Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 25 (20.6.1913)
- Date
- 1913-06-20
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Das jüdische Matt. Nr 25 Aries vom Lande. UXXI. Schön war's beim Aufbleibe« sicher. Es wurde gesagt und geredet. Und die Kaffeepause war auch hübsch lang. Da haben wir so manches Thema berührt, ich sage Ihnen, es war mächtig interessant. Auch manches ernste Wort ist gefallen von der Not der Zeiten. Ach du mein lieber Himmel, es hat ja jeder sein Päckchen Sorge, aber manches Mal denkt uran doch ans Allgemeine und so kam das Gespräch auch auf die Fürsorge für die Kranken. Da liegt entschieden inanches noch im argen. Warum muß denn aus allem ein Geschäft gemacht werden? Ich denke dabei nainentlich an die Elendesten unter den Elenden, an die Irren. Warum gibt es noch keine Anstalt, die solche Kranke wenigstens für die Verpflegungssätze aufnimmt, welche die staatlichen Anstalten berechnen. Ich finde — die ehrwürdigen Herren Rabbiner mögen es mir verzeihen — da wird heillos leicht gepaskent. Denn vielen dieser Kranken wird es bitter schwer, Verbotenes zu genießen. Ach ja, ich weiß, die großen Kosten für unsere Privatanstalten sind schwer aufzubringen, aber sollte ganz ^Deutschland nicht in der Lage sein, eine Anstalt zu errichten, die mit dem Selbstkostenpreis zufrieden ist. Das wäre ein Skandal. Und mit Krankenhäusern ist es oft ähnlich bestellt. Ich hätte wieder einmal eine Idee. Wie wäre es, wenn alle Krankenvereine, alle frommen Bruderschaften, alle Frauenvereine sich zusammentäten, um endlich einmal diesem Mangel abzuhelfen. Das wäre gescheiter, wie die Admassierrung von Kapitalien. Und wir wollen uns doch nicht täuschen! Die Zahl der Nervenleidenden, auch in den Kreisen der Armen, nimmt täglich zu — auch auf dem platten Land. Da könnten Stadt und Land Zusammenarbeiten. So wenigstens 'ist die Meinung Ihres Rosch Hakohol. Aus aller Mett. Deutschland. Berlin. Wie bekannt, hat das Pro-Falasch-Komitee im vergangenen Sommer beschlossen, Herrn Dr. Faitlovich zum dritten Male nach Abessinien zu senden. Er sollte zunächst unter den dortigen Glaubensgenossen eine von ihm in amharischer Sprache verfaßte Schrift verbreiten, die dazu geeignet ist, die Falaschas im Glauben zu stärken und in dem ihnen von der christlichen Mission ausgezwungenen Kampfe zu ermutigen. In der Schrift ist ferner die Ankündigung enthalten, daß demnächst eine Schule in Erytrea eröffnet werden soll, in der jüdische Falaschas in der jüdischen Religion und in der von ihnen so sehr gewünschten hebräischen Sprache Unterricht erhalten werden. Es soll ferner die Aufgabe des Herrn Dr. Faitlovich sein, unter den Falaschas eine Anzahl begabter junger Leute auszuwählen, die gewillt wären, sich zu Lehrern ihrer Glaubensgenossen auszubilden. Mitte Dezember konnte Dr. Faitlovich Europa verlassen. Nach kurzem Aufenthalt in Alexandrien, wo er ebenfalls propagandistisch mit Erfolg tätig war, begab er sich nach Jerusalem, wo in der Schule des Hilfsvereins der deutschen Juden der junge Falascha Jeremia Getis ausgebildet wurde, und holte diesen ab, damit er ihn auf seiner Reise begleite. Die italienische Regierung zeigte auch dieses Mal das größte Entgegenkommen und stattete Dr. Faitlovich mit ausgezeichneten Empfehlungen an die Behörden der Kolonie aus. Der Gouverneur von Erytrea erklärte sich auch bereit, den Grund und Boden für die zugunsten der Falaschas zu errichtende Schule unentgeltlich zu gewähren. Ueber den Ort', an dem die Schule errichtet werden soll, konnte zunächst noch keine Einigung erzielt werden, da Dr. Faitlovich genötigt war, nach dem Innern von Abessinien zu gehen, ehe dort die Regenzeit einbrach und ihm das Reisen unmöglich machte. Beiseiner Ankunft in Asmara fand Dr. Faitlovich ein Schreiben der Falaschas vor, in dem sie seine lange Abwesenheit aufs tiefste beklagen und ihn beschwören, so rasch wie möglich wieder in ihren Gemeinden zu erscheinen, sie aufzurichten und nicht länger zu dulden, daß sie zum Spielball der christlichen Missionäre werden. Der neue Hilferuf machte auf ihn, ganz besonders aber auf seinen Begleiter Getis, einen tiefen Eindruck. In einem rührenden Schreiben in hebräischer Sprache fleht der junge Abessinier den Präsidenten des Pro- Falascha-Komitees, Dr. Margulies (Florenz), seinen früheren Lehrer an, ihn und seine Landsleute nicht zu verlassen, Mitleid mit ihnen zu haben, damit sie sich nicht verlieren vom Ueberrest des jüdischen Volkes und nicht zu verlassen brauchen die Thora, welcher sie seit Jahrhunderten auch unter schweren Leiden treu anhängen. Wir haben jetzt vernommen, daß unsere Feinde, das sind die Missionare und Verführer, in größerer Zahl darauf aus. sind, uns zum Glaubenswechsel zu bewegen. Die Mission hat jetzt eine neue Station in Gondar errichtet. Wir hoffen auf die Hilfe und das Mitleid unserer Glaubensgenossen, damit wir gerettet werden können vor den Feinden unserer Nation." Die beiden Vertreter des Pro-Falascha-Komitees begaben sich unter dem Eindruck dieser Schreckensnachricht sofort auf die Reise und beschleunigten sie so sehr, wie das in jenen unwegsamen Gegenden möglich ist. Am 27. März erhielt Dr. Margulies aus Dobarek ein Schreiben von Dr. Faitlovich, das wie folgt lautet: „Ich benutze die Anwesenheit eines Kuriers nach Adua, um Ihnen mitzuteilen, daß ich bereits vor zwei Wochen Adua verlassen habe und auf dem Wege nach Amhara bin. Auf der Reise habe ich einige Falascha-Gemeinden in der Provinz Tigre besucht. Ich kann Ihnen die Freude, welche jene unglücklichen Glaubensgenossen über meinen Besuch empfanden, jetzt nicht schildern, da der Kurier die größte Eile hat. Letzten Sonntag verließen wir Tigre. Um hierher zu gelangen, hatten wir drei Tagereisen durch die Wüste zu marschieren, wobei wir schrecklich viel gelitten haben. Gott sei Dank aber haben wir nun den Marsch gut Überstunden. Morgen bin ich wiederum unter den Falaschas in der Gemeinde Masquelicho, wo ich den Sabbat verleben werde. Von dort aus werde ich eine Falascha-Gemeinde nach der anderen besuchen, bis ich schließlich nach Gondar komme. Von Gondar folgt ein ausführlicher Bericht." Hoffen wir, daß dem mutigen Missionar, den unsere besten Wünsche begleiten, das Werk an den Falaschas recht gut gelingt! England. Die Galveston-Lmigration und die Ito. London. Am 30. Mai fand bei Baron Leopold de Rothschild unter Vorsitz Israel Zangwills eine sehr wichtig? Beratung des Emigrationsdepartements der Jto statt. An der Beratung nahmen teil: der bekannte Philantrop und Finanzier Jakob H. Schiff aus New-Pork, Baron Leopold de Roth-