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Das jüdische Blatt · 1913-06-13 · 24 (13.6.1913) · p. Seite 6

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
24 (13.6.1913)
Date
1913-06-13
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 Aas jüdische Ktatt Nr U werden sollte, die sich in Gegenden niedergelassen hatten, wo sie kein Aufenthaltsrecht hatten. Dann aber begannen neue Zeiten. Sie erinnern sich gewiß noch des Berichts Pantschulidschews auf der Versammlung des Adels. In diesem Referat wurden die Leitsätze aufgestellt die jetzt dem Regierungsprogramm einverleibt worden sind. Auf dieses von außen hineingetragene Losungswort gestützt, haben Sie in der dritten Duma die Anfrage vom 26. November 1908 (wegen Stolypins Zirkular) und vom Jahre 1909 gestellt und von da ab begann eine Jagd auf Juden wie auf Wild. Menschen, die seit 30—40 Jahren an ihrem Orte angesiedelt waren, Greise und Greisinnen von 70 ja von 80 Jahren werden ohne viel Federlesens von ihren Wohnsitzen vertrieben. Dann brach sich die sophistische Auslegung des Gesetzes Bahn, nach welchem ein Jude, der in ungesetzlicher Weise irgendwo wohnte, dort bleiben durfte, während derjenige, der an seinem Orte gesetzliches Wohnungrecht hatte, vertrieben wurde. Die Erklärung des Senats, nach welcher ein Bäcker nicht mit Mehl, ein Uhrmacher nicht mit Uhren und Ketten, ein Konditor nicht mit Zuckerwaren Handel treiben darf, haben dazu geführt, daß diejenigen, die dieses Verbrechens überführt wurden, aus den Orten vertrieben wurden, in denen sie wohnten. Im Frühjahr 1910 begannen die bekannten Verfolgungen in Kiew, in deren Berlauf während eines einzigen Monats mehr wie 1000 Personen vertrieben wurden, und während deren man in die Hotels und Geschäfte einbrach, in die Wohnungen angesehener und wohlhabender Bürger. Daß der Befehl dazu von oben ergangen ist, hat der Führer der Mittelpartei (Oktobristen) bereits selber zugegeben und es ließe sich auch eine ganze Reihe Tatsachen als Beweis dafür anführen. Dem Gouverneur von Livland hat man einen Berweis erteilt, weil er gleichgültig gegenüber dem jüdischen Wohnrecht war — nun, er hört auf, gleichgültig zu sein. In Rostow war die Berwaltung nicht streng genug gegen die Juden, sie wurde darauf aufmerksam gemacht — sie änderte nun plötzlich ihr Berhalten und begann denselben Sturm gegen Hotels und Restaurants, wie es in Kiew vor sich ging. In Tula, wo die Zahl der Juden klein ist, kam ähnliches vor, und jüdische Greisinnen entgingen dem Schicksal der Vertreibung nur dadurch, daß sie sich mit Nikolajewskis Soldaten verheirateten. In Wolveda frugen Polizisten von Haus zu Haus, ob hie keine Juden wohnen, wo man Juden fand, vertrieb man sie, sogar diejenigen, die Wohnrecht hatten. Je weiter vom Zentrum der Regierungsgewalt, desto wirksamer waren die zarten Winke der Regierung. In Taschkent, Tomsk, Irkutsk hat man die Juden vertrieben mitten im strengen Frost des Winters. Bon Wladiwostok ergingen Befehle an andere Städte, den fortwandernden Juden den Einlaß zu verwehren, und wenn ein von Stadt zu Stadt irrender Jude bei Charbin die Grenze überschreiten wollte, hat man ihn auch von dort zurückgetrieben — mit der Begründung, Charbin gehöre zu Sibirien. Wie wir sehen, sind die Vertreibungen überall vorgekommen, selbst in den entlegensten Gegenden und auch außerhalb Rußlands Grenzen und diese Vertreibungen werden gegen alle Klassen und Berufe angewandt. Muß ich Sie noch an die Kommission erinnern, die das Wohnrecht der jüdischen Zahnärzte- und Apothekergehilfen zu kontrollieren hatte, und man begann, die Zeugnisse jüdischer Handwerker einer erneuten Prüfung zu unterwerfen, auf Grund deren allein in 1910 aus Smolensk 120 jüdische Handwerker vertrieben wurden. Allein das ist noch nicht das Schlimmste. General Dumbadse verjagte aus Jalta alle jüdischen Soldaten vom Wilnaer Jnfanterievolk, die dort einquartiert waren, Herschelmann klügelte ein Neues aus und vertrieb Kinder ohne ihre Eltern. 1907 begann man, die Kranken aus den Kurorten zu verjagen, wies Schüler aus, die mit Klassenausflügen kamen, Musikanten, die auf Wettbewerben erschienen, Advokaten, die gekommen waren, ihre Prozesse vor Gericht zu plädieren. Ich erinnere nur an den Fall des Advokaten Rafalowitsch, den man innerhalb sieben Stunden aus Astrachan auswies, Rabbinowitsch, ein zweiter Advokat, wurde 1912 ebenfalls aus Astrachan ausgewiesen, weil er den Titel „Gehilfsadvokat" nicht hatte, Rafolowitsch war aber tatsächlich Gehilfsadvokat, dennoch wurde er ausgewiesen. Jetzt haben wir noch von der Art der Austreibung zu sprechen. Im Smolensker Gouvernement hat man Jagden in den Wäldern veranstaltet, und dabei mit Flinten geschoben: in Jrkutsch hat man die angekommenen Juden auf dem Bahnhof, in Jaltu im Hafen verhaftet, und sie nicht in die Stadt hiueingelassen. Aus Petersburg hat man Kinder vertrieben, die k'änklich waren. In dieser langen Liste haben wir nur e'n Gewerbe, das den Juden erlaubt wird -— die Prostitution. Junge Mädchen, die nach Petersburg gekommen sind, um Medizin zu studieren, mußten gelbe Billete nehmen und die Polizei Hel streng darauf geachtet, ob sie sich auch wirklich mit ihrem Gewerbe abgeben; wenn nicht, hat man sie ausgewiesen. Auf Ihnen, meine Herren, ruht die Verantwortung, rief der Redner, nach rechts gewandt, die Sie diese Verbrechen g.gen das Menschentum unterstützen und die Autorität Rußlands in den Augen der ganzen zivilisierten W:lt untergraben. Soweit der Kadettenführer. Er ist nicht zu scharf ins Gericht gegangen, im Gegentei!, er war maßvoll Man kann unter dem furchtbaren Eindruck dieses Jammers und dieser Qualen nur begrüßen, daß, wie die neueste auf der jüngsten Wilnaer Emigrationskonferenz mitgeteilte Statistik beweist, die jüdische Auswanderung au; Rußland die natürlich» Zunahme der Geburten zu übe steigen beginnt. Die junge männliche Bevölkerung wandert aus, ein großer Troß von Greisen, Frauen und Kindern bleibt vielfach zurück; so ist der Augenblick gekommen, wo die jüdische Bevölkerung in Rußland scheint sinken zu wollen. Bisher hielt nun die Auswanderung für einen Tropfen auf einen heißen Stein, und getraute sich nicht, von ihr e.ne Linderung des Massenelends zu erwarten. Wenn es sich bewahrheiten sollte, daß die jüdische Bevölkerung, die unter der Rute de? Zaren seufzt, in absteigender Richtung begriffen ist, hätten wir wenigstens die begründete Hoffnung, dem Moskowiter mit der Zeit feine jüdische Beute entschwinden zu sehen. Am Schluß der Dumaverhaudlungen über das Ministerium des Innern wurde unter rauschendem Beifall der Linken eine Tagesordnung der Millelpartei (Oktobristen) angenommen, die über die Tätigkeit des Ministeriums des Innern eine scharfe Kritik aussprich'. Was kann das aber nützen? Die Hetze dauert fort. Acht Menschen lebrndg verbrannt. In der Ortschaft Pontrew bei Welun haben die durch den polnischen Boykott aufgehetzten Bauern ein Autodafe an acht jüdischen Menschen vollzogen. Sie steckten das Haus der einzigen wohlhabenden jüdischin Familie tu Brand, nachdem sie vorher Fenster und Tü een vernagelt latten. Die acht Bewohner des Hauses kamen in den Flammen um. Nur ein kleines Kind, das von seiner Mutter duich ein Fenster in den Garten geworfen würbe, entkam dem Flammentode. Niemand der Dorfbewohner wollt die verzv eifelt um Hilfe rufende Familie retten! Vom Deilir prozeß. Nach achtstündiger Beratung bestätigte die Anklagekammer des Kiewer Obergerich shosts die Anklageschrift gegen Beilis wegen R i t u a l m o r d e z. Der Anklageschrift sind Gutachten der ärztlichen Sachverständigen Professoren Obolowsko, Sisorfki und Kassorot iw sowie des russischen Theologieprofessors Twitski und des katholischen Geistlichen Pranaitis beige; eben. Es ist möglich, daß die Gerichtsverhandlungen unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfinden.

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