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Das jüdische Blatt · 1913-07-18 · 29 (18.7.1913) · p. Seite 4

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
29 (18.7.1913)
Date
1913-07-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Das jüdische Statt Nr. 29. Was hat man denn eigentlich vor? Sollen die Juden etwa ausgerottet werden oder was für fouftige geheime Absichten treiben die Machthaber zu derartigen Scheußlichkeiten? Und das Gewissen Europas? Das Gewissen der europäischen Presse ist längst eingelullt. Wenn die Armenier in der Türkei verfolgt werden, dann hallt die europäische Presse wieder vom Entrüstungsschrei des gesitteten Menschen. Aber die unsäglichen Leiden der Juden lassen sie gleichgültig. Keine Feder regt sich, kein Wort des Tadels gegen den unerhörten Druck des Zaren wird vernommen. Sind diese Abscheulichkeiten'etwa kein Schandfleck für den christlichen Namen? Oder hat die Gewohnheit au den barbarischen Verfolgungswahnsinn des Kosaken das europäische Gewissen bereits abgestumpft? Nicht die Enthüllung der väterlichen Förderung des weißen Sklavenhandels durch die Petersburger Polizei, wie sie Professor Miljukow in der Duma und nach ihm der Chief Rabbi von London auf dem Kongreß gegen den weißen Sklavenhandel vorgenommen haben, nicht die Vergewaltigung des Rechts im Veilisprozeß, nicht die Scheußlichkeiten non Kiew, keine Schandtat wäre schrecklich genug, um den Becher zum Ueberlaufen zu bringen? Recht und Gerechtigkeit können mit Füßen getreten werden, und die Presse, das Gewissen der Welt, schweigt, als müsse das alles so sein, als müsse die gesittete Menschheit es als ein unabänderliches Geschick annehmen, daß Hunderttausende von Menschen unbarmherzig von Haus und Hof in eine ungewisse Zukunft vertrieben werden. Und die Regierungen?! Von den Regierungen ist gar nicht mehr zu reden. Die ganze Politik von heute wird von Kanonen beherrscht. Die Macht der Gewehre entscheidet. Die Größe der Heere ist das Merkmal der Zivilisation. Wer die Macht hat, hat das Recht für sich. Und weil Rußland die rohe Gewalt besitzt, halten es zivilisierte Staaten für eine Ehre und eine Notwendigkeit, sich mit diesem Barbaren zu verbünden. Und weil sie mit ihm befreundet oder verbündet sein müssen, ist es bei den Kabinetten zivilisierter Völker zur stehenden Redensart geworden: Wir dürfen uns in die inneren Angelegenheiten eines fremden, eines befreundeten Staates nicht cinmischen. Das heißt: Europa muß die Fahne der Kultur einziehen vor der Barbarei des Kosaken, muß die Stimme der Menschlichkeit ersticken vor dem wahnsinnigen Verfolgungsschrei der russischen Schwarzen Hundert und seiner hochstehenden Führer. Die Juden wenigstens sollten ihr demütiges Schweigen brechen und für ihre armen Brüder in die Schanze treten. Zur Würdigung der Wro-Kal'afcha- Aewegung. Die Mitteilung über die Fortschritte der Pro-Falascha-Bewegung, der wir jüngst in unserem Blatte Raum gegeben haben, erhält eine eigenartige Ergänzung und Beleuchtung. Aus Veröffentlichungen in Missionsblättern wird die dringendste Notwendigkeit rascher Hilfe ersichtlich. Vor uns liegt „Der Freund Israels", das Organ des Baseler Missionsvereins. Sein Januarheft enthält einen „Bericht einer Missionsreise nach der Provinz Belesa durch die Brüder Debtera-Desta und Debtera-Asressa". Die beiden von Flad getauften Falaschas erzählen ihre Erlebnisse während einer längeren Missionsreise, berichten von Erfolgen und Enttäuschungen. Die Methoden der Missionare sind dieselben, die wir von ihren Kollegen in Europa her sattsam kennen. Es wird mit denselben Schriftbeweisen aus der Bibel und den Paulinischen Briefen vorgegaugen. Die ganze Art der Annäherung an die Opfer ihres Bekehrungseifers ist die gleiche, die namentlich den osteuropäischen Glaubensgenossen gegenüber fast täglich geübt wird. Es ist sehr interessant und erfreulich zu erfahren, wie wenig die Falaschas sich geneigt zeigen, den Lockungen der Missionare Folge zu leisten. Wiederholt heißt es in dem Bericht, daß die Falaschas den Missionaren eine freundliche Aufnahme gewährt, daß sie willig zuhörten und sich den ganzen Tag über die Bibel auslegen ließen, aber einer wirklichen Bekehrung und in jüngster Zeit vorgekommener Taufen wagen sie sich nicht zu rühmen. Hingegen wird häufig genug der starke Widerstand zugestanden, den die Männer auf ihrer Reise gefunden haben. Besonders die Frauen erweisen sich als glaubensstark und unerschütterlich. Sie begegnen den Missionaren sehr unfreundlich, lassen es sogar an Beschimpfungen nicht fehlen, sind scharf und haßerfüllt gegen diejenigen, die den Glauben verleugnen, ermahnen ihre Männer, den Gesprächen der Missionare nicht so lange zuzuhöreu. Die Männer wiederum verstecken sich bisweilen, um dem Bekehrungseifer zu entgehen, und verlassen ihre Schlupfwinkel erst, wenn die Verkünder des neuen Glaubens ihrem Dorfe den Rücken gekehrt haben. Wo sie sich zur Aussprache einfinden, zeigen sie sich sehr belesen in der Bibel, sie verlangen Schriftbeweise, und wenn sie gegen die Redegewandtheit, die ihnen Psalmen und Propheten verkehrt auslegt, sich nicht mehr zu wehren wissen, dann wünschen sie Belege aus dem Pentateuch für die Richtigkeit des christlichen Glaubens. Wo sie aber dem Worte der Missionare nichts mehr entgegenzuhalten wissen, ergeben sic sich noch immer nicht. -Ihre letzte Zuflucht lautet: „Wenn der Jakob Faitlovitsch wiederkommt, dann könnt Ihr mit ihm disputieren, er wird Euch überwinden, dann wird sich's entscheiden, auf welcher Seite die Wahrheit liegt, dann werden auch alle getauften Falaschas zu ihrem alten Glauben zurückkehren." Es ist das beste Zeugnis für die bisherigen Leistungen dieses mutigen jüdischen Missionars, daß die Falaschas in dieser Weise sein Andenken bewahren und so fest darauf bauen, daß er zu ihnen zurückkehrt, und sie aus ihren Glaubensnöten erretten wird! Der Bericht enthält auch Hinweise darauf, mit welch unsäglichen Schwierigkeiten eine solche Reise verknüpft ist. „Oft kamen wir an fast undurchdringliches Dickicht und Gestrüpp. Wir blieben an den Dornen und Stacheln immer wieder hängen, so daß unsere Kleider manchen Riß bekamen und unsere nackten Füße übel mitgenommen wurden." „In einer schrecklichen Bergwildnis standen wir auf einmal vor einem mit einer Flinte bewaffneten Mann. Es war ein Räuber. Er hielt uns an, frug uns, was wir tun, und wo wir hingingen." — „Am folgenden Tage litten wir bei unserm Weitermarsch sehr unter heftigem Regen; aber erfuhren auch freundliche Aufnahme bei einem alten Mann." Es kann gar nicht genug anerkannt werden, daß Dr. Faitlovitsch, obwohl er alle diese Leiden und Gefahren bereits mehrmals kennen gelernt hat, sich wiederum den Schwierigkeiten der Reise unterworfen hat und nicht eher rasten und ruhen will, bis er sein Ziel ereicht und den Falaschas den Trost des Glaubens gebracht hat. Die christliche Mission ist mit großem Eifer an der Arbeit. Der „Freund Israels" spricht sogar die Hoffnung aus, daß es dem Pro Falascha-Komitee nicht gelingen wird, „die christgläubig gewordenen Falaschas vom Glauben abwendig zu machen, daß sie wieder ins Judentum zurücksallen und Christum verleugnen." Es ist eine Ehrenpflicht der Judenheit, den Falaschas die Stärkung und Belehrung im Glauben, nach der sie verlangen, zu gewähren, und alles aufzubieten, um diejenigen, die dem Glauben der Väter treu geblieben find, dariir zu stärken, diejenigen aber, die den Verlockungen der Missionare anheimgefallen sind, den Weg zur Rückkehr zur angestammten Religion zu bahnen. Die Mittel,

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