Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 26 (27.6.1913)
- Date
- 1913-06-27
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Nr. 26. Das Mische Matt. des Prozesses befaßt, und nur sieben Seiten, die die den Angeklagten Beilis betreffende Untersuchung behandeln. Bekanntlich erklärten der Präsident und der Berichterstatter der Anklagekannner, gegen Beilis liege nicht der geringste Verdachtsgrund vor, und erstatteten deshalb einen Sonderbericht. Der Substitut des Staatsanwaltes Paschtschenko, der Verfasser der Anklageschrift, ist gestern zum Präsidenten des Kreisgerichtes befördert worden. Die ungewöhnliche Beförderung wird viel bemerkt. Die Hauptverhandlung findet vermutlich Ende August statt. Viel bemerkt wird auch, daß orthodoxe Sachverständige die Beschuldigung des Ritualmordes zurückweisen und der Staatsanwalt dafür einen einzigen Theologen, den katholischen Pater Pranaiti, auftrieb. Die Verteidigung liegt in den Händen der Rechtsanwälte Grusenberg und Sarudnij. Die Verteidiger laden zwanzig Sachverständige und hundert Zeugen; für die Frage der Ritualmordbeschuldigung den orthodoxen Theologieprofessor Kokowzow (Petersburg), für medizinische Fragen den Leibarzt Professor Pawlow und Professor für gerichtliche Medizin Taranuchin (Warschau), für psychiatrische Fragen die Professoren Bechterew und Karpinski. Im letzten Jahre verweigerte das Kiewer Gericht die Ladung theologischer Sachverständiger mit der Begründung, daß keine Ritualmordbeschuldigung vorliege. Diesinal erhebt der Anklageakt eine rückhaltlose Beschuldigung auf Ritualinord, sodaß eine Verweigerung nicht mehr zu erwarten ist. Beilis wurde aus dein Gefängnis in das Gericht übergeführt, wo ihm das Mitglied des obersten Gerichtshofs W i g u r g von der Anklage Kenntnis gab. Als er über die Straße geführt wurde, hatte sich zahlreiches Publikum eingefunden, das von seinem Anblick ergriffen wurde. Beilis sieht frisch aus, er ist von mittlerem Wuchs, von festem Körperbau, das Gesicht von großem, schwarzem Bart umrahmt. Laß ab. abscheulicher Mensch! Im Gefängnis kam vorige Woche ein trauriger Vorgang vor. Der gefangene Beilis wünschte seinen kleinen Sohn zu umarmen, den ihm sein Weib zugeführt hatte. Aber der Gefängnisbeamte trennte Vater und Sohn und schrie Beilis an: Laß ab, du abscheulicher Mann! Der unglückliche Mann brach in Tränen aus. * * * Die Franks. Ztg. schließt einen in Nr. 170 veröffentlichten bemerkenswerten Leitartikel über den Beilisprozeh mit folgenden Worten: Vergeblich haben zuerst die vornehmsten russischen Dichter und Schriftsteller, dann die hervorragendsten Vertreter der westeuropäischen Völker, Männer der Kirche, der Künste und Wissenschaften, der Politik, des Handels und der Industrie warnend ihre Stimme gegen das Ungeheuerliche erhoben, das sich in der Stadt des heiligen Wladimir vorbereitet. Es hat alles nichts geholfen. Der Prozeß ist weitergeschleppt worden, und schließlich hat sich eine Anklagekammer gefunden, die so wenig von der Schmach wußte, als die man ihren Beschluß in Westeuropa empfindet, daß sie ihr Siegel unter eine Anklage drückte, die eine Ausgeburt krassesten Aberglaubens und wildesten Rassenhasses ist. All das wäre unmöglich, wenn das russische Justizministerium eine Behörde wäre, die wirklich das Recht überall schützen will. Aber der Staatsanwalt, der mit seiner Anklage die Voraussetzungen für neue Progrome zu schaffen sucht, weih sehr wohl, daß er bei Herrn Schtscheglowitow Wohlgefallen findet. Es ist kein Zweifel, daß der Ministerpräsident Kokowzow an solchen Auswüchsen des altrussischen Asiatentums keine Freude hat, schon deswegen nicht, weil er die russischen Finanzen verwaltet, die doch zum nicht geringen Teil auf westeuropäische Märkte und zwar gerade auf jüdische Finanzleute angewiesen sind. Aber er ist über seine Kollegen ziemlich machtlos. Indessen liegen die Dinge doch so, daß ein Punkt erreicht ist, an dem die Geduld der europäischen Kulturwelt zu reißen droht, und die russischen Machthaber täten gut, sich beizeiten zu sagen, daß ihre Zugehörigkeit zu dieser Kulturwelt ihnen auch Pflichten auferlegt. Hilft der Appell an ihr Gerechtigkeitsgefühl nichts, dann wäre es wirklich angezeigt, wenn die Kreise der Finanzwelt, einem Staate, der die raffinierteste Barbarei schalten läßt, die Mittel zur Führung seiner Wirtschaft weigerten. Die Stimme der Menschlichkeit muß doch nicht in den Bankpalästen verstummen, um so weniger, wenn dort für diejenigen, denen diese Stimme Hilfe herbeirufen will, auch noch die Stimme des Blutes spricht. Die russische Regierung kann solchen Erwägungen nicht unzugänglich sein, und was von ihr erwartet wird, ist kein Eingriff in die ordentliche Rechtspflege, sondern umgekehrt eine Befreiung des , Rechts von politischen Umtrieben und eine Garantie dagegen, daß nicht das Recht gebeugt werde zugunsten der Parteileidenschaft und des Rassenhasses. Türkei. Der ermordete Großwesir der Türkei Mahmud S ch e fk e t Pascha hat bei mehreren Anlässen der Treue und der patriotischen Opferwilligkeit der türkischen Juden öffentliche Anerkennung gezollt. Als er vor einigen Monaten das Großwesirat in der furchtbaren, durch den Krieg geschaffenen Rot seines Landes antrat, fand er die Kriagskaffe fast leer und die Armeelieferanten drohten, ihre Lieferungen einzustellen, wenn die noch offen stehenden Rechnungen nicht beglichen würden. Da appellierte Mahmud an den Patriotismus der Juden und lud die jüdischen Lieferanten in das Ministerium ein. Er wünschte ihre finanzielle Mitarbeit und gab ihnen sein Soldatenwort, daß sie es nicht zu bedauern haben werden. Sie willigten sofort ein und anstatt die Zahlungen zu beanspruchen, auf die sie ein Recht hatten, lieferten sie Proviant im Werte von mehreren Millionen Piaster. Von da steigerte sich seine judenfreundliche Gesinnung zur Dankbarkeit und verfehlte seitdem keine Gelegenheit, seine beste Geneigtheit zu zeigen. Seine Gegner, die ihm seine philosemitischen Neigungen zum Vorwurf machten, widerlegte er, indem er die zahlreichen Beispiele von jüdischer Treue und Opferwilligkeit als Beweis vorführte. Noch einige Tage vor seinem Tode empfing er den Besuch des Grand Rabbin der Türkei, der bei ihm Beschwerde führte über die Hindernisse, die der Militärgouverneur von Jerusalem, dem Rabbi Jsaac S ch i k i, der als Abgesandter des Großrabbinats in Palästina eine Mission zu erfüllen hatte, in den Weg legte. Der Großwesir drückte seine Entrüstung darüber aus und versprach dem Grand Rabbin, daß er den Militärgouverneur mit bestimmten Instruktionen versehen und allen Wünschen des Grand Rabbin gerecht werden würde. Mahmud Schefket Pascha ermüdete nicht, dem Grand Rabbin zu versichern, daß sofort nach dem Friedensschluß die Regierung durch Taten ihre judenfreundliche Gesinnung beweisen werde, indem sie die Frage der Einwanderung der Juden in Palästina einer möglichst günstigen Lösung entgegenführen werde. Die Untersuchung betreffs des Mordes des Großwesirs hat ergeben, daß die Rädelsführer lies Komplotts berüchtigte Judenfeinde find. Die verhafteten Mörder bekannten, daß sie den Mord der beiden früheren jüdischen Abgeordneten Nissim Mazliaeh Effendi und Emanuel Carosso Effendi beabsichtigten und daß eine Bande gedungen gewesen sei, andere hervorragende Juden zu ermorden. Dieses Bekenntnis veranlaßte die Verhaftung von mehr wie 200 Leuten, unter denen die berüchtigtsten Judenfeinde sich befinden. Diese Enthüllungen haben natürlicherweise einen tiefen Eindruck auf die jüdische Gemeinde gemacht. In der Untersuchungskom-