Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 26 (27.6.1913)
- Date
- 1913-06-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Nr. 26 Das jüdische Klatt. dein Gedanken der Aguda nicht nur freundlich, nein, geradezu begeistert zustimmt, und diesem Volkswillen werden sich die Spitzen unseres Verwaltungskörpers auch fugen müssen. Persönliche Gegensätze und sonstige Kleinlichkeiten, die bislang mitgespielt haben, sind dem Volkswillen gegenüber belanglos, und werden von diesem hinweggefegt. Dieser Volkswille war auch sehr entrüstet, daß die erwähnten persönlichen Gegensätze es nötig machten, daß Altona am gleichen Tage eine separate Ortsgruppe der Agudas Israel gründete. In allen Fragen der großen jüdischen Oeffentlichkeit, wie Verband der Sabbatfreunde, Freie Vereinigung usw. usw., sind Hamburg und Altona, die doch räumlich, wenn auch nicht politisch zusammengehören, bisher stets gemeinsam vorgegangen, und so wird auch sicher ein Weg gefunden werden, diese beiden Ortsgruppen trotz der noch bestehenden Widerstände von oben, zu einer einzigen zu verschmelzen. An dem bisher erzielten Erfolge haben Sie, geehrter Herr Redakteur, einen wohlverdienten Anteil, worüber sich besonders freut Ihr ganz ergebener X. X. -- Antisemitisches im Reichstage. Die zweite Beratung der Wehrvorlage im Reichstage brachte die Frage der Gleichberechtigung in der Armee zur Erörterung. Es kam zu scharfen Auseinandersetzungen, in denen der Kriegsininister mehrfach eingriff, um die Sonderstellung als Garde zäh zu verteidigen. Als bald darauf die Ehre der jüdischen Soldaten von antisemitischer Seite angegriffen wurde, blieb der Kriegsminister stumm. Der konservative Abgeordnete v. Graefe — Sohn des berühmten liberalen Gelehrten — und der antisemitische Abgeordnete Dr. Werner — ein Pädagoge — konnten es sich nämlich nicht versagen, bei der Beratung der Wehrvorlage gemeine Ausfälle gegen die Juden zu richten. Werner warf den jüdischen Soldaten Feigheit vor, stellte sie als Fremdkörper in der Armee hin, zweifelte deren Pflichterfüllung in Kriegszeiten an. Wir brauchen uns dabei nicht aufzuhalten. Diese unflätigen Reden richten sich von selbst. Die Gewohnheit der Antisemiten, historische Tatsachen zu verdrehen, ist zu bekannt, als daß sie widerlegt zu werden brauchen. Die Juden haben in allen Kriegen von 1813 bis 1870 ihre Pflicht getan. 1870/71 erhielten nicht weniger als 397 Eiserne Kreuze und 84 sonstige Orden für Verdienste im Felde. Diese pöbelhaften Angriffe fanden denn auch sofort im Reichstags eine kräftige Widerlegung. Außer den Sozialisten Heine und B e r n st e i n ist ihnen der Abgeordnete des Zentrums Erzb e r g e r entgegengetreten. Ich spreche es offen aus, sagte er, daß mir jede Zuriicksetzung um der Religion willen verabscheuungswürdig erscheint. Jeder ist g l e i ch b e r e ch t i g t, auch die Juden. Das sind Äußerungen von seiten des Zentrums, die wir uns gerne merken. Aber der Antisemit Werner hätte auch vom Regierungstisch abgeführt werden müssen. So ganz in allem Unrecht hat er übrigens nicht. Er sagte nämlich: Der Antisemitismus ist keine Parteisache. Wenn alle Antisemiten hier im Hause meine Parteigenossen wären, so wäre meine Partei die größte. Das letztere ist nur zu wahr. -^- Brief vom Lande. LXXir. Hurra! Ich habe eine grandiose Idee. Etwas ganz Modernes. Sie wissen doch, wir leben in der Zeit für Fachschulen. Alles spezialisiert sich; es gibt ja gar nichts, was heutzutage nicht gelernt werden kann. Und da wäre es vielleicht gar nicht so ohne, wenn man eine richtige Rosch Hakohol-Schule ins Leben rufen würde. Natürlich lachen Sie wieder; das ist billig, mein lieber Herr. Und schon höre ich Ihre alte, ewig junge Frage: Wer soll denn das Geld dafür aufbringen. Nun. vielleicht sind Sie meiner Idee schon etwas geneigter und gnädiger gestimmt, wenn ich Ihnen verrate, daß diese Parnossimschule gar kein Geld kostet und einfach schon da ist. Jetzt möchte ich aber Ihr Ponim sehen. Hu! „Halten Sie nnch bitte nicht zum Besten, Sie Unschuld vom Lande!" Gemach, tue ich auch gar nicht, aber Sie lassen einen ja nie ausreden. Ja wohl, diese Fachschule existiert. Sehen Sie sich doch einmal in der Welt um. Kommt es wohl vor, daß einer so mit zwei Füßen in ein Parlament hineinhüpft. Nein, wenn er nicht gerade ein Genie ist (so wie Sie etwa), muß er doch vorher sich in kleineren Verbänden, Bezirksvereinen, Distriktsrat, Landrat, Kreistag und wie die schönen Dinger alle heißen inögen, gründlich bewährt haben. Nun, sehen Sie wohl, so etwas Aehnliches möchte ich bei uns haben, oder, da wir es schon haben, fleißig benutzt sehen. Unsere Rosch Hakohol- Schulen sollen die Vereine, die Chevros sein. Da mühte einer erst gezeigt haben, daß er es versteht, für das allgemeine Wohl zu arbeiten, seine eignen Neigungen dem Ganzen unterzuordnen und zu führen. In diesen Schulen kann man wacker viel lernen, unter anderem auch den Undank der Menge, mit dem sich wohl jeder abfinden muß. Man kann ferner ein Bissel Finanzpolitik lernen, das heißt hierzulande ein Verhältnis herzustellen zwischen den vorhandenen Mitteln und den geplanten Ausgaben. Aber in verschiedenen Vereinen, den Einzelkursen meiner Parnossimschule, müßte man gelernt haben; denn, wissen Sie, die Vereine haben doch wohl jede eine einzelne Ausgabe, die einen die Wohltätigkeit, die anderen das Lernen (oder, wenn Ihnen das Wort besser gefallen sollte, die Wissenschaft), die einen das Beten, die andern das Begraben und schließlich auch solche, welche die Geselligkeit auf ihre Fahne schreiben. Wenn man nun in jedem Kurs etwas gelernt hat, dann erst wird man kapieren, daß die Gesamtheit dieser Aufgaben die Gemeinde ist, und dann wird man als Rosch Hakohol allen diesen Aufgaben gerecht werden. Und das wird eine Pracht sein. Na, in welchem Kurs halten Sie denn? Bitte teilen Sie dies baldigst mit Ihrem« Rosch Hakohol. Deutschland. Aus aller Welt. V I. Verbandstag des D. I. Gemeindebundes. Berlin. Am 22. Juni fand im Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde der VI. Verbandstag des D. I. G. B. Auf der Tagesordnung stand: 1. Normalvertrag für die Geineindebeamten. 2. Schiedsgericht für Streitigkeiten zwischen Gemeinden und ihren Angestelltem 3. Die öffentlichen jüdischen Volksschulen. 4. Einführung einer amtlichen Inspektion für Religionsschulen. Referent für den ersten Punkt war Prof. Tür k. Er schilderte die traurige Lage, in welcher sich der deutsche Lehrerstand befindet, und betonte, daß dringende Abhilfe nötig sei.