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Das jüdische Blatt · 1913-06-20 · 25 (20.6.1913) · p. Seite 4

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
25 (20.6.1913)
Date
1913-06-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Das jüdische Statt. Nr. 25. und Passivvermögeiis nach Kopfzahl unmöglich ist wegen der verschiedenen Steuerveranlagung, so wäre doch unseres Erachtens folgender Vorschlag wenigstens diskutabel. Das Gemeindevermögen wird nach Prozenten der im jüngsten Jahre gezahlten Steuer r e ch n u n g s in ä ß i g verteilt, ebenso die Schulden. Der rechnungsinäßige Ertrag wird dein Konto der neu sich bildenden Gemeinde bzw. der Nachbargemeinde gutgeschrieben, bzw. bei einer Unterbilanz abgeschrieben. Es steht beiden Kontrahenten frei, die Summe durch einmalige Zahlung nach Barrentenberechnung abzulösen. Für die Verwaltung der bisher bei der einheitlichen Gemeinde domizilierten« Stiftungen wird eine gemischte Konunission eingesetzt. Bei alledem jedoch soll schiedsrichter- > liche Auseinandersetzung zunächst versucht werden. Wir haben hierbei die Frage außer acht gelassen, wie weit überhaupt u. A. eine Kultusgemeinde als die mit Rechtsnachfolge begabte Fortsetzung der alten Kultusgemeinde erscheinen kann. Denn das ist eine innerkirchliche Frage, für die in einer Kultusgemeindeordnung kein Raum ist. Gäbe aber der Staat die Austrittsmöglichkeit in der Form, daß 8 24 des Judenedikts, welche die Einheitsgeineinde nach Anschauung der meistens Rechtsgelehrten postuliert, aufgehoben wird, dann muß eine Vermögensauseinandersetzung erst recht erfolgen. Und eine Austrittsmöglichkeit nach religiöser Differenzierung erscheint uns, wie schon oft gesagt, als ein innerkirchliches Faktum in des Wortes vollster Bedeutung. (Forts, folgt.) Die Hürkei und die Juden. Die Türkei ist heute in Auflösung. Wird sie Hinsterben oder nuferstehen? Wird sie, aus Europa verdrängt, die Einsicht und Kraft gewinnen, das Reich neu und stark in Asien aufleben zu lassen? Die Blicke der ganzen Welt sind auf sie gerichtet. Fast alle europäischen Großmächte nähern sich ihr mit dem Anerbieten selbstsüchtiger Hilfe. Alle haben sie ihre besonderen Pläne und Hoffnungen in bezug auf ihre Zukunft und Schicksale. Ja, sie wetteifern mit ihr selber, um sich die Zuneigung der gemischten Bevölkerungseleinente des ungeheuren asiatischen Gebietes zu erwerben. Rußland denkt an die Armenier, Frankreich besinnt sich aus sein Protektorat über die Schulen und Kirchen, England rechnet auf die Sympathie der Araber, Deutschland baut auf seine verpfändeten und gesicherten Interessen in Kleinasien; alle stellen ihre Rechnung auf und wollen sich vor dem etwaigen Konkurse eine Hypothek sichern. Da ist es denn nicht befremdlich, daß auch der jüdische Bevölkerungsteil dieses Ländergebiets in den Augen der Großmächte und der Türkei Wert und Bedeutung erhält. Während Frankreich sein Protektorat über die Schulen, auch auf die jüdischen Institute in Palästina auszudehnen sucht, erinnern sich deutsche Politiker, daß ein großer Teil der in Palästina ansässigen Juden ein deutsches Jargon spricht und dadurch geeignete Vermittler deutscher Interessen werden - könnten und England pocht auf seinen Einfluß in Arabien. Am wichtigsten scheint uns aber, daß die Türkei selber zu der Erkenntnis gelangt, was für eine Bedeutung ihre jüdischen Untertanen für ihre zukünftige Entwickelung haben können. Die osmanischen Juden haben in diesen schweren Zeiten vielfache und gewichtige Beweise eines echten Patriotismus gegeben, sie haben im Kriege tapfer nntgekämpft, und y Vgl. dagegen Heinsberger, S. 102 ff. in den verloreneil Provillzen mit Bedauern ihre osmanische Nationalität ausgegeben. Mit welcher ernsten Ergebung in ein unabwendbares Geschick haben liur die Juden von Saloniki den Einzug der siegreichen Griechen in die Stadt erlebt. Dieses Verhalten hat Eindruck auf die türkischen Regierungskreise gemacht . Nun gilt es, die Wunden des Krieges zu heilen. Alle Kräfte muß der Staat anspannen, um den drohenden Verfall abzuwenden. Er weih, daß er auf seine jüdischen Bürger rechnen kann, er wird ihnen auch die Gerechtigkeit und das Wohlwollen nicht versagen, auf das sie als Vollbürger Anspruch haben. Er sichert sich selber dadurch die eifrigsten Mitarbeiter an dem schwierigen Werke der eigenen Verjüngung. Das hat sich erst kürzlich wieder bewiesen. Die türkische Regierung erließ einen Aufruf zugunsten der verhungernden Mohammedaner im verlorenen Adrianopel. Den stärksten Widerhall fand dieser Aufruf bei den Juden. Diese haben sich an dem Hilfswerke beteiligt, als gelte es ihren eigenen Brüdern. Auch die auf dem Großrabbinate tagende Kommission für die jüdischen Kriegsbeschädigten hat einen bescheidenen Beitrag gestiftet. Als Anerkennung dieser Teilnahme erhielt der Grand-Rabbin Nahum vor einigen Tagen aus dem Finanzministerium folgenden Brief: Konstantinopel, 14./27. Mai 1913, Kabinett des Finanzministeriums. Eminenz! Ich hatte die Ehre, zugleich mit Ihrem liebenswürdigen Takrire die fünfzig Pfund zu einpfangen, die Sie die Güte hatten, mir für meine Sammlung zugunsten der notleidenden Muselmanen Adrianopels zu überweisen. Der rührende Edelsinn, dem ich bei dieser Gelegenheit sowohl bei Ihrer Eminenz wie bei Ihren osmanischen und ausländischen Glaubensgenossen begegnet bin, die Spontaneität, mit der Sie alle zu dem grundmenschlichen Werke beigesteuert haben, dessen Resultate dank Ihrer Freigebigkeit meine Erwartungen übertroffen haben, inachen es mir zur Pflicht, Ihnen öffentlich meinen tiefbewegten Dank auszusprechen. Seit langein schon habe ich die sozialen Qualitäten Ihrer Rasse bewundern gelernt, die, ohne sich jemals in die streitbare Politik zu mischen, ohne sich Mordwaffen zu bedienen und ihren neidischen Verkleinerern und eingefleischten Hassern irgendwelche moralischen oder materiellen Vorwände zu liefern, lediglich durch ihre Arbeit und Rührigkeit sich den hohen Platz zu erringen wußte, den sie in der Welt behauptet. Neue Beobachtungen und persönliche Erfahrungen haben mir sodann bewiesen, wie sehr sie, mehr als alle anderen, nicht nur auf religiösem Gebiete tolerant und ihren eigenen schweren Prüfungen entsprechend inenschlich edel und mitfühlend ist, sondern auch hervorragend würdig, moralisch wie kulturell verfeinert und der Vervollkoinmnung entgegenstrebend. Die Tatsache allein, daß sie sich seit Jahrhunderten zu erhalten gewußt hat, ohne zu Gewaltinitteln ihre Zuflucht zu nehmen, beweist schon im Uebermaß ihre Kraft und ihren überlegenen Ziviiisationsgrad. Ganz besonders in meiner Eigenschaft als Tiirke halte ich darauf, hier von unserer tiefen Dankbarkeit gegenüber den Juden Zeugnis abzulegen für die Treue, die sie nicht aushören, diesem Reiche zu beweisen, und für ihre Ergebenheit, die sich auch unter den grausamsten llinständen nicht verleugnet hat. Das Großrabbinat seinerseits hat stets die Delikatesse und den praktischen L>inn bekundet, sich auf seine geistlichen Prärogative zu beschränken, ohne die Tätigkeit der Regierung jemals durch Einmischung weltlicher Art oder stiirmische Beschwerden zu enervieren; Ihre Schuhbefohlenen hatten sich dieser Haltung immer nur zu freuen. Auch individuell genommen, haben wir niemals von einem Juden als Bettler, Mörder oder Aufrührer reden hören. Wir hegen eine derartige Hochschätzung für die unerschütterliche Treue, die Nützlichkeit und den friedliebenden Charakter Ihrer

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