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Das jüdische Blatt · 1913-07-04 · 27 (4.7.1913) · p. Seite 9

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
27 (4.7.1913)
Date
1913-07-04
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 27. Das jüdische Blatt y Tscheberjak in Verbindung gebracht, deren Sohn Schena mit dem Ermordeten oft gespielt hotte. Da aber keine ernsten Verdachtsgründe diese letzte Annahme stützten und die durch die Untersuchung geförderten Umstände die Annahme heroorriefen, daß der Jude Mendel B e i l i s aus religiösen Beweggründen an der Ermordung Juschtschinskis teilgenommen habe, wurde der eben Genannte in Anklagezustand versetzt. Später verlautete als Variation der dritten Deutung, daß die schon erwähnten Verbrecherkreise einen Ritualmord vorgetäuscht hätten, um einen Pogrom herbeizusühren, der ihnen zum Raub von Judengut Gelegenheit geben sollte; auch dabei wurde die Tscheberjak genannt. Am 3. August 1911 wurde Beilis verhaftet. Am 25. desselben Monats überbrachte der später entlassene Polizeichef Mischtschuk dem Untersuchungsrichter ein Paket, das versengte Stoffreste und Schnitzel beschriebener Papiere enthielt. Mischtschuk meinte, die Stoffreste stammten von den fehlenden Kleidungsstücken des Knaben und die Zettel seien von den zur Ausführung der Tat bestimmten Verbrechern beschrieben. Diese Version wurde vom Untersuchungsrichter a b g e w i e s e n. Am 5. Januar 1912 wurde die Voruntersuchung abgeschlossen, am 10. Januar das Material dem Staatsanwalt ,übergeben. Am 18. Januar nahm nun der Journalist Brasul-Bruschkowski mit einer Anzeige beim Staatsanwalt die Version auf, wonach Verbrecher unter Vortäuschung eines Ritualmords zur Beseitigung eines gefährlichen Mitwissers die Tat verübt hätten. Später erklärten Brasul, er sei seiner Sache nicht sicher gewesen und habe hauptsächlich bezweckt, in die Verbrecherkreise Zwietracht hineinzutrngen, um dadurch die Entdeckung zu erleichtern. Seine Angaben blieben ohne weitere Folgen. Die Hauptverhandlung wurde nunmehr auf den 17. Mai angesetzt. Am 6. Mai aber beschuldigte Brasul in einer neuen Eingabe bestimmte bisher nicht genannte Personen des Verbrechens, die Anklageschrift zählt genau alle Angaben Brasuls und ihre Widerlegung durch die Ergebnisse der Untersuchung auf. Die besonderen Umstände der Ermordung und darüber schwebende Gerüchte veranlaßten den Untersuchungsrichter, darüber eine besondere Expertise anzuordnen, um festzustellen, ob der Mörder ein Irrsinniger oder eine Person von bestimmter Profession oder Nationalität war; als Sachverständiger wurde zu diesem Punkt der Psychiater S i k o r s k i geladen. Bezüglich der Frage, ob etwa Mitglieder einer fanatischen jüdischen Sekte den Mord verübt hätten, wurden als Sachverständige bestellt der Professor an der Kiewer theologischen Akademie G l a g o l j e w, der Professor an der Petersburger Akademie T r o i z k i j und der katholische Priester Pranaitis. Sikorski erklärte, der Mord sei nicht von einem Irrsinnigen begangen worden, es seien überhaupt mehrere Mörder gewesen und diese hätten nach einem bestimmten Plan gehandelt. Wahrscheinlich gehörten die Mörder Kreisen an, die die Tötung von Schlachttieren berufsmäßig vornähmen. Sikorski hält den Fall für einen der in Rußland und anderen Ländern periodisch wiederkehrenden Fälle, deren psychologische Grundlage Rassenhaß oder „Vendetta der Jakobssöhne" sei; das Opfer sei wahrscheinlich zur Erfüllung eines religiösen Aktes gewählt worden. Glagoljew und Troizkij sprachen sich auf Grund von Bibel und Talmud ablehnend über die Möglichkeit des Gebrauchs von Blut im jüdischen Ritus aus; Troizkij fügte hinzu, er kenne keine derartige religiöse Lehre der Juden, auch keine in mystischen Büchern enthaltene: Pranaitis dagegen erklärt, das Studium der jüdischen Lehre beweise die Existenz eines Blutdogmas, und er begründet das folgendermaßen: Alle Rabbinerschulen predigten Haß gegen die Nichtjuden, die nur als Tiere in Menschengestalt betrachtet würden. Der Talmud erlaube, ja er befehle sogar, Nichtjuden zu töten. Eine mystische Lehre der Juden verlange die Ermordung von Nichtjuden zur Beschleunigung der Ankunft des Messias. Seit der Zerstörung des Tempels sei das frühere Tieropfer durch die Ermordung von Nichtjuden ersetzt. Der ganze Mus sei in der Kabbala angegeben, speziell im Buche Sohar". Nach jüdischem Glauben habe Blut Heilkraft. In einem Talmuds traktat werde Blut andern trinkbaren Flüssigkeiten, Wasser und Milch, gleichgestellt. Nach dem Werke des Exrabbiners, letzigen Mönchs N e o p h y t, gebrauchten die Juden Christenblut für ihre Osterbrote. Pranaitis spricht sich in dem vorliegenden Fall b e - st i m m t für die Annahme eines Ritualmordes aus. Stellen aus dem Buch Neophyts sind aus dem Griechischen übersetzt. Danach soll das Judentum ein in keinem Buche verzeichnetes Geheimnis bewahren, nämlich die Lehre, Christen zu ermorden, um ihr Blut zu verschiedenen Zwecken zu brauchen. Die Ermordungen von Christen erfolgten aus drei Gründen: intensivem Haß, Aberglaube oder drittens aus dem Wunsche heraus, sich mit Christenblut zu entsühnen, da die Rabbiner selber zweifelten, ob nicht Christus doch der Messias gewesen sei. Christenblut werde gebraucht zu Heilzwecken, bei Eheschließungen, Beschneidungen und Bestattungen und schließlich für das Osterbrot. Der Gebrauch von Christenblut sei ein furchtbares Geheimnis, nicht allen Juden bekannt, sondern nur Rabbinern, Pharisäern und Schriftgelehrten. Das Geheimnis gehe vom Vater auf den Sohn über; auch Neophyt habe es von seinem Vater erhalten. Als Gründe für die Annahme einer Beteiligung von Beilis an der Erinordung Juschtschinskis werden folgende aufgeführt: Schenja Tscheberjak erzählte einem Studenten namens Golowjew, Juschtschinski sei mit ihm am 12. März im Gehöft von Berner spazieren gegangen. (Später leugnete Tscheberjak dies, aber seine erste Angabe ist richtig, da am selben Tage die Zeugen Kasimir und Uljana Schachowski die beiden Knaben sahen.) Das Gehöft von Berner grenzt an die Ziegelfabrik S a i z e w, wo Beilis angestellt war. Nach den Angaben Kasimir Schachowskis erzählte ihm Schenja Tscheberjak am 15. März, beim Spiel seien er und Juschtschinski von einem Manne mit schwarzem Bart erschreckt morden: Schachowski fügte hinzu, nach seiner Meinung sei dieser Mann Mendel, der an der Ermordung Juschtschinkis teilgenommen habe. Uljana Schachowski erzählte, während die Knaben spielten, sei ein Mann mit schwarzem Bart gekommen, habe Juschtschinski gepackt und habe den Knaben in den Ziegelofen geschleppt. Das habe eine gewisse W o l k i w n a erzählt: der Mann soll Mendel gewesen sein. Nachdem der Untersuchungsrichter die Wolkiwna, die tatsächlich Sacharowa heißt, aufgefunden hatte, sagte diese ihm, sie habe mit der Schachowski niemals ein solches Gespräch geführt. In betrunkenem Zustande erzählte dann die Uljana Schachowski einem Polizeiagenten, ihr Mann habe selber gesehen, wie Mendel Beilis den Juschtschinski zum Ziegelofen schleppte. Vor dem Untersuchungsrichter erklärte die Uljana, sie erinnere sich nicht mehr dessen, was sie gesprochen habe, da sie betrunken gewesen sei, und sagte auch, ihr Mann habe ihr nie davon gesprochen, daß er Beilis den Knaben zum Ofen habe schleppen sehen. In mehreren Verhören veränderten die Ehegatten mehrfach ihre Aussagen. Der 14jährige Schenja Tscheberjak sagte aus, er habe Juschtschinski zum letztenmal zehn Tage vor der Auffindung der Leiche gesehen; Juschtschinski habe ihn damals zu einem Spaziergang eingeladen, er habe aber abgelehnt. Bei mehrmaligem Verhör änderte auch Schenja seine Angaben. — Beilis, als Angeklagter vernommen, bestritt nachdrücklich die Teilnahme an einem Verbrechen. Im Gefängnis war Beilis in einer Zelle mit einem gewissen K o s a t s ch e n k o. Als dieser im November 1911 entlassen wurde, übergab er dem Gefängniswärter einen Zettel, auf dem Beilis seiner Frau schrieb, sie möge dem Ueberbringer völlig vertrauen und ihm das nötige Geld für Auslagen geben. Beim Verhör sagte Kosatschenko aus, Beilis habe ihn aufgefordert, zwei Zeugen zu vergiften und einen dritten zu bestechen. Den Zettel habe Beilis dem Arrestanten Puchalski diktirt und dann selber unterschrieben. Er habe ihm, Kosatschenko, gesagt, die jüdische Nation werde ihm eine große Geldsumme samt dem erforderlichen Gift geben. — Wa-ssili Tscheberjak, der Vater Schenjas, sagte aus, sein Sohn habe ihm erzählt, zu Beilis seien zwei Juden in ungewöhnlichem Aufzug gekommen; nach der Aufindung der Leiche seien diese Juden verschwunden. Schenja selber konnte nicht mehr verhört werden, da er am 8. August 1911 starb. Seine neunjährige Schwester Ludmilla bestätigte beim Verhör die Erzählung von diesen Juden, die sie durch ihre schwarzen Gewänder sehr erschreckt hätten. Juschtschinski sei mit ihr und vielen anderen

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