung der griechischen Behörden werden auf Veranlassung der Union Kommissionen aus Saloniki die Stätten der neuen Kriegsgreuel besuchey und das Hilfswerk organisieren. '