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Das jüdische Blatt · 1913-06-27 · 26 (27.6.1913) · p. Seite 6

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
26 (27.6.1913)
Date
1913-06-27
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 Das jüdische Klatl. Nr 26. ficm, wie des Vorstandes durch die Zeugenaussagen der heutigen Verhandlung empfing, einer gerechteren Würdigung der Ansprüche nur förderlich sein. Österreich-Ungarn. Eine große Agudas-Isroel Versammlung in Galizien. Tarnow (Galizien). Gestern nachmittag fand hier eine Versammlung der hiesigen Ortsgruppe der „A g u d a s I i s r o e l" statt, die eine besondere Bedeutung durch den Umstand erhielt, daß ihr zwei Vertreter des provisorischen Komitees ans Deutschland anwohnen sollten. Dieser Umstand, in Verbindung mit einer im Anschlüsse an die Versammlung vorgesehenen Vertrau ensmännerversammlung hatte aus fast allen größeren galizischen Gemeinden Delegierte nach Tarnow geführt. Die große „Schiurstube" mit allen ihren Nebenräumen war denn bei Beginn der Versammlung auch längst überfüllt. Hunderte, die keinen Einlaß mehr finden konnten, mußte inan auf eine am Abend stattfindende zweite Versammlung vertrösten. Kopf an Kopf standen die Besucher, als sich die ehrwürdige Gestalt des Oberrabbiners Schnur erhob, um zunächst die Gäste, die zum Teil aus weiter Ferne herbeigeeilt seien, in herzlicher Weise zu begrüßen. Er wies auf das Kaiserjubiläum im benachbarten Staate hin und auf das gemeinfame Wirken der Gesetzestreuen beider Staaten auch in der Aguda. Stehe man auch noch am Anfang, so könne man doch sagen: Die Begeisterung, mit der der Gedanke der Agudo überall auf dem Erdenrunde ausgenommen worden sei, wo Juden wohnen, die noch auf dem Boden der Tauroh stehen, diese Begeisterung bürge dafür, daß die Aguda-Jdee siegreich zur Verwirklichung kommen werde. Als erster Redner nahm Herr Bankier G. H. L o e w y aus Rawitsch das Wort, um die Versammlung im Namen des provisorischen Komitees zu begrüßen. Er knüpfte an das in Kattowitz angenommene Programm an, um zu zeigen, wie sich das Komitee bemüht habe, dieses Programm Punkt für Punkt zu erfüllen. Freilich konnten es nur Anfänge sein, denn die Hauptsache, die Hauptarbeit des Komitees muß der O r g a n i s a t i o n heute noch gewidmet sein. Eine wirksame Unterstützung erhoffe das Frankfurter Komitee von der heutigen, so zahlreich besuchten Versammlung, zn der so bedeutende Männer aus allen Teilen Galiziens herbeigeeilt sind. (Lebhafter Beifall.) Das eigentliche Referat über „Z w e ck u n d Z i e l e d e r A g u d a s Israel" hatte Herr M. L o e b aus Berlin übernommen, das mit großem Beifall aufgenonnnen wurde. Einen außerordentlichen Eindruck hinterließen die Worte des Herrn Isaak T h u m i m aus Przemysl. Dieser, einer alten berühmten Gelehrtenfamile angehörende, selbst als Zierde der Orthodoxie und als Gelehrte in ganz Galizien geachtete Kaufmann, der niemals bisher an die Öffentlichkeit getreten war und gerade wegen seiner Zurückhaltung in öffentlichen Dingen bekannt war, trat mit seiner ganzen Persönlichkeit für die Ziele der Aguda ein. Wer drastischen Darstellungen der Bedeutung der Aguda als „das Judentum in ungeteilter und ungetrübter Form" hörte, der wurde von seiner Begeisterung mitgerissen, zumal sie von geistreichen exegetischen, witzigen, die Verhältnisse der galizischen Judenheit kraß beleuchtenden Bemerkungen gewürzt war. Agudas Israel betrachtete er als die Vereinigung, wo sich die scheinbaren Gegensätze zwischen Ost und West, zwischen Reich und Arm aufheben, wo aber auch die innerhalb der einzelnen frommen Gemeindemitglieder bestehende, zu Kämpfen aufreizende Unterschiede beiseite gelegt werden, um in allen nicht strittigen jüdischen Dingen einen festen Stein zu bilden. Seinen Ausführungen folgte ein lang anhaltender Beifall. Herr Dr. M unk- Lemberg, der sich der Organisation der Tagung mit außerordentlichem Eifer angenommen hatte und dem das Verdienst für ihren glanzvollen Verlauf mit in erster Linie zukommt, machte dann noch eine Reihe von Mitteilungen geschäftlicher Natur und brachte die zahlreich eingegangenen Vegrüßungstelegramme zur Verlesung. Das Schlußwort nahm Herr Rabbiner Schnur, der an die Anwesenden die Frage richtete, ob sie gewillt seien, der Aguda beizutreten. Ein einstimmiges Ja war die Antwort, und bald drängte sich die Menge um die Listen, die am Vorstandstische aufgelegt waren. Vor Schluß der Versammlung wurde noch bestimmt, daß für Hunderte, die keinen Einlaß gefunden hatten, am Abend in der „Sancer" *) Klauß eine neue Versammlung stattfinden würde. Ein Bild, würdig des Pinsels eines Rembrandt war es, das uns am Abend empfing, als wir die alte, geweihte Stätte betraten. Schon im Vorhof stauten sich die Massen, durch die kaum ein Weg zu bahnen gelungen wäre, wenn nicht die ehrwürdige Gestalt des Herrn Rabbiner Schnur vorangeschritten wäre. In der Klaus, einem alten, bei aller Einfachheit stilvoll wirkenden Bau drängte sich Kopf an Kops die Mengen. Sogar ans die Brüstungen der Fenster ringsum hatten sich unternehmende Jünglinge geschwungen, um von dort her den zu erwartenden Reden zu lauschen. Erwartungsvolle Spannung lag über dem Ganzen, und für uns Gäste, die wir auf dem Almemor Platz gefunden hatten, war es ein tief in die Seele cindringender Anblick, diese durchweg schönen, geistvollen Gesichter zu sehen, von denen die meisten den Stempel tiefer, innerlicher Religiosität sichtbar trugen. Die auf mächtigen Wandregalen stehenden, zahllosen stark benutzten Sforim zeugten dafür, daß die Klauß nicht nur eine Stätte des Gebets, sondern auch eifrigen Lernens ist. Hier konnte man auch einmal sehen, welch malerische Tracht der im Westen so verpönte „ S ch u b e z " abgibt, wenn er aufhört eine Ausnahme zu sein, und wer, der für malerischen Reiz nur im geringsten empfänglich ist, hätte aus den feingeschnittenen Charakterköpfen der Männer, von den blühenden Gesichtern der Kinder die so viel genannten „Pajes" hinwegwünschen mögen? Nach Verrichtung des Minchagebets nahm Herr Rabbiner Schnur das Wort, um in kerniger Weife auch hier auf die Tätigkeit der Aguda für ganz Israel hinzuweisen. Ihm folgte Herr T h u m i m - Przemysl, der, wie am Nachmittage, in der ihm eigenen geistvollen Art, unter Zugrundelegung von Schriftstellen für die Aguda warb. Es machte einen mächtigen Eindruck auf die Versammelten, als der Redner auch hier betonte, wie er, der bei allen jüdischen Vereinen seit langem Mitglied sei, es immer strikte abgelehnt habe, in irgend einem Verein eine Ehrenstellung anzunehmen. Hier aber habe ihn eine innere Macht getrieben, sich von selbst in die vorderen Reihen zu stellen, und was er an Kräften übrig habe, werde dieser Bewegung gehören. Herr L o e b - Berlin nahm noch das Wort zu einer kurzen Ansprache, um darauf hinzuweisen, daß unsere Gegner von allem Anfang an die Prophezeiung aussprachen, die Aguda werde schon daran scheitern, daß zwischen O st und W e st u n ü b e r b r ü ck b a r e Gegensätze auch innerhalb der Orthodoxie b e st e h e n. Die Tagung in Kattowitz ') Sancer — Abkürzung von Sander.

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