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Das jüdische Blatt · 1913-07-25 · 30 (25.7.1913) · p. Seite 3

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
30 (25.7.1913)
Date
1913-07-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 30 Das jüdische Klatt. 3 Kn ccssant tont travail — en rcnourant a faire usago de sa force en ce jour de sabbat, il so immtre dispose a abdi(|uer tont pouvoir — tonte puissancc pour remettre son sort ent re 1 es niains de Dien et suivre la volonte divine en se sanetifiant! 11 s'humilie. Quelle plus belle soumission pourrait-il offrir ä son Createur? -^- Me Uiedermeier. Die unglaublichen Mißhandlungen von Inden durch griechische Soldaten bei der Eroberung von Saloniki durch die Griechen sind noch in aller Erinnerung. Die griechischen Soldaten haben sich dainals Ausschreitungen zuschulden kommen lassen, die von der griechischen Heeresleitung nie bestraft morden sind. Vor Europa haben sich die Griechen aber doch geschämt, sie haben gefärbte Berichte verbreitet und sogar vom Oberrabbiner Rabbi Meir eine Ehrenerklärung erpreßt. Dann kamen die Straßenkämpfe zwischen Bulgaren und Griechen in Saloniki: die am meisten von beiden litten, waren die Juden. Kürzlich, im neuen Balkankrieg, haben die Griechen Serres unter Strömen Bluts eingenommen, wobei auch viel unschuldiges jüdisches Blut floß. Aber die Griechen telegraphieren die Greueltaten der Bulgaren in die Welt, daß jene Serres eingeäschert haben, und daß die Mohammedaner und Juden den griechischen Eroberern vor Freude die Hände geküßt hätten. Wer möchte nicht gerührt sein ob dieser Träger und Verkünder der Zivilisation? Die wahren Bidermeier, diese Griechen. Zu gleicher Zeit wird nämlich aus Saloniki berichtet, daß die dortigen Juden den Griechen nicht trauen und massenweise nach Konstantinopel und Smyrna auswandern. Man wird also gegen diese von den Griechen in Szene gesetzte Entrüstung auf der Hut sein müssen. Das unschuldige jüdische Blut, das unnötig vergossene christliche Blut hat uns gelernt, gegen die scheinheiligen Tiraden der Balkanstaaten mißtrauisch zu sein. Erst wurde feierlich der Kreuzzug gegen die ungläubigen Türken verkündet. Jetzt zerfleischen sich die Kreuzzügler; die Bulgaren verbrennen die Dörfer der Serben, die' Serben entführen Mädchen und töten sie, Frauen werden geschändet, Wehrlose niedergestoßen; der ganze Krieg ist das Spiel wilder Barbarei, ein Hohn auf die wahre christliche Gesittung. Es ist geradezu widerlich, wie ein Heer dem anderen seine Greuel vorwirft und es vor die Anklagebank des zerütteten europäischen Gerichtshofs zerrt. Was nützt es, über diesen falschen, scheinheiligen Biedermeierton sich zu entrüsten? Vor allem gilt es, der schrecklichen Not zu steuern. England. Aus alter Welt. Zangwill über jüdische Armut. London ist in 29 Stadtbezirke eingeteilt. Jeder Bezirk hat für sich die Armenfürsorge zu leisten. Ueber die Inanspruchnahme der öffentlichen Anstalten für Armenfürsorge wird eine genaue Statistik herausgegeben. Vorige Woche kam der Rechenschafsbericht über den Monat Juni heraus. Nach diesem haben sich im Juni 99 256 Menschen um Hilfe an die Armenfürsorge gewandt, darunter etwa 12 000 Kinder unter 16 Jahren. Dabei betont der Bericht, daß die Lage in diesem Jahre im allgemeinen eine bessere war wie in der gleichen Berichtszeit des Vorjahres. Nur in 3 Bezirken hat sich die Armut vermehrt, im Ghetto (Eastend) und in 2 anderen, hauptsächlich von nichtjüdischen Armen bewohnten Bezirken. Dabei ist die Armutsvermehrung im jüdischen Bezirk so groß wie die der beiden anderen Bezirken zusammengenommen. Zangwill nun hat nach Erscheinen des Berichts zu der Frage der jüdischen Armut in einem Zeitungsartikel Stellung genommen, in dem er folgende interessante Ausführungen macht: „Bei den nichtjüdischen Armen wirkt die Armut zu allererst auf die Moral und den Charakter der Unterstützten und zerstört die Persönlichkeit im Menschen. So wenigstens schreibt einer der besten Sozialpolitiker Englands, Mr. Webs. Dagegen kenne ich, schreibt Zwangwill, viele jüdischen Familien die ihr Leben in einer Woche mit weniger wie einem Pfund Sterling (= 20 dl) fristen. Niemals habe ich aber in diesen Familien eine Vernichtung der Moral, des Charakters, der Persönlichkeit durch die Armut beobachtet. Entweder kennt Mr. Webs das ganze Leben nicht genau, oder die jüdische Armut entzieht sich dem Urteil der christlichen Soziologen. Das Judentum ist nämlich viel mehr eine Religion für das ganze Volk wie das Christentum. Ein Beweis dafür ist die jüdische Nüchternheit im Ghetto, während in den christlichen Armenvierteln die Trunksucht sich spreizt." Eine andere Zeitung, die auf Zangwill's Artikel eingeht, fügt hinzu: Die jüdische Nüchternheit läßt den armen Mann nicht bis in den Sumpf fallen. Ein jüdischer Armer ist im Stand, sich mit den Phantasiegebilden seiner Thora und seiner Propheten zu erheitern, Gedanken und Hoffnungen, die ihm die bitterste Armut nicht rauben kann. In Newyork, sagt der Artikelschreiber, habe ich einen Rabbi gesehen, der den ganzen Tag aus seinem Karren Obst zum Verkauf herumgeführt hat, und als der Abend kam, zog er sich in sein friedliches Heim zurück und verbrachte die halbe Nacht mit Lernen der Thora. Rußland. Minsk. Am 9. Juli, spät abends, entdeckte die Polizei in einer Synagoge eine A r b e i t e r v e r s a m m l u n g , an welcher 400 Personen teilnahmen. Um der Verhaftung zu entgehen, sprangen viele Teilnehmer aus den Fenstern des zweiten Stockes und erlitten Verletzungen. 76 wurden verhaftet. Zum Verständnis des Ritualmordprozesses. Der Dumaabgeordnete, Rechtsanwalt L. R. N i s s e l orv i t s ch hat der „Frkf. Ztg." eine Mitteilung zugehen lassen, die auf die Vorgeschichte des K i e w e r Ritualmord- Prozesses und einige seiner Begleiterscheinungen Streiflichter wirft. Es heißt in dieser Darlegung: Die Reichsduma hat am 9. Februar 1911 den Beschluß gefaßt, das Projekt zur Abschaffuilg der Tscherta, des jüdischen Ansiedelungsrayons, der Kommission für die „Unverletzlichkeit der Person" zu überweisen (gegen den lärmenden Widerstand der Rechten und Nationalisten), und zwar durch die Majorität der Oktobristen und der Opposition. Weiter war der Beschluß angenommen worden, daß binnen Monatsfrist die Kommission ihr Gutachten zu fällen habe. Nun ist es ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß ungefähr nach einem Monat die Leiche des Knaben Juschtschinsky in Kiew entdeckt

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