Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 25 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25. 7 Das jüdische Matt. schild als Kassier des Emigrationsdepartements, Lucien Wolf, M. A. Spielmann und Cahn aus London, Leo Brodsky, der aus dem Beilis-Prozeß bekannte Advokat Margolin und Dr. Jochelmann (Kiew), ferner die Herren Schapiro und Ingenieur Trop aus Baku usw. Nach der Begrüßungsansprache Zangwills hielt Jakob H. Schiff ein äußerst interessantes Referat über die jüdische Emigrationsbewegung via Galveston, welche seiner Meinung nach gegenwärtig das einzige ist, das dem gesamten jüdischen Volke zum Glücke gereichen kann. In Amerika, erklärte Schiff, befinden sich gegenwärtig zwei Millionen Juden, von denen in Nerv-Park allein eine Million lebt. Es ist kein Zweifel, daß in Texas noch Platz für zwei Millionen Juden ist, die zusammen mit den bereits dort anwesenden zwei Millionen Juden eine große politische Macht darstellen könnten, welche für die Juden der ganzen Welt von großem Nutzen wäre. Schiff hält es für seine Pflicht, zu erklären, daß die Jto die Galveston-Arbeit in geradezu idealem Sinne geführt hat, und es wäre sein Herzenswunsch, daß diese Arbeit auch weiter von der Jto geführt und nicht der Jca übergeben werde. Allerdings müßte die Jto jene Mittel, die zur weiteren Führung des Galvestone-Werkes in Rußland notwendig sind, selber bestreiten, da er, Schiff, laut des amerikanischen Gesetzes, für eine solche Tätigkeit in Rußland keine Mittel zur Verfügung stellen darf. Diejenigen Mittel hingegen, welche sich auf den in Amerika abspielenden Teil des Jto-Werkes beziehen, wolle er, Schiff, nach wie vor zur Verfügung stellen. Leo Brodsky dankt Schiff für die angeführten Erklärungen, schildet mit bewegten Worten die traurige Lage der Juden in Rußland, die nur durch eine rationelle Emigrationstätigkeit ein Ende nehmen könne. Er spricht den Wunsch aus, daß die Juden in Texas nicht in zu kleinen Gruppen verteilt werden, sondern im Gegenteil konzentrisch kolonisiert werden mögen, damit sie mit der Zeit eine kulturelle Autonomie erlangen können. Er sprach auch den Wunsch aus, daß in Zukunft nicht nur Handwerker, sondern auch jüdische landwirtschaftliche Kolonisten aus Rußland nach Texas gebracht werden. Er gibt die Erklärung ab, daß er bereit ist, die Hälfte der Kosten der Galveston-Tätigkeit in Rußland auf sich zu nehmen und diese auch für die Zukunft sicher zu stellen. Nach dieser mit stürmischem Beifall aufgenommenen Erklärung meldet sich Baron Leopold de Rothschild zum Worte und erklärt, daß er und seine Brüder bereit sind, die zweite Hälfte der Kosten in Rußland aus Eigenem zu decken. Hierauf wurde der einhellige Beschluß gefaßt, von einer Uebergabe des Galveston-Werkes an die Jca abzusehen, sondern es in weit ausgedehnterem Maße auch weiterhin unter der Aegide der Jto zu führen. Nachdem das Budget des Emigrations-Departements für das kommende Jahr festgestellt war, wurde die bedeutsame Sitzung geschlossen. Rutzland. Vom Beilisprozeß. Die scharfe Kritik, die die berühmtesten europäischen Gelehrten an dem Gutachten des russischen Professors S i k o r s k i über den rituellen Charakter von Justinskys Mord übten, macht trotz allem sogar auf die russischen Reaktionäre einen starken Eindruck. Das Kiewer Gericht hat zwar in geheimer Sitzung beschlossen, den Beilisprozeß mit der Anklage auf rituellen Mord zu führen. Aber die Drahtzieher, die hinter den Kulissen an dieser berüchtigten Prozeßführung arbeiten, sind weder ihrer Sache sicher noch in ihrem Gewissen ruhig. Dies geht aus zwei Tatsachen hervor. Erstens hat in Petersburg eine Versammlung reaktivn ä r e r D u m a a b g e o r d n e t e n, an der mehrere hohe Justizbeamte und Mitglieder der höchsten Gesellschaft teilnahmen, eine Petition an den Justizminister gerichtet, den Beilisprozeß ohne Teilnahme von Geschworenen zu führen und an den Minister des Innern das Gesuch geschickt, der Presse Erörterungen über den Ritualmord und eine Kritik des Untersuchungssystems zu untersagen und während der Prozeßverhandlungen eigene Preßzensur und Gerichtsberichte einzuführen. Die Reaktionen planen also nichts Geringeres als diesen unerhörten Prozeß unter Ausschluß der Oesfentlichkeit zu führen, also Knebelung der Oesfentlichkeit. Zweitens: Die Reaktionäre suchen in ihrer Presse den Eindruck der vernichtenden Kritik der berühmtesten europäischen Gelehrten an dem Sikorski'schen Gutachten durch Fälschungen abzuschwächen, die sie in ihrer Presse veröffentlichen. So erschienen im „Kolokol" und in der „Nowoje Wremia" Korrespondenzen aus Wien, nach denen die Wiener Professoren Wagner, Hoberda und Obersteiger versicherten, der verstorbene Rigaer Gelehrte Dr. S ch ö n f e l d habe ihre Gutachten in seinem Gutachtenbuche über den Ritualmordprozeß (Beilis) nicht richtig wiedergegeben. Darauf schreibt Professor Wagner im „Kiewmisl", Dr. Schönfeld habe mit seinem Gutachtenbuch ein sehr verdienstliches Werk vollbracht. Schönfeld habe keines Gelehrten Meinung beeinflußt. Das Einzige, was er getan hat, war, daß er Likorskis Gutachten aus dem russischen übersetzte. Dies genügte zur Orientierung. Seine (Wagners) Meinung sei in Schönfelds Buch buchstäblich abgedruckt. Kein Wort sei geändert. Aehnlich äußert sich Professor Hoberda. Der „Kolokol" hatte versichert, nach Einsichtnahme in alle Akten und Dokumente habe er seine Ansicht über Likorskis Gutachten geändert. Darauf erwiderte Hoberda im „Kiewmisl", niemals habe er zu Likorskis Gutachten sein Einverständnis erklärt. Seine scharfe Kritik über dieses Likorskische Gutachten sei in Schönfelds Buch ganz richtig wiedergegeben, und wenn „Kolokol" in Hoberdas Namen Meinungen veröffentliche, die er (Hoberda) niemals geäußert habe, fo sei das unehrlich und taktlos. Aehnlicy hat sich Prof. Obersteiger ausgesprochen. Wenn die schwarzen Hundert schon zu solchen zweifelhaften und verfehlten Mitteln greifen, so müssen sie von der Treffsicherheit ihrer Beweisgründe wenig überzeugt sein. Schweiz. Basel. Bericht des Auskunftsbureaus für jüd. Auswanderer in Bafel über feine Tätigkeit vonr 1. Januar bis 31. Dezember 1912, erstattet von I. Bo l l a g - Feuchtwanger. Während die allgemeine Emigration über Basel im Jahre 1912 um fast das Doppelte gegenüber dem Vorjahre gestiegen ist, 60 575 gegenüber 31 952, weist die jüdische Emigration, die ihren Weg über unsere Stadt nahm, nur ein Mehr von 398 Seelen auf, 5482 gegenüber 5084 im Vorjahre. Auf unserem Bureau sprachen 949 Personen vor, denen wir Schiffs- und Bahnkarten im Betrage von über 100 000 Franken besorgten und die wir, soweit nötig, auch mit Kleidern versahen und für Verpflegung sorgten. Von diesen 949 Emigranten hatten 492 zum Reiseziel die Vereinigten Staaten, 225 Canada, 201 Argentinien und 41 gingen nach Paris und London. Die Ueberfahrtspreife nach Argentinien sind im Jahre 1912 gegenüber dem Vorjahre um