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Das jüdische Blatt · 1913-06-27 · 26 (27.6.1913) · p. Seite 3

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
26 (27.6.1913)
Date
1913-06-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2fi Das jüdische Kiatt. 3 Wissen ausgestatteter und von jüdischem Pflichtgefühl erfüllter Lehrer kann in einer jüdischen Schule auf ganze Generationen jüdisch-erzieherisch wirken. Sehr viel Gutes kann zwar auch ein Religionslehrer stiften. Aber zur vollen Entfaltung kommt die Wirksamkeit des Religionslehrers erst dann, wenn er zugleich der Lehrer seiner Schüler in allen Schulfächern ist. Die Autorität des Lehrers wächst, sein Wort hat eine besondere Stoßkraft, jüdischer Geist und jüdisches Gefühl durchdrängt alle Fächer. Das sind alles bekannte Dinge, über die kein Wort zu verlieren wäre. Die Grohgemeinden jedoch, die im D. I. Gemeindebunde sind, nehmen mit aller Entschiedenheit gegen jüdisch-konfessionelle Schulen Stellung. Es ist ihre Sache, um zu sagen, was für Gründe sie bewegen. Denn wenn man behauptet, die Gründung jüdisch-konfessioneller Schulen widerspreche dem Programm der liberalen politischen Parteien, die für Simultanschulen eintreten, so können wir deren Begründung nach drei Hinsichten nicht erkennen. Erstens ist auch die Simultanschule durchaus nicht eine Laienschule, sondern eine christliche Schule, wo äußerst selten ein jüdischer Lehrer angestellt wird. Zweitens stehen wir vor der prinzipiellen Frage: Haben für unsere religiösen Bedürfnisse die politischen Parteiinteressen den Ausschlag zu geben? Wir möchten diese Frage entschieden verneinen. Drittens haben wir mit den gegebenen gegenwärtigen Verhältnissen zu rechnen, nach welchen die konfessionelle Volksschule in den weitesten Gebieten Deutschlands festgestellt ist. Es scheint daher absonderlich, daß die jüdischen Großgemeinden aus politischen Bedenken sich gegen jüdische Volksschulen aussprechen. Ist doch gerade in Großgemeinden das Bedürfnis nach jüdischen Volksschulen ein dringendes Bedürfnis infolge der zahlreichen jüdischen Ausländer, die dort angesiedelt sind, und deren Kinder vielleicht nur durch jüdische Schulen dem Judentum erhalten werden können. Vielleicht spricht gerade diese Erwägung bei dem Verhalten der Großgeineinden mit: sie wollen nicht die finanziellen Mittel der Gemeinde zu einem großen Teil in den Dienst der „Ausländer" stellen. Da aber bekanntlich die Großgemeinden in der Leitung des D. I. Gemeindebunds ausschlaggebend sind, ist von vornherein vom D. I. Gemeindebund in der Förderung der Gründung jüdischer Volksschulen nicht viel zu erwarten. Der Gemeindebund fühlt aber, daß er sich in dieser wichtigen Frage in schroffem Gegensatz mit den Lehrern und den wahren Interesses der mittleren und kleineren Gemeinden befindet. Das soll nicht sein. Darum mußte auf die Wunde ein Pflaster gelegt werden, das den Großgemeinden nichts schadet, und den anderen Gemeinden nichts nützt. Es wurde nämlich ein vermittelnder Antrag angenommen (siehe den betreffenden Artikel in „Aus aller Welt"), dessen wichtigster Absatz der letzte ist, der lautet: Neue jüdische Volksschulen in großen Städten sind nicht e i n z u r i ch t en. Gerade in großen Städten aber wäre wegen der zahlreichen weniger wohlhabenden jüdischen Bevölkerung, die Gründung solcher Schulen am notwendigsten; gerade an diesen lebensfähigen jüdischen Volksschulen könnten zahlreiche jüdische Lehrer Anstellung finden. Der vermittelnde Antrag sagt dann noch im zweiten Absatz: Neue jüdische Volksschulen sind in kleineren Gemeinden einzurichten, wenn sie notwendig sind. Nun, man kann sich im voraus eine Vorstellung davon machen, wie selten der D. I. Gemeindebund bei dem bei ihm maßgebenden und vorherrschenden Einfluß der Großgemeinden die Notwendigkeit der Gründung jüdischer Volksschulen in kleineren Gemeinden als erwiesen anerkennen wird. Zu unserem Bedauern müssen wir unser Urteil dahin zusammenfassen, daß uns der auf der 6. Tagung des Verbandstags des D. I. G. B. angenommene Vermittelungsvorschlag nur eine Bestätigung dafür zu sein scheint, wie wenig freundlich der D. I. G. B. der allgemeinen Forderung der jüdischen Volksschulen gegenüber steht. -- Kamburg ist erwacht! Sehr geehrter Herr Redakteur! Zunächst meinen herzl. Dank, daß Sie meinen jüngsten Zeilen unter der Ueberschrift: „Hamburg wache auf" gastliche Aufnahme in Ihrer Zeitung gewährt haben. Der Artikel ist, wie ich zu meiner Genugtuung konstatieren konnte, viel gegelesen und viel kommentiert worden, und da wohl niemand vermutete, daß ich — gerade ich — der Verfasser solcher schrecklichen Angriffe gegen die Gemeinde, der ich doch auch angehöre, richten würde, so konnte ich die absonderlichsten und ergötzlichsten Urteile über meinen Artikel vernehmen! Was mich aber am meisten dabei erfreut hat, ist der Umstand, daß fast alle darin übereinstimmten: Der Mann hat Recht — aber das schreibt man doch nicht in alle Welt hinaus! Nun, darin bin ich eben anderer Ansicht, und der Erfolg hat mir Recht gegeben. Ich freue mich daher doppelt, meinen heutigen Aufsatz mit der Ueberschrift versehen zu können: „Hamburg ist erwacht". — Ob dazu meine Mahnworte beigetragen haben, weiß ich nicht; jedenfalls hat Hamburg innerhalb fünf Wochen zwei imposante Versammlungen des größten Teils der hiesigen in seinen Mauern gesehen, und das will doch schon etwas besagen. Ueber die erste Versammlung, welche pch mit den Richtlinien beschäftigte, haben Sie schon berichtet. D-e zweite fand am vergangenen Sonntag, 4. Mai, unter Beteiligung von 700—800 Personen statt, und galt der Gründung e'.ner Ortsgruppe der Agudas Israel. Das Komitee hatte die Herren Dr. M. Hildesheimer-Berlin, I. Rosenheim-Frankfurt a. M. und Moritz A. Loeb- Berlin berufen, und deren zündenden Worten, sowie den eindringlichen Ermahnungen des greisen Herrn Rabbiuer Dr. Carlebach gelang es, Begeisterung für das Aguda- Problem zu erwecken, so daß sich eine große Zahl der Anwesenden sofort als Mitglieder eintrugen. Die konstituierende Versammlung der Ortsgruppe wird, so Gott will, am 13. Mai stattfinden. Freilich — trotz des imposanten Verlaufes der beiden Versammlungen — hätte der Erfolg ein noch ganz anderer sein können, ein größerer sein müssen, wenn außer dem Volk, welches wie gesagt energisch sein Erwachen betätigt hat, auch seine berufenen Führer und Leiter schon erwacht wären, wenn diejenigen, deren Pflicht es gewesen wäre, in beiden Angelegenheiten die Initiative zu ergreifen, nicht völlig versagt hätten. So kam es, daß in beiden Versammlungen die Spitzen unserer jüdischen Behörden vollständig fehlten, die wichtige Angelegenheiten totzuschweigen oder gar zu vereiteln, zum mindesten aber auf die lange Bank zu schieben suchten, so daß wie bei^-,2^ xi^i auch hier die Geführten ihre Führer führen mußten. Die jüdische Einwohnerschaft Hamburgs zeigte, daß sie gewillt war, ihrem scharfen Protest gegen die Richtlinien Ausdruck zu geben, sie zeigte, daß sie 0 Unlieb verspätet.

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