Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 24 (13.6.1913)
- Date
- 1913-06-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 Das jüdische Matt. schärfer die Scheidung frei hervorträte, desto besser wäre es. Jedenfalls müßte u. E. eine diesbezügliche Bestimmung folgende Punkte entfalten. Als Kultusgemeindevermögen gilt das als solches gekennzeichnete Stiftungsvermögen, dessen Erträgnisse den allgemeinen Zwecken der Kultusgemeinde dienen. Nicht zum Kultusgemeindevermögen gehört das Stiftungsvermögen, dessen Erträgnisse zu Zwecken bestimmt sind, die außerhalb der allgemeinen Zwecke der Kultusgemeinde liegen. In einem Motivenbericht müßten dann die allgemeinen Zwecke genau umschrieben sein. Die Verwaltung des Kultusgemeindevermögens obliegt der Kultusgemeinde: sie wird ausgeübt durch die Kultusgemeindeverwaltung. Für die Verwaltung des Stiftungsvermögens wird ein eigenes Gremium geschaffen. Finanzielle Transaktionen innerhalb des Stiftungsvermögens bedürfen der Zustimmung des Rabbiners, welcher unter allen Umständen für die Erhaltung des Stiftungsoermögens verantwortlich ist. Die Verwendung von Erträgnissen, welche für kulturelle Zwecke bestimmt sind, geschieht durch die Stiftungsvermögensverwaltung unter Zuziehung des Rabbiners; sie ist gebunden an die Bestimmungen der Stiftungsurkunden. Änderung des Zweckes können nur durch gemeinsames Votum der Kultusgemeindeverwaltung, der Stiftungsvermögensverwaltung und des Rabbiners erfolgen. (Wir bemerken, daß wir überall da die Zuziehung des Rabbiners postulieren, wo religiöse Fragen vorhanden sind.) Artikel 7 könnte analoge Änderung finden. Statt Artikel 8 müßte eine Bestimmung getroffen werden, welche es der Stiftungsverwaltung überläßt, bei Unmöglichkeit der Zweckserfüllung in der betreffenden Kultusgemeinde (z. B. das Fehlen der Zehnzahl zum Gebete) die Erfüllung des Stiftungszweckes in einer anderen Gemeinde zu veranlassen. Artikel 9 wäre eine vorzügliche Bestimmung auch für Kultusgemeinden. (Fortsetzung folgt.) -^- Ein deutscher Professor über „Htesormjudentum". Herr Dr. Arthur Sachs, Professor an der Universität Breslau, gibt in einem im „Jüdischen Volksblatt" Rr. 13 erschienenen Artikel „Die Lösung der Judenfrage" seine Gedanken nochmals wieder, die er bereits im „Deutschen Reich" veröffentlicht hat. Seine Ausführungen faßt er dahin zusammen: 1. Es gibt zwar jüdische Rasseneigentümlichkeiten, aber sie machen nicht das Wesen des Judentums aus; 2. das Wesen des Judentums liegt auf religiösem, nicht auf jüdisch-nationalem Gebiet: 3. das Reformjudentum ist zu bekämpfen; 4. der politische Anschluß der Judenheit an den Liberalismus ist zu bekämpfen. Uns interessiert besonders, was er in dem Punkt 3 des Artikels „Die Lösung der Judenfrage" ausführt und was wir im folgenden wiedergeben. Punkt 3 ist gegen das religiös-liberale „Reformjudentum" gerichtet. Jede liberale Religion trägt den Keim des Todes in sich. Eine Religion ohne Dogmen, Geistliche und Zeremonien ist ein Phantasiegebilde, das unter keinen Umständen fähig ist, dem einzelnen Menschen oder gar der ganzen Menschheit den notwendigen Halt in diesem Leben, die Hoffnung auf eine Vollendung im Jenseits zu gewähren. In dem Augenblick, wo eine Religion „liberal" wird, fängt sie an, zur bloßen Philosophie herabzusinken. Kein philosophisches System aber hat es bisher vermocht, die metaphysische Sehnsucht der Menschheit zu stillen, und man darf ruhig prophezeien, daß dies auch niemals in Zukunft gelingen wird, weil jede Philosophie dem menschlichen Hirn entspringt, während die Religion eine gnadenreiche, göttliche Offenbarung repräsentiert. Die Unzulänglichkeit der bloßen Philosophie haben die größten Geister aller Zeiten anerkannt. Schopenhauer sagt: „Welche Fackel wir auch anzünden und welchen Raum sie auch erleuchten mag, stets wird unser Horizont von tiefer Nacht umgrenzt bleiben." Kant gesteht: „Alle Aufgaben auflösen und alle Fragen beantworten zu wollen, würde eine unverschämte Großsprecherei und ein so ausschweifender Eigendünkel sein, daß man dadurch sich sofort um alles Zutrauen bringen mühte." Und 1905 erklärte Paulsen: „So groß die Fortschritte sind, welche die Wissenschaft in der Erkenntnis der Naturgesetze der Erscheinungen in neuerer Zeit gemacht hat, so ist dennoch die Welt auch heute noch das große Rätsel, als welches sie dem ersten sinnenden Menschengeist erschien. Die Wissenschaften bringen das Wunder des Daseins auf Formeln, aber sie eliminieren es nicht." (Vgl. Dr. Reinhold, der alte und der neue Glaube, Wien 1909, p. 140.) Man erkennt die Folgen des religiösen Liberalismus in der Judenheit deutlich genug. Es rächt sich, daß man den Mahnungen des genialen und strenggläubigen Samson Raphael Hirsch nicht gefolgt ist, sondern den liberalen Lockungen Holdheims und Geigers nachgegeben hat; der unleugbar im Rückgang begriffene religiöse Sinn des gegenwärtigen Geschlechtes ist die Folge dieser Verirrung. Auf den übrigen Inhalt des Artikels wird noch zurückzukommen sein. Brief vom Lande. LXX. Hand aufs Herz! Sie hatten gestern keine Ahnung, daß ich Rücken an Rücken mit Ihnen in demselben Coupo fuhr und etwas von Ihrem Gespräch erlauschte. Sie beliebten ein sehr dankbares Thema anzuschlagen, das Hausieren und, gestatten Sie die Bemerkung, Sie wurden dabei etwas ungerecht. Gewiß, die Hausierer sind vielleicht die unangenehmste Form von Detailreisenden, nur mit dem kleinen Unterschiede, daß sie meistens arme Leute sind. Aber deshalb hätten Sie sich wirklich nicht so aufzuregen brauchen. Es zwingt Sie und Ihre Gnädige ja niemand, etwas zu kaufen. Und was Sie da sagten, vom Schutz der seßhaften Kaufleute, so erlauben Sie mal, Ihr Herr Sohn ist doch Detailreisender; geht der gar nicht in andere Städte? Fragen Sie ihn doch mal. Aber ich will Ihnen etwas sagen, mit dem Hausierer fängt man an, mit dem Reisenden hört man auf. Verstehen Sie mich? Doch im Grunde genommen habe ich mich mit Ihrem Vortrag im Coupü gewaltig gefreut. Denn, sehen Sie, als ich jüngst bei Ihnen zu Besuch war, da haben Sie wohl bei einem Hausierer gekauft und zwar Zizzis und Tephillin. Wissen Sie noch, wie ich damals mit Ihnen anstellte? Aber da nahmen Sie die Partei des Hausierers, natürlich weil er der billige Mann war! Und nun sagen Sie selbst, Sie haben einen frommen Haushalt. Warum sind Sie nun gerade da so geizig? Wie die Welt nun einmal heute ist, kauft sie sich doch nur einmal Tephillin, zur Bar Mizwoh. Und da soll man wegen drei, sage und schreibe drei Mark sich sagen müssen, daß man das ganze Leben ein so heiliges Gebot glatt nicht erfüllt. Jawohl, denn mit der Zuverlässigkeit der Hausierer-Tephillin sieht es sehr bedenklich aus. Schicken Sie doch mal Ihre Tephillin Ihrem Herrn Rabbiner, daß er sie Nachsehen soll und Sie werden Ihr blaues Wunder er-