Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 27 (4.7.1913)
- Date
- 1913-07-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Das jüdische Klatt. Nr. 27. durchwühlt, ihre Rede ist so klar, so warm, so natürlich, daß die Prinzessin, wie vor einer höheren Eingebung sich verneigend, ihr Dank weiß für ihren klugen Rat. Die Mutter kommt. Zwei Fürstinnen Israels stehen nun vor der königlichen Hoheit, Fürstinnen der Willenskraft, das Feuer, das in ihren Adern brennt, dämpfend, niederhaltend. Vom Glück berauscht, empfängt die Mutter ihr Kind aus den Händen der Königstochter. Mutter und Schwester wiegen das Kind mit Israels Hoffnungen, Träumen, Idealen. Mutter und Schwester bereiten die Größe und Freiheit Israels vor. Als der sonnige Tag der Freiheit kam, und die Wunder des Meeres sich vor den bewundernden Augen eines ganzen Volkes austaten, da war es Mirjam, in der zuerst das Wort zum Liede ward. Mit der Macht der dichterischen Rede, die sie als Schwester Arons besaß, warf sie den Funken der Verzückung in die weiblichen Massen. Und die Mütter und Frauen folgten begeistert der Prophetin, die in der verzehrenden Not Gottesglauben und Gottesgeist in ihnen genährt hatte. Sie sang ihr erhabenes Lied; die Frauen von ihrer Führerin hingerissen, antworteten in tönenden Akkorden, in freudiger Leidenschaft, der von Mirjam entzündete Funke wurde zur Flamme und die Begeisterung loderte empor im Liede eines ganzen Volkes. Und das Lied klang so wundersam, daß selbst die Engel im Himmel darüber staunten. Seit die Welt bestand, hatte noch nie ein Weib so viel Kraft und Schwung, so viel Liebe und Mut, so viel Freude und Furcht, so viel Klang und Sang in den begeisterten Dank des schwachen Menschenworts gelegt. An jenem Tage gewann das Volk in der Schwester Arons und Moses ein Weib zur Führerin. Sie wurde das Ideal der Frauen, ihre Lehrmeisterin. Auf ihre weisen Worte lauschten die Mütter, und blieben fest und treu, als die Männer wankten und fielen. Einmal hat sie die Kraft ihrer Rede mißbraucht. Sie glaubte für das gebeugte Recht der Etiopierin eintreten zu müssen. Ihre wie ein reißender Gießbach dahinbrausende Leidenschaft für Recht und Gerechtigkeit lieh ihrem Munde Worte gegen Mose, die besser nicht gesprochen worden wären. Aber große Menschen sind selbst in ihrem Fehlen groß. Sie büßte ihr Unrecht. Doch, durch ihre Buße stieg sie noch höher im Ansehen des Volkes, das mit ihr litt und mit ihr die Buße trug. 8 Tage wartete das Volk auf Mirjam. Hatte einst nicht auch sie für Mose lange auf der Warte gestanden? Im vierzigsten Jahre der Wanderung starb sie. Sie folgte Aron. Sie starb desselben sanften Todes, der wie ein süßer Schlaf sie erlöste, sie, die unermüdlich für Israel, für Israels Frauen, gearbeitet hatte. Dort starb Mirjam und dort wurde j sie begraben. So groß sie als Prophetin auch war, glücklicher war sie als Gattin, größer als Mutter. Kaleb, der treue Kundschafter, war ihr Mann. Ihr Sohn war Chur, der Märtyrer. Dem | Götzenwahnsinn des Volkes hatte dieser echte Sohn einer! Mirjam sich entgegengestemmt. Das Volk schritt über ihn als j Leiche hinweg zu seinem Götzen. Ihr Urenkel war Bezalel, der gottbegnadete Künstler. Der Geist, die Glaubenskraft der Mutter und Ahnin übertrug sich als Erbe auf die Nachfahren. Das war ihr eigenstes Werk, darin durfte auch sie. wie jede Mutter in Israel den Gipfel ihrer Größe erblicken. * * * Denn die Mütter sind es, die die Zukunft des Geschlechts formen und bestimmen. Darum richtet sich bei uns die jüdische Abstannnung nach der Mutter. Auf den Knien der Mütter erwachen die Kleinen zu Menschen, zu Juden, vernehmen die ersten Laute der Religion, die ersten Erzählungen aus unserer mit Blut geschriebenen Geschichte, die ersten Lehren, die Keime späterer Ideale. Ohne Sitz und Stimme in den öffentlichen Versammlungen haben die Mütter die Geschicke ihres Volkes in ihren Händen. Durch sie hauptsächlich regiert Gott die Welt. Aber die Mütter können sich auch durch schwächliche Liebe an ihren Kindern versündigen und viel an ihrem Volke verderben. Mögen sie, in der wahren Liebe stark, ihr ganzes Herz darauf allein verwenden, ein frommes, rechtschaffenes, weises und starkes Geschlecht zu erziehen. Noch in späten Tagen werden es ihnen die Söhne danken. Denn, was ein Volk ist, verdankt es seinen Müttern und Schwestern.!'• W. ^OÜM und Ael'igion in der Krage der jüdischen Volksschule. Wir haben bereits vorige Woche im Gegensätze zu der in den von Prof. Dr. Blaschke auf dem 6. Verbandstage des D.-J. Gemeindebundes vorgeschlagenen und von der Versammlung angenommenen Resolution die Notwendigkeit der Gründung möglichst vieler neuer jüdischer Volksschulen, namentlich durch die Großgemeinden, betont. Das Referat des Herrn Prof. Dr. Blaschke, das in den angenommenen Thesen gipfelt, fordert geradezu zum Widerspruch heraus. Um dem Leser ein Urteil zu erleichtern, geben wir hier das Referat wieder, wie es von einem dem D.-J. Gemeindebunde sehr geneigten Blatte wiedergegeben wird. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund und seine Organe waren von jeher und sind noch heute bemüht, die bestehenden Religionsschulen und jüdischen Volksschulen zu unterstützen und zu fördern. Er ist bestrebt, neue Religionsschulen einzurichten, wenn Anträge vorliegen oder sich das Bedürfnis in anderer Weise herausstellt. Zunächst einige statistische Daten. Sie sind eruiert auf Grund einer Statistik vor 5 Jahren, nämlich aus dem statistischen Jahrbuch zusammengestellt. Danach gibt es öffentliche jüdische Volksschulen: in Preußen 306, in Bayern 82, in Sachsen 0, in Württemberg 20, in I Baden 23, im Elsaß 47, in Lothringen 3 und in den anderen deutschen Bundesstaaten 11, also insgesamt 492. Es fällt auf, daß 207 dieser Schulen nur bis 12 Schüler haben, 212 von 13 bis 30 Schüler und über 30 Schüler 73. Zu bemerken ist dabei, daß es eine ganze Anzahl von jüdischen Volksschulen gibt, deren Schülerzahl auf 3, 2 und sogar auf ein Kind zurückgegangen ist. Für die jüdische öffentliche Schule werden zunächst religiöse Momente ins Feld geführt. Man sagt, der Lehrplan könne so eingerichtet werden, daß die Schüler am Sabbat frei haben. Aber es ist die Frage, wie vielen Eltern ist es heute möglich, die Sabbatruhe zu halten. Er wolle nicht untersuchen, wie die Sabbatruhe gehalten wird. In kleinen Gemeinden kann es sein, ja er unterstelle, daß die Sabbatruhe dort wirklich gehalten werde. Wie aber ist es in Mittelgemeinden oder gar in Grohgemeinden mit der Sabbatruhe der Eltern bestellt. Man mag es auf das lebhafteste bedauern, aber wir können uns doch der Tatsache nicht verschließen, daß hier nur wenig die Sabbatruhe gehalten wird. Nun stelle man sich einmal das Bild des häuslichen Lebens vor, wenn das Kind die Sabbatruhe hat, der eigene Bater nicht, Schwestern oder Brüder, die höhere Schulen besuchen, gleichfalls nicht. Das junge Kind muß am Sonntag dann zur Schule gehen, am Nachmittag die Schularbeiten machen. Das Bild ist nicht sehr verlockend. Es ist also nicht begründet, die Errichtung von Bolksschulen auf religiöse Motive zurückzuführen. Ja, wir sehen doch, daß dort, wo höhere Schulen neben der Volksschule bestehen, die Eltern es meist vorziehen, ihre Kinder in die höhere Schule zu