Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 30 (25.7.1913)
- Date
- 1913-07-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Das füdische Klatt. Nr. 30. wurde und sofort eine Agitation der Reaktionäre zugunsten der Blutlüge einsetzte. Ein Zusammenhang ist allerdings nicht zu erkennen. Darüber aber kann gar kein Zweifel obwalten, daß diese Juschtschinsky-Affäre von den Reaktionären zur Inszenierung voll Pogromen bewußtermaßen ausgeschlachtet werden sollte, und daß es zu diesen nicht kam, ist lediglich auf den Widerstand der Reigierung zurückzuführen, die die Pogrome nicht wollte und durch administrative Gewalt diese Pogrombewegung im Keime erstickte. Dieser Mißerfolg entfesselte die Wut der Rechten in steigendem Maße. Ihre Dumafraktion griff ein und überreichte der Volksvertretung jene erste Interpellation über die Juschtschinsky-Affäre, in der sie sich auf keinerlei positive Tatsachen stützte, sondern zum Beweise, daß in Kiew ein Ritualmord begangen worden war, die viele Jahrzehnte zurückliegende Prozesse in Saratow und W e l i s ch anführte, wobei aber geflissentlich verschwiegen wurde, daß die welischer Juden vollständig freigesprochen wurden und in Saratow der Mord zu Ritualzwecken absolut verneint worden war. Die Forderung der Rechten, die Interpellation sofort zu erledigen, wurde a b g e l e h n t, wobei der Führer des rechten Flügels der Oktobristen, der bekannte Moskauer Advokat S ch u b e n sk o i, gewiß kein Judenfreund, in der Duma offiziell erklärte, daß er fest davon überzeugt sei, daß die Kommission die Interpellation ohne weiteres ablehnen werde. Dies war im Mai des Jahres 1911. In der Herbstsession wurde die Interpellation in der Tat glatt abgelehnt. Aber die Rechte beruhigte sich nicht. Jetzt begann erst die wüste Agitation. Purischkewitsch gab Plakate heraus über den Ritualmord, mit Abbildungen von verschiedenen phantastischen Ritualmorden. Er ließ diese Plakate in 600 000 Exemplaren, wie er sich in der Duma rühmte, durch Automobile im Lande verbreiten. Samislowsky, ebenfalls Dumaabgeordneter, gab eine Broschüre über den Saratow-Prozeß heraus und soll, sicherem Vernehmen nach, an hohem Ort einen speziellen Vortrag über Ritualmorde gehalten haben. Er war auch als Zivilkläger in Kiew und nahm Einsicht in die Akten, noch bevor der Angeklagte selbst diese zu Gesicht bekommen hatte. Alle Beamten, die eine Diebesbande als Mörder erklärten, wurden gemaßregelt, die wenigen, die einen Ritualmord annahmen, erhielten Auszeichnungen. Warum das alles geschieht, darüber werden wir erst Authentisches erfahren, wenn der Prozeß zur öffentlichen Verhandlung gelangt. Der Prozeß sollte ja schon lange verhandelt werden, wird aber immer wieder vertagt. Offenbar, weil man in interessierten Kreisen überzeugt ist, daß das Schwurgericht in Kiew die Unhaltbarkeit der Anklage einsehen wird, denn gegen Beiliß liegen absolut keine Beweise vor. Wird ja doch der Prozeß nur noch deshalb geführt, um ganz allgemein überhaupt einen Ritualmord zu konstruieren, und die Person des Beiliß verschwindet schon ganz in den letzten Aeußerungen der Zivilkläger Samislowsky, Schmakow und Buzalel. Ueber den Ausgang des Prozesses könnte man unbesorgt sein, wenn man die absolute R i ch t - E x i st e n z von Beweisen gegen den Angeklagten Beiliß im Auge behält und die Personen der Ankläger und die der Verteidiger gegenüberstellt: Denn einen so guten Ruf die letzteren in ganz Rußland, ganz gleich bei wem, auch immer genießen, einen ebenso schlechten Namen besitzen die Samislowsky und Genossen. Aber wer weiß, wie die Gerichtsverhandlungen geleitet werden, ob nicht den Verteidigern Hindernisse in den Weg gelegt und die Zeugen und Sachverständigen einseitig befragt werden, so daß die Geschworenen ein unzutreffendes Bild erhalten, was dann nicht ohne Einfluß auf ihren Spruch bleiben könnte. Die politische Judenhehe in Kiew. Wir haben in der vorigen Nummer in zusammenfassender Darstellung eine Skizze der scheußlichen Razzia hingeworfen, die die Polizei auf die Juden in Kiew macht, die dort kein Wohnrecht haben. Wir fürchten nicht, schon Gesagtes zu wiederholen, indem wir im folgenden den ausführlichen Bericht wiedergeben, den die „Frankfurter Zeitung" unter obigem Titel über die neueste Erfindung der russischen Judenfresser bringt. Die allnächtlich stattfindenden Durchsuchungen usw. der jüdischen Wohnungen sind zu einem Aergernis sondergleichen geworden. Nicht nur die Juden, sondern auch die Christen befinden sich in begreiflicher Erregung. Wird doch jeder Hausbesitzer mit enormen Geldstrafen belegt, falls in seinem Hause ein „nichtwohnberechtigter" Jude gefunden wird. Die permanenten Durchsuchungen und die sich daran anschließenden Einsperrungen und Massenabschiebungen haben im Leben der Stadt eine derartige Verwirrung hervorgerufen, daß sich schließlich die obersten Behörden, der Generalgouverneur und das Ministerium, veranlaßt sahen, dem übereifrigen Gouverneur ein Halt zu gebieten. Statt dessen sind jedoch drakonische Strafen für die nichtwohnberechtigten Juden, wenn sie in Kiew erwischt werden sollten, in Aussicht genommen. Was das allerdings bedeutet, versteht erst derjenige, der die inneren Verhältnisse näher kennt. Durch seine zentrale Lage inmitten des jüdischen Ansiedlungrayons und durch seine engen Beziehungen zu den drei von Juden am meisten bewohnten Gouvernements, Kiew, Podolien und Wolhynien, in denen zirka 1 200 000 Juden ansässig sind, wäre Kiew eigentlich dazu prädestiniert, ein jüdischer Mittelpunkt zu werden. Die Tatsache, daß weit um den Umkreis von Kiew herum nicht eine einzige Stadt auch nur annähernd an Kiews Bedeutung heranzukommen vermag, daß vielmehr verschiedene Städte in der Nähe von Kiew zu dessen Gunsten im Rückgänge sich befinden, muß die Judenheit noch mehr hierhertreiben. Ueberhaupt kann Kiew von den Juden des ganzen Südwestens Rußlands auf keinen Fall gemieden werden, eben weil es im Herzen des jüdischen Rayons gelegen ist und alle höchsten Anstalten des Südwestens, die administrativen, militärischen, gerichtlichen, sodann eine Reihe höherer Lehranstalten und Hochschulen konzentriert und den Handel und Gewerbeverkehr der ganzen Gegend beherrscht. Darum drängt das Leben Hunderttausende von Juden nach dieser Stadt zu ständigem oder zeitweiligem Aufenthalt und stößt die Schranken des Gesetzes um. Da entstehen täglich die harten Kämpfe der Polizei gegen die „Eindringlinge". Denn nicht wohnberechtigt in Kiew ist die Majorität der Juden, darunter gerade jene zahllosen Kleinhändler und Vermittler, die ohne — wenigstens zeitweiligen — Aufenthalt in Kiew, an ihren Heimatsorten ihren Berufen nicht nachgehen können. Für alle diese ist aber das Leben in Kiew eine einzige Kette polizeilicher Quälereien, die nicht selten mit tragischen Folgen verknüpft sind. Mögen noch so viele sauer erworbene Rubel in die Taschen der Polizeibeamten fließen, nie sind diese zu füllen. -So versichern Kenner der Verhältnisse, daß die jährliche Einnahme eines Polizeileutnants in jedem der Judenbezirke Kiews auf 20—30 000 Rubel sich beläuft. Also pflegt es in Kiew zu gewöhnlichen Zeiten zu geschehen. Die Razzien der letzten Zeit indes haben sämtliche