Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 28 (11.7.1913)
- Date
- 1913-07-11
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Da» jüdische Klatl. Nr 28. dem Dr. Hildesheimer in einem Hoch auf die Schule jubelnd Ausdruck verlieh. Ein lebendes Bild, von den Schülerinnen der Mädchenschule gestellt, eine Allegorie auf die Ziele der Schule, schloß die Reihe der Darbietungen ab. Abends vereinigte ein Festmahl die Teilnehmer zu fröhlichem Verein, bei dem noch von vielen Organisationen, u. a. vom Hilfsverein durch Herrn Rabbiner Dr. Rosenak-Bremen, von der A.J.U. durch Herrn Blumenfeld, von dem Talmud-Thora-Verein Leipzig durch Herrn S. Felsenstein Glückwünsche überbracht wurden. Roch einmal ergriff Herr Oberschulrat Prof. Müller das Wort, um seine Freude an der Gründung, sein Interesse an ihrem Gedeihen zum Ausdruck zu bringen. Erst in später Nachtstunde treitnten sich die Teilnehmer von diesem unvergeßlich schönen bedeutungsvollen Weihefeste. England. Der V. internationale Kongreß zur Unterdrückung des weißen Sklavenhandels. Sensationelle Rede des Chief Rabbi. Montag, den 30. Juni wurde in London der Y. internationale Kongreß zur Unterdrückung des Handels mit weihen Sklaven eröffnet. Bei dieser Gelegenheit hielt der Chief Rabbi Dr. Herz eine sensationelle Rede, die einen tiefen Eindruck auf die Versammlung machte. Zunächst hielten Ansprachen zur Begrüßung des Kongresses der Graf und die Gräfin von Aberdeen, der Erzbischof von Canterbury, der Kardinal-Erzbischof von Westminster, der Rev. Dr. Horton. Diesen folgte der Chief-Rabbi mit seiner Ansprache. Rach einigen einleitenden Worten sagte er: Der weiße Sklavenhandel ist eine freche Herausforderung der Zivilisation und unsere Anwesenheit hier beweist, daß Männer und Frauen aller Nationen bereit sind, die Herausforderung aufzugreifen, entschlossen nicht zu rasten, bis dieser Ausbund aller Niederträchtigkeiten, Schandtaten und Abscheulichkeiten vom Erdboden weggefegt ist. Es ist uns bitterer Ernst. Wir wollen weder Zeit noch Kraft verschwenden, um dieser oder jener Seite einen Tadel auszuteilen oder zuzuschieben. Niemand ist ganz von der Schuld frei, seit Jahren unterlassen zu haben, was hätte geschehen sollen. Kein einziges Volk, keine einzige Kirche darf dem selbstgefälligen Spiel frönen, Steine auf die anderen zu werfen. Alle sind wir zu dem Ergebnis gelangt, daß das Verbrechen allen Religionen und allen Völkern gemeinsam ist. Und nun sind wir alle Brüder in dem gleichen Mißgeschick; denn alle Völker, alle Kirchen liefern unfreiwillige Opfer dieses weißen Sklavenhandels. Vor tausend Jahren bildete ein einziges Volk auf diesem Gebiete eine Ausnahme, das jüdische. Heutzutage ist das leider nicht mehr wahr. Vielfach und schrecklich sind die Mächte, die die uralte Keuschheit der Jüdinnen bedrängen. Hier ist es weder an der Zeit noch ist hier der Platz, das wirtschaftliche Elend in denjenigen Ländern zu schildern, wo die Leiden meines Volkes bis an die Grenze des Erträglichen angelangt sind. Gestatten Sie mir aber, Ihre Aufmerksamkeit auf eine Tatsache zu lenken, die vor einigen Wochen durch den Leiter der liberalen Partei in der russischen Duma, Prof. M i l j u k o w, zur Kenntnis der Welt gebracht wurde. Sechs Millionen meines Volks sind in dem Ansiedlungsrayon Russisch-Polens zusammengepfercht, und nur in den seltensten Ausnahmefällen wird einem Juden oder einer Jüdin erlaubt, außerhalb dieses schmalen Streifens des westlichen Rußlands zu wohnen. Wenn jedoch eine Jüdin sich dazu hergibt, ein Leben der Schande zu leben, dann erhält sie die Erlaubnis, unbehelligt in den weiten Gebieten des Zaren zu leben (Pfui-Rufe). Noch tragischer ist das Folgende. Der einzige Weg, auf dem z. B. eine Anzahl jüdischer Studentinnen den Zugang zu den Universitäten von St. Petersburg und Moskau erlangt, ist der, bei der Polizei um ein „gelbes Billett", das Zeugnis der Schande, einzukommen. In früheren Zeiten pflegte die Polizei — und das ist aus dem mit einer Vorrede Professor Momsens ausgestatteten Buche Leo Erreras zu ersehen — diese Fälle zu vertuschen, und wenn sie fand, daß diese Studentinnen in Wirklichkeit ehrbare Mädchen waren, des Lichtes der Wissenschaft begierig, wurden sie ohne weiteres ausgewiesen. In den letzten Monaten jedoch geht die Behörde noch einen Schritt weiter und besteht darauf, daß sie ihr „gelbes Billett" durch ihre Lebensführung rechtfertigen. (Pfui- Rufe.) Und wenn sie sich weigern, geht die Polizei dazu über, selber diese Mädchen zu schänden! (Große Erregung. Laute Pfuirufe.) Meine Damen und Herren! Dieses Leid ist zu fürchterlich, als daß es Tränen entlockt, diese Abscheulichkeiten sind so schrecklich, daß sie jedes Kommentars spotten. Nur wird meine Darstellung Ihnen zeigen, warum ich einen Kongreß begrüße wie den Ihrigen, der es sich zur Aufgabe macht, den Sündenfall der Jugend eines jeden Volks zu verhüten. Dieser Kongreß kann, mit Gottes Hilfe, eine öffentliche Meinung bilden, die imstande ist, den Zynismus der kofakischen Bureaukraten zu überwinden. Dieser Kongreß stellt das organisierte und lebendig gewordene Gewissen der zeitgenössischen Menschheit gegenüber diesem schrecklichen Problem des weißen Sklavenhandels dar, das so alt ist wie die Welt. Meine Damen und Herren des fünften Internationalen Kongresses zur Unterdrückung des weihen Sklavenhandels, möge Gott Sie segnen und das Werk gelingen lassen, das Sie unternommen haben. (Großer Beifall.) Ein Delegierter des russischen Justizministeriums suchte zwar diese scharfen Anklagen der russischen Barbarei zu entkräften, aber Prof. Miljukow, der in offener Duma dieselbe fürchterliche Anklage dem russischen Ministerium ins Gesicht geschleudert hat, ist ein zu zuverlässiger Zeuge, als daß die russischen Offiziellen in diesem Falle die Schändlichkeiten ihrer Behörden leugnen könnten. Es ist dasselbe rohe russische Justizministerium, das der russischen Justiz die Anklage auf Ritualmord im Beilisprozeh aufgezwungen hat, ein Faustschlag ins Gesicht der Kulturwelt, ein wüster Angriff auf das Judentum, die Mutter der Religionen, dem jedes Blutvergießen und jeder Blutgenuß ein unüberwindliches Greuel sind. Rußland. „Ritualmord"-Prozeß. Eine neue Anklage erhebt der private Vertreter von Justinskys Mutter und wirft die Schuldfrage auf andere Weise auf wie die offizielle Anklageschrift. Er ruft 95 Zeugen auf, darunter Schneersohn, Enkel des berühmten „Raw" und Verwandten des Lubawitscher „Raw". Er bringt die Version auf, an dem Mord sei die Wera Tschebriakowa gemeinsam mit Beilis und Schneersohn beteiligt, eine Version, die bereits früher vom Gericht angenommen und wieder fallen gelassen worden war. Die gesamte Aktion scheint nur unternommen worden zu sein, um das Hinausschieben der Verhandlungen zu erzwingen. Das Ministerium scheint aber entschlossen, auf schnelle Erledigung hinzuarbeiten. Uom Kalkan. Unsere armen Brüder auf dem Balkan sind durch den bisherigen Krieg der Balkanvölker gegen die Türkei sehr hart mitgenommen worden. Ihren armseligen Verdienst, der kaum hingereicht hatte, ihre bescheidenen Lebensbedürfnisse zu befriedigen, haben sie fast gänzlich verloren. Ihr Obdach ist zerstört. Viele Juden von allen kriegführenden Staaten sind gefallen, von den bulgarischen Juden allein 400. Da die meisten verheiratet waren, bleiben die Familien als Witwen und Waisen zurück und auf fremde Hilfe angewiesen.