Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 29 (18.7.1913)
- Date
- 1913-07-18
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Dem Topfe entstieg bald ein dichter Qualm und. ein scharfer Geruch erfüllte die Stube. Der Deckel tanzte und siedende Tropfeir fielen auf die Platte. Schreiner stand vorgebeugt und wartete, doch als der Deckel immer toller herunrzuspringen begann, entfernte er ihn ganz. In diesem Augenblick ertönte ein furchbarer Krach. Der Topf ging in tausend Stricke, eine Flamme schlug empor, urrd die siedende Masse ergoß sich über den Körper Schreiners, der, über und über mit Wunden bedeckt, bewußtlos zu Boderr sank. Dos war ein schlimmer.Winter für Abraham Schreiner gewesen. Biele Wochen lag er, mit Brandwundeir bedeckt, unter gräßlichen Schmerzen, auf der schmalen Bettbank und wußte nichts von der Außenwelt. Das neue Licht, das er entdeckt hatte, hatte ihn während dieser ganzen Zeit in seinen Fieberträumen verfolgt. Es war ihm, als wenn die Sonne jetzt blutig rot die Welt befchiene. Auf sein Geheiß begann der Feuervall am Himmel zu leuchten, denn er war der Herr des Lichts. Und draußen war eine Kälte, daß man sich kaum auf die Gasse getraute. Dieser Wirrter schien sich in das Gedächtnis der Leute einprägen zu wollen, denn nun zählte man schon achtzehnhundertvierundfüirfzig und der Februar ging zu Ende, aber der Frost wollte immer nicht Nachlassen, mrd der Schires fiel in solchen Massen, daß das Tageslicht durch die verwehten Fenster nicht in die Stube dringen konnte. Stefan und sein Weib bemühten sich um den Kranken, und kein Wetter hielt sie zurück, einige Male des Tages in seine Hütte zu kommen, um ihm einen neuen Verband anzulegen und seine Nahrung zu bereiten. Dreimal war auf Veranlassung des Eutspächters der Wundarzt aus Drohobycz bei Schreiner gewesen, aber jetzt konnte der Schlitten die Wege nicht passieren, und so war der Kranke nur auf die Hilfe des Bauernpaares angewiesen. In den ersten Apriltagen begann endlich der Schnee zu schmelzen. Tagelang regnete es ununterbrochen, der Fluß trat aus seinen Ufern und Dorf und Feld standen unter Wasser. Als die Regengüsse allmählich nachließen, heiterte sich der Himmel auf, man sah ein Stück leuchtendes Himmelblau. Der Südwind machte die Luft lau und mild. Die Menschen verließen die dumpfen Behausungen, darin sie die lange Nacht des Winters verträumt hatten, und begannen an den Häusern und auf den Feldern die Wetterschäden auszubessern. Bald kamen die Schwalben geflogen und schwirrten tmr bie Wipfel der grünenden Bäume. Tarrsend Keime brachen auf; das Leben sproßte und gebar und in der Luft lag etwas, das an die kommende schöne Jahreszeit erinnerte. Nun konnte auch Abraham Schreiner das Bett verlassen. Er saß vor der Tür unb blickte in den jungen Sonnenschein hinaus. Aus dem Dunkel einer endlosen Nacht flammte in seiner Erinnerung das rote Licht auf, das damals zum ersten Male geleuchtet hatte, und die Erscheinung ließ in ihm ein nie geahntes Kraftgefühl sich regen. Den Juden konnte man jetzt oft in der Brennerei sehen. Er ließ sich von beit Arbeitern das Destillieren des Spiritus erklären, und eines Tages trat er vor Herrn Pasternik hin und bat ihn um die Erlaubnis, einen Destillationsapparat auf kurze Zeit nach Hause nehmen zu dürfen. Schreiner schüttete den mit Fettigkeit vermischten Schlamm in den Apprat und hielt sich genau nach den Anordnungen, die man ihm in der Brennerei gegeben hatte. Wie schlug sein Herz, als er nach dem durchgeführten Dejtillarionsprozeß zum ersten Male eine leicht bewegliche, gelbliche Flüssigkeit gewann! Er goß ein wenig Oel in ein Fläschchen, verfertigte aus Barchentfäden einen Docht und wartete mit Ungeduld den Abend ab. Als die Dunkelheit hereinbrach, zündete er seine Lampe an, und eine starke, gelbe Flamme erhellte den Raum. Schreiner dachte an seinen ersten mißlungenen Versuch, und ein freudiger Stolz erfüllte ihn, daß er sich durch den Mißerfolg nicht habe entmutigen lassen. Dann nahm er einen Talmudfolianten und begann zu lesen. Er sah die Buchstaben so deutlich, als wäre es Tag. Nun zweifelte er nicht mehr, daß er eine große, wichtige Entdeckung gemacht habe. Am nächsten Tage begab er sich zum Apotheker nach Drohobycz und bot ihm das neue Leuchtmaterial zum Kaufe an. Der Apotheker goß ein wenig von der Flüssigkeit in eine Flasche, schüttete ein Pulver hinein, und in wenigen Minuten hatte sich der Schmutz auf den Boden der Flasche gesenkt, mährend die Flüssigkeit selbst kristallklar und wasserhell geworden war. Das Gesicht des Apothekers erhellte sich. „Ihr könnt Euch gratulieren", sagte er. „Es ist reines Petroleum, und wenn Ihr die Quelle auszunützen versteht, könnt Ihr ein reicher Mann werden." In freudiger Erregung hörte Schreiner diese Worte. „Ich will Euch auch die erste Bestellung geben", fuhr der Apotheker fort. „Wenn Ihr wieder in die Stadt kommt, könnt Ihr mir fünf Liter mitbringen. Ich werde dann einige Proben nach Lemberg schicken." Außer sich vor Freude, eilte Schreiner auf den Platz, wo die Fuhrleute mit ihren Wagen standen. Seine Zeit war jetzt kostbar, und so zahlte er gerne die paar Scheinkreuzer für die Fahrt nach Boryslaw. Hedakjay. Bilder aus der jüdischen Vergangenheit von Caroline Deutsch. I i r m e j a h. Die mächtige, königliche Gestalt des Propheten stand, alles überragend, in der Mitte des Volkes, einen zerrissenen, halbverwesten Gürtel in der Hand haltend. Sein Gesicht war geisterbleich, fast durchsichtig, von einem schneeweißen, wallenden Bart umrahmt, der ihm bis an den Gürtel reichte. Die Stirne breit und mächtig, als dehne sie sich unter der Fülle und Schwere der Gedanken und des geistigen Lebens,